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Europäisches Forum Alpbach 2012: Erwartungen - Die Zukunft der Jugend |
Finanzkrise, Schuldenkrise, Wirtschaftskrise, Bankenkrise, Eurokrise und Alpbach. Das Wort, das hier nicht in die Reihe passt, ist "Krise". Mir bot sich heuer die großartige Gelegenheit am Europäischen Forum Alpbach (EFA) als Stipendiat teilzunehmen und den "Spirit of Alpbach" hautnah mitzuerleben. Der Großteil der TeilnehmerInnen hat dort von Chancen anstatt von Krisen gesprochen, davon, dass wir mehr Europa bräuchten und darüber, dass es an der Zeit sei, dass sich die Jugend vernetzt und selbst beginnt mitzugestalten. Auch über den demografischen Wandel, die damit verbundene Generationengerechtigkeit und die zukünftige Verteilung von sozialen Lasten wurde fleißig debattiert.
Das EFA wurde 1945 von Otto Molden gegründet und 3 Monate nach Kriegsende im nicht zerstörten Alpbach in Tirol erstmals abgehalten. Die Teilnahme steht allen Interessierten offen und inzwischen folgen mehr als 4.000 Menschen aus über 60 Nationen der Einladung in einem Klima der Toleranz gegenüber anderen Meinungen interdisziplinär über aktuelle Fragen der Zeit zu diskutieren. Zu diesem Zweck kommen ReferentInnen und TeilnehmerInnen aus den Bereichen der Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Kunst aus allen Teilen der Welt alljährlich in Alpbach zusammen.
Die Teilnahme junger Menschen (heuer ca. 700) wird durch ein Stipendienprogramm ermöglicht, das durch Zuwendungen von Stiftungen, Firmen und der öffentlichen Hand finanziert wird.
Das Programm des EFA 2012 bestand aus:
• einer sechstägigen Seminarwoche mit 8 Vormittagsseminaren und 8 Nachmittagsseminaren,
• den Alpbacher Gesprächen mit zwei- bis dreitägigen Konferenzen zu Themen aus Baukultur, Gesundheit, Perspektiven, Technologie, Politik, Recht, Wirtschaft und dem Bereich des Finanzmarkts,
• (den Alpbacher Sommerschulkursen zum Thema „Europarecht und europäische Integration“),
• spontan organisierten Kamingesprächen, die die Möglichkeit boten brisante Themen offen und in sehr kleinem Rahmen mit großen Persönlichkeiten (Fischer, Josipovic, Karas, Fischler, Busek, Töchterle, Puntscher-Riekmann, El-Gawahry, Kurz,...) zu diskutieren,
• diversen Empfängen und
• einem umfassenden Kunst- und Kulturprogramm.
Inoffiziell gehörten auch eine frühmorgendliche Besteigung des Gratlspitz, der Besuch diverser Clubbings, das Absolvieren eines Pub-Quizes, die Teilnahme an einem Fuß- bzw. Beachvolleyballturnier, die Post-Alpbach-Depression danach und vieles mehr (nur Schlaf nicht) zum Programm.
Die Seminarwoche bildete das Kernstück des Forums. Das lag sowohl daran, dass die Seminare sechs Halbtage dauerten, einen recht interaktiven Charakter hatten und die Teilnehmer durch ihre unterschiedlichen Nationalitäten und Disziplinen eine sehr heterogene Diskussionsgemeinschaft gebildet haben als auch daran, dass die Seminare ausgezeichnet geleitet wurden und damit einfach am intensivsten waren.
Als Student habe ich mich anschließend sehr über die Möglichkeit gefreut, Fragen an unseren Bundesminister für Wissenschaft und Forschung in einer kleinen Runde von 15 Personen stellen zu können. Selbiges gilt als Europäer für das Kamingespräch mit unserem Vizepräsident des europäischen Parlaments, als junger Österreicher mit unserem Bundespräsidenten sowie mit unserem Staatssekretär für Integration, etc.
Als Fazit möchte ich somit festhalten: Wer etwas über Europa und die Themen, die Europa bewegen, direkt aus erster Hand erfahren will, wer bereit ist, einmal einen Einblick in die Welt unserer Lenker (national und europaweit) zu riskieren, wer den Kontakt zu Europäern aus anderen Nationen suchen möchte, die bzw. der ist in Alpbach ausgezeichnet aufgehoben.
Allen Interessierten seien die Alpbach News (http://www.alpbach.org/index.php?id=1728) ans Herz gelegt, die in aller Kürze zusammenfassen, was an den einzelnen Tagen los war.
Als abschießenden Denkanstoß zu Europa möchte ich den folgenden Artikel empfehlen: Was willst du mit Österreich, Opa, wir haben doch jetzt Europa. (http://www.wienerzeitung.at/nachrichten/politik/europa/484478_Was-willst-Du-mit-Oesterreich-Opa-wir-haben-doch-jetzt-Europa.html)
PS: Das Generalthema für 2013 lautet übrigens “Erfahrungen und Werte”.
