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Martin Mikulik

Statistik und der Regen in Rom
von Martin Mikulik, geschrieben am 12.07.2012 18:03

In einer österreichischen Qualitätszeitung konnte ich heute einen Artikel lesen: „Liegt die Welt im Argen?“ Gezeigt wurden hier statistische Daten der Welt, welche die globale Entwicklung diverser Kennzahlen betrachtet. So ist beispielsweise die Kindersterblichkeit global weiterhin rückläufig, der Zugang zu Trinkwasser wird immer besser und auch die Alphabetisierung der Weltbevölkerung steigt weiter an. Gleichzeitig jedoch erhöht sich der Ausstoß von Treibhausgasen weiterhin und die gewaltsamen Tötungsdelikte nehmen seit gut 10 Jahren stark zu.

Grund zum Optimismus ist zweifelsohne gegeben, denn einige Daten verbessern sich - jedoch nur im Durchschnitt. Wenn jedoch trotzdem in einigen Gegenden der Welt die Kindersterblichkeit heute auf jenem Stand der entwickelten Länder vor 35 Jahren ist, gibt das allerdings zu denken. Auch bei der Lebenserwartung geht es zwar stetig nach oben, jedoch liegt diese südlich der Sahara nur bei 54,3 Jahren (im Vergleich 69,6 im Weltdurchschnitt). Pessimistischer müsste man angesichts der Ressourcenausbeutung des Planeten sein. Der Treibhausausstoß erhöht sich trotz gegenteiliger Bemühungen weiter. Pro Kopf geht er zwar zurück (das sind die Tücken der Statistik), was aber daran liegt dass die Weltbevölkerung ja weiter steigt. Die Marke von 7,1 Mrd. Menschen dürfte bereits gefallen sein.

Man sieht hier jedoch wieder, was man mit Statistik alles machen kann. Der Wohlstand der Welt im Schnitt steigt weiter an - was ja eine positive Nachricht ist. Jedoch wird die Verteilung dieses Wohlstandes immer einseitiger und immer weniger besitzen einen immer größeren Teil des Kuchens. Oder ein anderes Beispiel aus der Statistik: Wo glauben Sie gibt es mehr Niederschlag? In Rom oder in London? Ob Sie es glauben oder nicht - die Niederschlagsmenge in Rom ist höher als jene in London. Einzig - in London regnet es das ganze Jahr über und in Rom ist der Niederschlag auf die Wintermonate konzentriert. Würden Sie also die Niederschlagsmenge als Maßstab für die Wahl Ihres Sommerferiendomizils heranziehen könnten Sie ziemlich negativ überrascht werden - und sich eine Erkältung holen.

Man sieht hier also, dass man mit Statistik sehr vorsichtig sein muss und auch bei Veranlagungsentscheidungen immer hinterfragen muss, ob es nicht statistische Tücken gibt. Lassen Sie sich daher nicht durch einseitige Statistiken bzw. Berichterstattung zu sehr beeinflussen - hinterfragen Sie immer die gelieferten Zahlen und erwägen auch Gegenhypothesen.

Hier können Sie den Verfasser gerne kontaktieren: martin.mikulik@securitykag.at

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Michael Müller

Kleider machen Leute und Experten fallen nicht vom Himmel...
von Michael Müller, geschrieben am 08.07.2012 16:33

Einen Polizisten erkennt man schon von Weitem und unbewusst reduziert man im Auto seine Geschwindigkeit, auch dann wenn man sich ohnehin unter dem Tempolimit bewegt. Man hat Respekt aufgrund seiner Befugnisse und wohl auch wegen der Uniform.

Auch ein Arzt muss wie ein Arzt aussehen oder wie würden Sie sich fühlen, wenn zum Vorgespräch einer schwierigen Operation der Chirurg in ausgewaschenen Jeans und einem „No Future“ T-Shirt gegenüber sitzt. Auch wenn dieser viel Erfahrung im Ausland gesammelt hat, hätten Sie wohl doch lieber den typischen „Gott in weiß“ vor sich...

Wie muss dann ein Experte aussehen? Ein Löwe muss aussehen wie ein Löwe, damit er als König der Tiere anerkannt wird. Für diesen herrschaftlichen Anspruch hat er von der Natur seine imposante Mähne und den anmutigen Gang erhalten. Daher erkennen ihn die anderen Tiere schon von Weitem. Wie erkennt man einen Experten? Was ist seine „Mähne“, damit Jedermann ihn sofort erkennt? Gerade bei beratenden Berufen ist dies ein schwieriges Unterfangen.

Wir müssen unsere Leistungen sichtbar machen und den daraus entstehenden Mehrwert klar und verständlich kommunizieren. Wenn also beispielsweise ein mir nahestehender Fondsanbieter von sich behauptet: „Sicherheit für Ihr Kapital ist unsere Maxime! Wir sind der Anleihenfonds-Spezialist in Österreich, denn unsere 30 Mitarbeiter konzentrieren sich ausschließlich auf das Management von Renten- & Asset Allokation-Fonds mit stabilen Erträgen.“ Dann weiß man, was man hier für sein eingesetztes Kapital bekommt, nämlich relativ sichere einstellige Renditen - Punkt.