Hier können Sie den Verfasser gerne kontaktieren: florian.brucker@securitykag.at
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Ist der EZB-Entscheid ein Schritt zurück in Richtung Souveränität des Nationalstaats? |
Folgt man dem Mainstream, ist eine Kauflawine der EZB zu befürchten. Das Risiko maroder Euro-Nationalstaaten wird zur EZB verfrachtet - die Abhängigkeitsverhältnisse verdichten sich und die Eurozone wächst wider Willen stärker zusammen. Wir haben dann auf der einen Seite Staaten, die Auflagen von EFSF/ESM erfüllen müssen und auf der anderen Seite Länder, die aufgrund der Risikogemeinschaft praktisch zum Kooperieren gezwungen werden. De facto verlieren die Staaten Souveränität!
Ich hätte die einleitende Frage trotzdem mit „ja!“ beantwortet.
Einfach, weil ich mit dem gängigen Europabild nicht viel anfangen kann. Die von Markt und Medien gezogene Grenze zwischen gut und schlecht oder arm und reich in Europa ist von absoluter Willkür geprägt. Wirft man die Länder nicht in einen der beiden Töpfe, zeigt sich die Eurozone weit weniger divergent. Natürlich sind Griechenland und Finnland wirtschaftlich nicht auf eine Stufe zu stellen, aber die Unterschiede zwischen Italien, Niederlande und Frankreich würden in einem normalen medialen Umfeld keinem auffallen oder gar stören; jedes Land hat Stärken und Schwächen. Und etwa Österreich und Deutschland als Musterknaben zu präsentieren grenzt nahezu an Realitätsverweigerung. Das Tempo notwendiger Reformen ist absolut unzureichend.
Mit Ausnahme Griechenlands haben europäische Staaten gezeigt, am Rande des Abgrunds zuvor ungeahnte Reformmaßnahmen durchführen zu können. Italien, Irland, Portugal oder Spanien haben nicht nur Weichen gestellt, die ersten Länder befinden sich bereits auf dem Weg der Rekonvaleszenz.
Das EZB-Ankaufprogramm ist so gestaltet, dass Länder kontinuierlich Reformen umsetzen müssen, um hiervon partizipieren zu können. Daher kann man davon ausgehen, dass am Ende die meisten Kandidaten ihre Kredite auch zurückzahlen können. Auch wenn es zu Kreditausfällen kommen würde, ist es sehr wahrscheinlich, dass diese durch Gewinne aus anderen Ländern zumindest geschmälert würden. Potentielle „Geberländer“ sollten langfristig nur überschaubaren Risiken ausgesetzt sein. Davon zu sprechen, dass Deutschland und Co durch das Ankaufprogramm in Geiselhaft genommen werden, ist für mich ein „Teufel an die Wand malen“!
Und was ist mit Ländern, die aktuell den Launen des Marktes ausgesetzt sind? Italien weist etwa einen Primärüberschuss auf, kämpft aber aktuell mit zu hohen Zinsen. Diese befinden (oder befanden) sich wegen der gemeinsamen Notenbank nicht im Einflussbereich der italienischen Regierung. Spart Italien deutlich mehr, droht der wirtschaftliche Zusammenbruch wie in Griechenland, spart Italien weniger, nimmt das Defizit Überhand. Italien hatte vor Eingreifen der EZB praktisch keine Chance, wirtschaftlich zu überleben.
Durch das lancierte Kaufprogramm haben es Staaten nun wieder selbst in der Hand, die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Zukunft zu schaffen. Nicht mehr der Markt sondern die eigene Politik sitzt nun an den Zügeln.
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Die Pensionsdisukussion muss bald beginnen |
Wie schon in vergangenen Blogs von mir kritisiert, erfolgt in Österreich ein falscher Umgang mit der Thematik der zukünftigen Pensionen. Die Regierung beschwichtigt und macht um dieses Thema einen großen Bogen, die private Altersvorsorge wird stiefmütterlich behandelt und das Bewusstsein in der Bevölkerung wird dadurch nicht geschärft.
Anders in Deutschland. Hier hat ja die Sozialministerin (!) auf dieses Thema aufmerksam gemacht und fordert für Niedrigverdiener eine Zuschussrente, sofern diese auch privat vorsorgen. Die Zahlen, die Sie dafür verwendet, sprechen in Deutschland eine eindeutige Sprache:
Monatslohn...Pension 2012.......Pension 2030
1.900...............620,30................523
2.500...............816,19................688,16
Sie sehen also, dass die Pensionslücke nicht nur groß ist, sondern bis 2030 in unserem Nachbarland sogar noch weiter steigen wird. Die private Vorsorge wird dort ja schon seit Jahren gefördert (Riester Rente, Basisrente etc.) und die Menschen sind sich der Thematik schon viel mehr bewusst als in Österreich. Die Politik in Deutschland ermutigt die Bürger darin, dass sie neben der staatlichen Pension auch privat vorsorgen. In Österreich ist davon noch nichts zu bemerken und ich persönlich meine, dass die verantwortlichen Personen in der Regierung dies endlich einmal zur Kenntnis nehmen und hier geeignete Schritte ergreifen müssen.