Auch als Berater ist es unsere Aufgabe ein Themenfeld zu finden, bei dem wir fachlich kompetent sind und wo eine ausreichende Zielgruppe vorhanden ist. Dann muss es uns gelingen, den Mehrwert unserer Beratungsleistung plakativ darzustellen. Einige Kollegen verwenden dazu Informationsveranstaltungen, in denen sie über dieses Themenfeld referieren. Andere nutzen die virtuellen Marktplätze, um sich hier einen Expertenstatus aufzubauen, um so auch von Interessenten gefunden zu werden.

Nur wenn man von Ihnen „liest, hört oder sieht“, dann werden Sie wahrgenommen. Nur wenn Kunden von Ihnen etwas weitergeben können, dann werden Sie auch weiterempfohlen. Dies kann eine Broschüre (Buch, Pressemappe etc.) sein, ein Link zu einer Videopräsentation („Schau dir das mal an...“) oder die Einladung zu einem Event („War ich schon dort, ist sehr empfehlenswert...“).

Leider hoffen immer noch viele Finanzberater, dass einer ihrer Kunden vom Nachbar gefragt wird: „Sag, kannst du mir einen unabhängigen Finanzberater empfehlen?“ Stattdessen werden wohl eher Spezialisten gesucht: „...Einer, der mir die ganze Finanzkrise erklären kann...“ oder „...Einer, der sich mit günstigen Autoversicherungen auskennt“ oder „Einer, der mir erklären kann was die sicherste Pensionsvorsorge ist...“ Genau dann muss Ihrem Kunden nur ein Name einfallen, nämlich Ihrer und das erreichen Sie, indem er von Ihnen laufend „liest, hört und sieht“, dass Sie auf diesem Gebiet der Experte sind.

Also zum Experten machen Sie sich selbst, indem Sie sich einerseits dazu ernennen, dazu auch glaubhafte Expertise aufweisen können und dann kontinuierliches Eigenmarketing betreiben. Dazu einige Beispiele: Geben Sie auf Google „Michael Müller Finanzberater“ ein, dann werden Sie in den wertvollen ersten drei Meldungen über mich lesen - weil ich mich zum „Netzwerker in der Finanzberatung Österreichs“ ernannt habe und viel darüber schreibe und mit den Videos auf FINANZBERATERFORUM.at hohe Klick-Zahlen erreiche. Oder geben Sie „XING-Experte“ ein und die ganze erste Google-Seite wird voller Meldungen über Joachim Rumohr, den Keynotespeaker am vergangenen „Zukunftssymposium“, sein.

MEISTER-TIPP: Überlegen Sie, in welchem Themenfeld Sie ausgezeichnet sind. Was können Sie außergewöhnlich gut und wird am meisten nachgefragt, dann erklären Sie sich in diesem Bereich zum Experten und sorgen dafür, dass man darüber „liest, hört und sieht“. Damit schaffen Sie sich die „Mähne eines Löwen“, von überall sichtbar und daher von allen anerkannt. Wenn Sie dann noch laut genug brüllen, dann werden es die Letzten im Rudel wissen, dass hier der „König der Tiere“ kommt...

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Michael Müller

Gegen die Hysterie, denn alles wird besser...
von Michael Müller, geschrieben am 01.07.2012 14:05

Im aktuellen Zukunftsmagazin beschreibt Matthias Horx, dass es in der Geschichte der Menschheit schon mehrfach den Moment gegeben hat, wo man der Meinung war, den Zenit erreicht zu haben - ab dem dann alles schlechter wird und man sich auf schwierige Zeiten gefasst machen muss. Horx beschreibt dies als „Peak-Gedanken“, dass man also der Meinung ist, wenn alles so weitergeht, dann droht der Untergang.

Als einige wenige Beispiele darf ich zitieren: „New York wird durch die steigende Anzahl der Pferdekutschen im Kot versinken!" Dann wurde das Auto erfunden und es gab keinen Pferdekot mehr. Danach der „Club of Rome“ und andere Wissenschaftler: „Die steigende Industrialisierung und die begrenzten Ressourcen (zum Beispiel: Öl) führen zu einer Spirale, die im Zusammenbruch der Umwelt und Ernährung der Menschheit endet - seitdem boomen aber andere neue Wirtschaftszweige wie die Recycling-Industrie, Sonnenenergie, Windkraft u.v.m.“

Niemand will dabei die tatsächlichen Probleme schön reden, aber es liegt leider in der menschlichen Natur, immer nur von der aktuellen Situation linear in die Zukunft zu denken. Wir sind leider nicht in der Lage unsere eigene Innovationskraft in unsere Zukunftserwartungen einzukalkulieren. Ich erinnere mich beispielsweise gerne an eine Plakatwerbung der Uniqa-Versicherung vor sicher schon fünf oder mehr Jahren zurück. Dort sah man ein kleines Baby und darunter der Text: „Er wird einmal einen Beruf ausüben, denn es heute noch gar nicht gibt.“

Und tatsächlich gibt es heute Jobs, die vor Jahren „unvorstellbar“ gewesen wären: Webtraffic-Optimierer für die prominente Positionierung Ihrer Homepage, Social Media Experten machen Sie im Web berühmt, Style-Experten gehen für Sie einkaufen und misten Ihren Kleiderkasten aus, Online-Concierge sorgt sich für Sie im Hintergrund um kleine unwichtige Dinge des Lebens u.v.m. Alles Jobs, die aus einem veränderten Sozialleben und der Kreativität von einfallsreichen Unternehmern und Dienstleistern entstanden sind.