Ob diese Zuschussrente jetzt in Deutschland der richtige Weg ist, kann ich nicht sagen, aber es wird zumindest über das Thema Pensionen diskutiert - und zwar sachlich und nicht parteipolitisch indoktriniert. Ich würde mir für Österreich auch so eine Diskussion wünschen - aber das hat ja scheinbar noch Zeit, denn das Problem betrifft ja nicht die heutigen Politiker….
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2012 ist ein „Horrorjahr“ … |
Erinnern Sie sich an den Ausblick für das Jahr 2012 - rundum negativ. Die Eurozone wird zusammenbrechen, die Wirtschaft kommt nicht auf die Beine, die Kapitalmärkte sind massiv überbewertet. Mittlerweile sind bereits drei Viertel des Jahres vorbei und es wird Zeit, ein Resümee zu ziehen und die Prognosen auf „Werthaltigkeit“ zu überprüfen.
Bei nüchterner Betrachtung der Performance-Zahlen seit Jahresbeginn kann man durchaus davon sprechen, dass das Jahr 2012 in Summe gesehen ein sehr erfolgreiches Wertpapierjahr war. Nahezu alle Asset-Klassen konnten seit Jahresbeginn beträchtlich an Wert zulegen. Problematisch ist dieses Jahr lediglich für jene Investoren gewesen, die aufgrund der verhaltenen Einschätzung einen Großteil ihres Portfolios in Cash bzw. Geldmarkt geparkt haben. Mit einem hatten die Prognostiker recht - 2012 wurden wir mit einer Reihe von schlechten Nachrichten konfrontiert. Man denke in diesem Zusammenhang beispielsweise an die „Euro-Krise“. Dieser wird zwar in der medialen Berichterstattung große Bedeutung beigemessen, jedoch hat sie sich bisher noch nicht in der Performance niedergeschlagen.
Gefühlt ist 2012 kein gutes Jahr - die Entwicklung der Kapitalmärkte spricht aber eine deutlich andere Sprache. Vielleicht ist dieses Faktum auch damit zu begründen, dass viele Anleger und Investoren einfach nicht dabei waren.
Jetzt tut sich ein ähnliches Bild auf. Die Stimmung ist äußerst schlecht und alle interessierten Beobachter schauen auf die Woche der Entscheidung. Heute sehen alle mit Argus-Augen auf die EZB und die Äußerungen von Präsident Mario Draghi. Nächste Woche könnte der deutsche Verfassungsgerichtshof den ESM zum Kippen bringen. Und nicht zu vergessen - nächste Woche steht das für uns Österreicher immens wichtige Länderspiel gegen unseren „Lieblingsnachbarn“ Deutschland auf dem Programm.
All das sind Ereignisse, die unserer Leben (mehr oder weniger) beeinflussen. Es ist unmöglich, diese auch nur ansatzweise vorherzusagen. Das sind allerdings nur Dinge, die sich in den kommenden Tagen entscheiden werden. Wie soll man dann auch nur ansatzweise Ereignisse für kommende Monate, Quartale geschweige denn Jahre vorhersehen? Hierbei ergeben sich unzählige Entscheidungsbäume, die den Verlauf der Geschichte in die eine oder andere Richtung maßgeblich verändern können. Im Nachhinein können wir natürlich alles schlüssig und logisch erklären.
Nichts desto trotz mache ich einen Versuch - damit habe ich zumindest die Chance, zukünftig ein gefragter Prognostiker zu werden :-)
Die EZB wird heute Nachmittag (gemäß den Rumors) verlautbaren, dass sie Problemstaaten durch den Kauf von kurzläufigen Anleihen unterstützen. Österreichs Nationalteam schlägt Deutschland 3:2 - damit gerät Cordoba in Vergessenheit und wir Österreicher haben wieder ein Ereignis, über das wir uns mehrere Jahrzehnte lang erfreuen können. Und zu guter Letzt sorgt der Verfassungsgerichtshof in Deutschland für kurzfristige Verunsicherung, da er verlautbart, dass die ESM-Entscheidung erst vom Parlament bestätigt werden muss und erst danach endgültig verabschiedet werden kann. Dies wird eiligst nachgeholt und damit steht der Umsetzung des dauerhaften Rettungsschirms nichts mehr im Wege. Dies sorgt für eine Entspannung an den Märkten und zu einem erfreulichen Jahresausgang.
Alle Angaben - wie immer ohne Gewähr :-)
Hier können Sie den Verfasser gerne kontaktieren: josef.obergantschnig@securitykag.at
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Raus aus dem Schrebergarten! Wir sind es unseren Kindern schuldig... |
Letzte Woche wurde das „Europäische Forum Alpbach“ beendet und wie jedes Jahr kehrt man als glühender Europäer zurück. Meist geniert man sich für die kritischen Gedanken und Überlegungen der letzten Monate, denn man erkennt immer wieder, dass wir auf einem Weg sind, der indiskutabel sein sollte: Nach der wirtschaftlichen Union folgen nun die politische Union und dann die weiteren sozialen Bereiche...
„Wir besitzen nicht diese Erde, sondern verwalten sie nur für die kommenden Generationen.“ Dieses berühmte Zitat könnten wir auch auf unser Land, unsere Wirtschaft und das darin vorhandene Wissen & Vermögen umlegen. Damit müssen wir sorgsam umgehen und jeder Rückzug/Rückschritt vor der logischen Entwicklung der kommenden Jahrzehnte - der „Föderation Europas“ oder „Vereinigte Staaten Europa“ - wäre nur eine Behinderung für die kommende Generation.
Alle Europa-Kritiker (für die beispielsweise Frankfurt immer noch Ausland ist...) müsste man nach Alpbach schleifen oder Ihnen zwangsweise den kostenfreien „Live-Stream“ im Internet verordnen. Dann würden sie hören, was uns Wissenschafter und Wirtschaftsgrößen anderer Kontinente sagen: „Europa könnte die wirtschaftliche und sozialpolitische Leitmacht der Welt sein, wenn es nur mit einer Stimme sprechen würde.“ Wie ich schon im letzten Jahr ausführlich berichtet habe, wäre der "Binnenmarkt Europa" die Nr. 1 in allen Wirtschaftssegmenten (Export, Dienstleistungssektor, Innovationen, Umweltschutz etc.) und davon würden dann alle Mitgliedsstaaten unmittelbar profitieren.
Auch Österreich ist der „Sieger“ der EU! Wir haben seit dem Beitritt in allen wesentlichen Bereichen nur profitiert: Beispielsweise sind wir das drittreichste Land der Union, haben unsere Exporte mehr als verdoppelt und bereits über € 50 Milliarden an Direktinvestitionen aus dem Ausland erhalten. Mehr als zwei Drittel unserer Wirtschaft lebt vom Dienstleistungssektor, dem bedeutendsten Bereich der EU-Wirtschaft, und daher haben wir die geringste Arbeitslosenrate der Staatengemeinschaft.
Genügend Gründe stolz zu sein, aber dies ist eine Befindlichkeit, die dem Österreicher leider fremd ist. Wir Österreicher wollen so gerne auf „die da oben“ schimpfen oder uns vor „den Anderen“ fürchten. Da rücken wir zusammen und fühlen uns sicher in unserem "Schrebergarten". Beobachten Sie stattdessen, wie Amerikaner oder Asiaten denken und agieren: „Es gibt ein Problem? Wie kann ich es lösen!“ Ein Österreicher denkt, wer ist schuld und wer kann mir helfen...
Lassen wir den kurzfristigen Blick (aktuelle Finanzkrise, Verschuldung Griechenlands, kommende Banken-Union u.v.m.) außer Acht und erkennen, dass wir die aktuellen Probleme jetzt rasch und um jeden Preis lösen müssen - nicht für uns, sondern für unsere Kinder. Denn nichts wäre schlimmer, als wenn Österreich so bleiben würde, wie es ist: Klein, lieb und langfristig unbedeutend. Die Zeiten haben sich geändert und die globale Wirtschaft wird von einem globalen Denken getragen. Dieses Denken leben unsere Kinder schon längst vor (duale Ausbildung, Auslandsaufenhalte etc.) und werden es dann auch als Erwachsene umsetzen - ihnen steht nur die aktuelle „alte Führungsriege“ noch im Weg. Die klammern sich aus Angst vor dem Unbekannten an die gute alte Zeit und lassen sich E-Mails immer noch von der Sekretärin ausdrucken...
Hier können Sie den Verfasser gerne kontaktieren: michael.mueller@securitykag.at
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Arbeitslosigkeit und Effizienzlöhne |
Das Problem der unfreiwilligen Arbeitslosigkeit ist der Klassik fremd. Wenn mehr Menschen arbeiten wollen, als Jobs zur Verfügung stehen, passt sich automatisch der Reallohn nach unten an. Die Arbeitsbereitschaft der Menschen nimmt ab, gleichzeitig bieten die Unternehmen mehr Jobs an. Das Problem der unfreiwilligen Arbeitslosigkeit löst sich wie durch Zauberhand von selbst und es stellt sich eine Markträumung ein. Es gibt jedoch Fälle, in denen sich der Reallohn nicht nach unten anpassen kann, obwohl unfreiwillige Arbeitslosigkeit vorherrscht.
Ein Grund dafür besteht darin, dass Unternehmen ihrerseits bereit sind, Löhne zu zahlen, die über dem markträumenden Niveau liegen, weil sie sehr viel Wert auf Kontinuität in der Belegschaft legen und Fluktuationen der Mitarbeiter vermeiden wollen. Per definitionem führen gleichgewichtige Löhne dazu, dass jeder Arbeiter, der einen Job sucht, auch eine Stelle findet. Dementsprechend wird ein Arbeitnehmer, der den gleichgewichtigen Lohn verdient hat, nachdem er gekündigt hat, sofort wieder eine Stelle zum gleichgewichtigen Lohn finden, wenn man von kurzer fraktioneller Arbeitslosigkeit absieht. Möchten Unternehmen daher einen Jobwechsel ihrer Mitarbeit verhindern, müssen sie höhere Löhne zahlen als das marktübliche Niveau.
Manche Unternehmen zahlen ihren Arbeitnehmern höhere Löhne, weil sie sich durch ihr Entgegenkommen einen höheren Einsatz und mehr Arbeitsmotivation erwarten. Das dahinterliegende Prinzip baut auf Fairness auf und lautet „mehr geben und mehr bekommen“. Ein anderer Ansatz geht davon aus, dass Mitarbeiter im Wesentlichen ihre Fähigkeiten kennen und dementsprechend entlohnt werden wollen. Besser ausgebildete und fähigere Mitarbeiter werden höhere Löhne verlangen als weniger fähige Mitarbeiter. Werden niedrige Löhne angeboten, dann werden sich tendenziell auch nur wenige fähige Arbeitnehmer bewerben, da für besonders qualifizierte Arbeitnehmer der Lohn zu niedrig ist. Es kommt zu einer adversen Selection, sodass im betreffenden Unternehmen nur schlechte Arbeitsqualitäten übrig bleiben. Durch die Bereitschaft höhere Löhne zu zahlen, stellen Unternehmen eine entsprechend hohe Qualität der Bewerber sicher.
Überdurchschnittliche Löhne steigern darüber hinaus die Opportunitätskosten von freiwilligen oder unfreiwilligen Jobwechsel. Ein Arbeitnehmer, der bei hohem Lohn den Job wechselt, gibt mehr auf, als wenn der Lohn niedrig ist. Freisetzungen von Mitarbeitern aufgrund von geringem Arbeitseinsatz führen ebenfalls zu hohen Opportunitätskosten auf Seiten der Arbeitnehmer. Hohe Löhne wirken damit Drückebergerei entgegen.
Hier können Sie den Verfasser gerne kontaktieren: oliver.hann@securitykag.at
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Opportunismus oder Prinzipientreue - Europas Zukunft auf dem Scheideweg |
Der Disput innerhalb der EZB suggeriert ein Kräftemessen zwischen Deutschland und dem Rest der Eurozone. Doch für mich ist er viel mehr eine entscheidende Weichenstellung für die Politkultur der kommenden Jahre.
In Kerneuropa etablierte sich in den Nachkriegsjahren eine Politik der Kontinuität und des Konsens - eine Politik, die uns Wohlstand und Stabilität brachte. Deutschland, in Vertretung des deutschen Bundesbankpräsidenten Jens Weidmann, steht für mich genau für diese Form der politischen Entwicklung. Und trotz des Erfolgs steht Weidmann in Europa im Abseits.
Deutschland hat Europa in den letzten Jahren den Stempel aufgedrückt. Die Budgets wurden verbessert, die Disziplin wurde gestärkt. Die konventionellen Mittel wurden ausgeschöpft, man ist sogar mit den Rettungsschirmen einen Schritt weiter gegangen, als einem lieb war. Doch noch immer fegt der Sturm des Marktes über Europa und treibt es immer näher an den Rand des Abgrunds. Deutschlands Politik hat sich als zu starr, zu statisch erwiesen.
Die EZB ist drauf und dran den altbekannten Weg zu verlassen, und damit Deutschland vor vollendete Tatsachen zu stellen. Besonders bitter scheint allerdings aufzustoßen, dass die prinzipiengesteuerte Politik für die neue Zeit zu träge und ineffizient geworden ist. Es wird immer deutlicher, dass wir uns nicht auf unserer Vergangenheit ausruhen können.
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Nur die Faulen jammern - die Fleißigen überleben jeden Sturm... |
Kürzlich habe ich ein interessantes Zitat des bekannten Industriellen und Deutschlands "Schrauben-König“ Reinhold Würth gelesen. Dessen Anforderung an neue Vertriebsmitarbeiter (immerhin einige Tausend in ganz Deutschland) sei ganz einfach: „Hauptsache er/sie ist bereit mindestens 8 Stunden am Tag intensiv zu arbeiten - den Rest bringen wir ihm/ihr bei!“
Eine starke Ansage, wenn man bedenkt dass diese acht Stunden ohnehin der allgemein üblichen Büro-Arbeitszeit von 09.00-17.00 Uhr entspricht. Bei genauerer Betrachtung und kritischer Beobachtung des jeweiligen Umfelds muss man allerdings feststellen, dass kaum mehr jemand wirklich 8 Stunden durcharbeitet oder durcharbeiten kann. Beobachten Sie mal einen Kollegen/Kollegin und ziehen die üblichen „Zeitfresser“ ab:
Morgens einen Kaffee zum Ankommen, dann Mails und soziale Netzwerke checken, zwischendurch eine Zigarette oder noch ein Kaffee, dann die Mittagspause (länger als 30 Minuten?), anschließend einen Kaffee zum Wach bleiben. Am Vormittag und/oder Nachmittag ein Termin/Meeting welcher mit mindestens 90 Minuten veranschlagt ist und dann vielleicht noch die eine oder andere private Besorgung. In jedem Fall denkt man um 17.00 Uhr schon an das Beenden des anstrengenden Tagwerkes - nur niemand hat sich wirklich alle die genannten Zeitkiller verkniffen und kommt daher nie auf die Netto-Acht-Stunden...
Stellen Sie sich vor, ich kenne Menschen die arbeiten täglich intensiv von 08.00-19.00 Uhr und gönnen sich nur eine Stunde Mittagspause - also mindestens 10 Stunden intensives Arbeiten pro Tag. Dieses Pensum manchen sie 5 Tage die Woche und bei besonders wichtigen Projekten wird der Samstagvormittag auch noch genützt. Glauben Sie mir, da geht sich auch noch ein Familienleben aus, denn viele diese „Unternehmer“ haben sogar eine glückliche Beziehung und mehrere Kinder :-))
Sind wir ehrlich, die meisten Menschen würden alleine den Energielevel nicht aufbringen, so lange konzentriert zu arbeiten und damit auch mehrere Projekte/Unternehmen zu managen. Wenn ich dann noch berichte, dass einige dieser „Worker“ auch noch vor Arbeitsbeginn um 08.00 Uhr bereits ein 40-60 Minuten-Workout hinter sich haben, dann glauben Sie mir wahrscheinlich gar nichts mehr.
Niemand verlangt von Ihnen so ein Arbeitspensum, aber jammern Sie zukünftig nicht mehr, wenn anderen erfolgreicher sind. Besonders dumme Zeitgenossen sagen dann noch „...der hat einfach Glück gehabt.“ Wir alle kennen den berühmten Satz: „Das Glück ist ein Vogerl, welches nur dem Tüchtigen zufliegt.“
MEISTER-TIPP: Bewerten Sie ehrlich Ihr eigenes Arbeitspensum der „Netto-Arbeitszeit“, dafür relevant sind nur EWH´s (Einkommenswirksame Handlungen) wie Kommunikation mit Kunden, Erstellen von Konzepten/Angeboten und Motivation von Mitarbeitern. Wie kann jemand, der netto 10 Stunden täglich arbeitet, erfolgreicher sein als jemand, bei dem nach Abzug aller „Zeitfresser“ netto nur mehr 5 Stunden übrig bleiben? Ganz einfach, er/sie bringt doppelte Leistung...
WICHTIG: In Krisenzeiten bedeutet dieser überdurchschnittliche Einsatz aber nicht, automatisch doppelt so viel zu verdienen. Ich denke, dass, gerade in schwierigen Zeiten und je länger diese andauern, nur die Fleissigen überleben können. Ich bin sogar überzeugt, dass nur dieser intensive Einsatz aktuell das Überleben sichert und die Faulen, die weiterhin „business as usual“ betreiben, bald von gestern sein werden...
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Ein knallhartes Resümee |
Die letzten Jahre waren für Anleger sehr schwierige Jahre. Die Zinsen sanken auf Rekordtiefs, Aktienmärkte schwankten sehr stark und die Finanzmarktkrise belastete viele Portfolios negativ. Viele Anleger schmeißen derzeit die Nerven weg, kehren dem Markt den Rücken und investieren in andere Anlageformen (über die Sinnhaftigkeit ausschließlich in Immobilien zu investieren, habe ich schon mehrmals berichtet). Doch wie sehen die Märkte nun wirklich aus? Sind wir aktuell in einer Marktsituation, welche dieses Handeln rechtfertigt?
Meiner Erfahrung nach sind Investoren immer zu sehr mit der aktuellen Situation beschäftigt und machen auch den Fehler, die aktuelle Lage immer in die Zukunft weiter zu projizieren. Wenn aktuell die Situation schlecht ist, dann wird dies auch in die Zukunft fortgeschrieben. Übrigens - das gilt natürlich auch für positive Märkte. Doch wie sieht die Situation grundsätzlich aus? Sind wir aktuell in einer Ausnahmesituation an den Märkten? NEIN lautet meine Antwort. Wir hatten schon derartige Marktphasen. Die Grundlage dieser waren zwar andere Aspekte (Ölkrise in den 70ern oder Depression in den 30ern), aber wir hatten diese schon mal. Ein langfristiger Chart des Standard & Poor`s 500 Index beweist dies auch.

Entwicklung von US-Aktien (Standard and Poor`s 500) seit 1927(Quelle Bloomberg)
Und was folgte immer nach diesen Phasen? Ein Bullmarkt….
Doch wie sahen nun wirklich die Märkte in den letzten 20 Jahren aus? Sie werden es nicht glauben, aber die Aktien waren grundsätzlich positiv (zumindest die Aktienindizes). Deutsche Aktien haben sich mehr als verdreifacht (7,4% p.a.), US-Aktien sogar vervierfacht (8,6% p.a.). Anleihen haben hingegen „nur“ rund 6,7% p.a. sowohl in den USA als auch in Deutschland erwirtschaftet. All diese Zahlen natürlich vor Steuern und aus Indizes herausgerechnet.

20-jährige Entwicklung von US-Aktien (Standard and Poor`s 500), Deutschen Aktien (DAX) und Österreichischen Aktien (ATX) (Quelle Bloomberg)

20-jährige Entwicklung von US-Staatsanleihen, Deutschen Staatsanleihen und Österreichischen Staatsanleihen anhand der jeweiligen EFFAS Indizes (Quelle Bloomberg)
Auf 10 Jahre sieht die Bilanz ebenso positiv aus. Ja - die Aktien haben auf 10 Jahre ebenso positive Erträge erwirtschaftet. Rund 6,2% p.a. in Deutschland und 3,9% p.a. in den USA. Staatsanleihen lagen in den beiden Ländern jeweils unter diesen Werten, in Deutschland bei 5,5% p.a. und in den USA bei 3,1% p.a. Lediglich auf 12 Jahre sind Aktien noch negativ, jedoch auch hier nur in einigen Beobachtungsperioden.

10-jährige Entwicklung von US-Aktien (Standard and Poor`s 500), Deutschen Aktien (DAX) und Österreichischen Aktien (ATX) (Quelle Bloomberg)

10-jährige Entwicklung von US-Staatsanleihen, Deutscher Staatsanleihen und Österreichischer Staatsanleihen anhand der jeweiligen EFFAS Indizes (Quelle Bloomberg)
Wie gesagt - dies sind die Performancedaten von Indizes. Doch wie sieht es jetzt der Investor selbst? Ich wage zu behaupten, dass die Investoren in der Realität wesentlich weniger erwirtschaftet haben. Teilverantwortlich dafür sind sicher die Kosten der Produkte sowie die Steuer. Eine große Schuld trägt jedoch auch die von mir eingangs erwähnte Problematik. Investoren denken nur kurzfristig! Aktien werden in Boomphasen gekauft und in Crashphasen verkauft. Wenn Sie die o.a. Charts ansehen und Ihre eigenen Aktivitäten retrospektiv betrachten - wann haben Sie die Aktien gekauft und wann verkauft? Hand auf`s Herz!
Wir alle (auch die Branche selbst) müssen lernen, langfristiger zu denken und das Portfolio zu streuen. Damit können wir auch die Erträge einfahren, die wir uns langfristig auch erwarten. Und damit werden die Investoren auch wieder zufriedener sein.
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Finanzmarktregulierung |
Kreditratings stellen eine Bewertung der Kreditwürdigkeit von Schuldner dar. Es handelt sich dabei um standardisierte Bewertungen der Wahrscheinlichkeit, dass ein Schuldner seinen Zahlungen (Zins- oder Kapitalzahlung) nicht nachkommen kann. Die Bewertung von Schuldner wird dabei von Ratingagenturen vorgenommen. Ratings haben aufgrund des Finanzierungsprozesses in den Vereinigten Staaten seit jeher eine besondere Bedeutung gehabt. Dies hat zumindest zwei Gründe: Zum Einen ist aufgrund der amerikanischen Gesetzeslage der Zugang von nicht gerateten Schuldner zum Kapitalmarkt beschränkt. Beispielsweise dürfen US-Pensionsfonds nur einen kleinen Anteil nicht gerateter Schuldner in ihrem Portfolio aufweisen. Zum Anderen hat seit der Liberalisierung der Kapitalmärkte in den 1980 Jahren eine Disintermediation bei der Kreditvergabe stattgefunden. Traditionell sind Banken als Intermediäre zwischen Schuldnern und Gläubigern im Rahmen des Kreditgeschäftes aufgetreten.
Die Banken haben Gelder von Einlegern entgegengenommen und durch Fristen- und Losgrößentransformation in Kredite umgewandelt. Historisch sind Banken damit als Bindeglied zwischen Kapitalgeber- und Kapitalnehmer aufgetreten. Entscheidend ist, dass die Einlagen der Gläubiger bis zu einem bestimmten Teil staatlich garantiert waren und das Bonitätsrisiko, d.h. das Risiko, dass die Schuldner die Kredite nicht zurückzahlen konnten, lag bei der Bank. Mit der Liberalisierung der Finanzmärkte ist diese Vermittlerfunktion stark in den Hintergrund getreten. Heutzutage emittieren Unternehmen und andere Schuldner zunehmend Anleihen am Kapitalmarkt und wenden sich damit direkt an die Kapitalgeber. Das Bonitätsrisiko hat sich damit weg von den Banken hin zu den Kapitalgebern verschoben. Private und institutionelle Gläubiger wie beispielsweise, Hedgefonds, Pensionsfonds, Versicherungen diversifizieren ihre Portfolios und benötigen Informationen über die Kreditwürdigkeit von Schuldnern. Bei der traditionellen Intermediation verfügen die Banken aufgrund der langjährigen Kundenbindung über eine gute Möglichkeit zur Einschätzung der Kreditwürdigkeit des Schuldners. Der institutionelle Anleger, der eine Anleihe von einem Unternehmen erwirbt, ist weit weniger gut informiert als die vermittelnde Bank und benötigt daher standardisierte Bonitätseinschätzungen von Ratingagenturen.
Was sind nun die Aufgaben von Kreditratings für den Kapitalmarkt? Kreditratings informieren Gläubiger über die Kreditwürdigkeit von Schuldner. Für den einzelnen Anleihekäufer würden extrem hohe Kosten der Informationsbeschaffung anfallen, um die Bonität von Schuldner nicht nur zum Emissionszeitpunkt sondern auch während der Laufzeit zu bewerten. Die Kosten der Informationsbeschaffung und -aufbereitung würden den Nutzen der individuellen Kreditprüfung höchstwahrscheinlich übersteigen. Ratingagenturen stellen diese Informationen in standardisierter und leicht nachvollziehbarer Weise zur Verfügung, indem sie die Kreditwürdigkeit von Schuldner durch eine Abfolge von Buchstaben und Zahlen darstellen. Die Dienste von Ratingagenturen verringern damit die Informationskosten von Gläubigern deutlich.
Gleichzeitig verringern Ratingagenturen auch die Zinskosten von Schuldnern, da Gläubiger, die nicht ausreichend über die Bonität informiert sind, höhere Risikoaufschläge verlangen. Ohne Ratingagenturen würde diese Informationsasymmetrie über die Bonität der Schuldner dazu führen, dass Gläubiger in Erwartung einer mittleren Kreditwürdigkeit einen durchschnittlichen Risikoaufschlag verlangen. Schuldner mit guter Bonität würden damit allerdings keine Kredite mehr zu durchschnittlichen Zinsen aufnehmen; sie würden vom Markt verschwinden. Das ist ein typisches Beispiel für das Problem von asymmetrischer Information in Bezug auf die Qualität. Gute Qualitäten verlassen den Markt und es bleiben schlechte Qualitäten am Markt zurück (adverse Selektion).
In den Anfängen der Ratingkultur war es üblich, dass die Investoren (Gläubiger) Zeitschriften oder Newsletter der Ratingagenturen abonnierten und somit auf diesem Wege die Kosten für die Bonitätsprüfung trugen. Heutzutage sind es nicht die Gläubiger sondern die Kapitalnehmer (Schuldner), die die Kosten der Bonitätsprüfung tragen. Die Nachfrage von Ratings hat sich somit von den Gläubigern auf die Schuldner verschoben. Der Hauptgrund für diese Entwicklung liegt darin, dass das Fehlen eines Ratings für Schuldner eine Eintrittsbarriere für die internationalen Kapitalmärkte darstellen kann. Sowohl die Eigenkapitalvorschriften für Banken als auch jene für Versicherungen sind an offizielle Ratings geknüpft. Anleihen von Schuldnern ohne Rating müssen mit mehr Eigenkapital unterlegt werden und sind somit teurer als geratete Anleihen. Damit besteht ein starkes Ratinginteresse bei den Schuldnern, weil sich damit der Markt mit potentiellen Kapitalgebern deutlich erweitert.
Eine weitere Aufgabe von Ratings besteht darin, unterschiedliche Typen von Gläubigern und Schuldner zu koordinieren. In einem gut funktionierenden Kapitalmarkt werden riskantere Anleihen durch höhere Risikoaufschläge kompensiert. Sofern ein Schuldner ein schlechteres Rating aufweist, heißt das nicht notwendigerweise, dass er keinen Kapitalgeber findet. Risikofreudigere Anleger könnten ein schlechteres Rating als Gegenleistung für einen höheren Zinssatz in Kauf nehmen. Damit werden Gläubiger mit unterschiedlicher Risikoeinstellung und Schuldner mit unterschiedlichem Risikoprofil zusammen gebracht. Der Zugang zu Kapital ist nicht zwangsläufig von der Qualität des Ratings abhängig. Solange es ausreichend Gläubiger gibt, die renditeorientiert und risikofreudig sind, können auch Schuldner mit geringer Bonität Kapital aufnehmen. Wenn jedoch die Risikosensibilität der Gläubiger abnimmt, wird es für schlecht geratete Schuldner zunehmend schwierig Zugang zu den Kapitalmärkten zu erlangen.
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