Die Meldung „Provisionsverbot und verunsicherte Kunden sorgen für das Ende der unabhängigen Finanzberatung“ ist daher unter genau diesem Gesichtspunkt zu betrachten oder wie Buddhisten gerne meinen „Betrachte alles mit heiterer Gelassenheit“. Wie immer wird es neue Ideen und neue Wege zum Kunden und zum Umsatz geben: „Nicht die Großen fressen die Kleinen, sondern die Schnellen überholen die Langsamen!“

Laut Matthias Horx ist jede Weiterentwicklung aber auch immer nur in einer „Schleifenbewegung“ möglich, was er auch bei seinem Vortrag am vergangenen Fondskongress berichtete und mit eindrucksvollen „Gapminder“-Folien belegte. Diese Entwicklung bedeutet auf jedem „Peak“ zuerst einen scheinbaren Rückschritt, der dann aber zu einer umso schnelleren Weiterentwicklung führt. Denken Sie nur, welchen „Turbo-Effekt“ das Smartphone mit Internet und Tastenhandy nach Jahrzehnten ausgelöst hat.

Also welche neue Entwicklung wird nach der aktuellen „Negativ-Schleife“ bei Finanzberatern erfolgen? Welchen Mehrwert hat die aktuelle Reinigung und Neuorientierung des Marktes? Was kommt nach den aktuellen und berechtigten Diskussionen zu mehr Kostentransparenz? Vielleicht ein neuer Typ „Finanzberater“, der nicht weiterhin mit Strategien und Methoden arbeitet, derer er sich vor Jahrzehnten angeeignet hat. Einer, der vollkommen neue Wege geht, welche sich die Mehrzahl der aktuellen Marktteilnehmer gar nicht vorstellen können?

Als kleiner Möchtegern-Vertriebsexperte tippe ich auf eine Vielzahl von Beratern, die mehr „Lehrer & Übersetzer“ als „Berater & Verkäufer“ sind. Die ihr Einkommen zukünftig aus ganz anderen Quellen, wie die der Geldtasche des Kunden und den Marketingtöpfen der Produktanbieter speisen - beispielsweise Kundenseminare, Bücher, E-Books zu Spezialthemen, Vorträge bei Vereinen, eigene Online-Plattformen, Analyse als Gutachten und Finanzkonzepte u.v.m. Ich habe da so einige Ideen, die ich bereits meinen aktuellen Coaching-Kunden als „Business-Angel“ zur Verfügung stelle - das ist übrigens meine Form, Umsatz zu generieren.

Einer meiner Lehrer, Anthony Robbins, sagt am Ende jeden Events - wenn man ein wenig traurig ist, dass es schon aus ist: „It´s not the end my friends - it´s just the beginning!“ Wie recht er doch hat...

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Michael Müller

Nur in der Veränderung liegt der Erfolg
von Michael Müller, geschrieben am 26.06.2012 11:30

Kürzlich war der „Dalai Lama“ in Wien und ich durfte seinen Worten lauschen - sicher eine beeindruckende Persönlichkeit und solche interessieren mich bekanntlich immer, um von ihnen zu lernen. Grundsätzlich unterscheidet sich der Dalai Lama von anderen Weisen, dass er nicht zu jedem Thema eine passende Antwort hat und auch des öfteren „ich weiß es nicht“ sagt - eine wohltuende Unterscheidung zu den sonst üblichen „Alleswissern“.

Einen spannenden Gedanken aus seinen Reden will ich hier aufnehmen: „Wir verändern uns ständig, alleine am Abend sind wir nicht mehr der Gleiche wie am Morgen...“ Wenn man dann zusätzlich noch die bekannte wissenschaftliche Erkenntnis ergänzt, dass sich die Zellen unseres Körpers laufend erneuern und sich beispielsweise alle sieben Jahre zur Gänze ausgetauscht haben. Also der Mensch, der Michael Müller heißt, ist nach spätestens sieben Jahren nicht mehr der Gleiche.

Es geht daher nicht darum, uns zur Veränderung zu motivieren, denn diese passiert ohnehin automatisch und unbewusst. Auf der Bewusstseinsebene denken wir aber, alles festzuhalten und einmal Erworbenes nicht mehr verlieren zu können. Dabei haben uns doch alleine schon die individuellen Erfahrungen der letzten Tage, Wochen, Monate zu neuen Eindrücken und Bewertungen geführt, also in unseren Einschätzungen verändert. Auf Basis dieser Überlegungen stelle ich mir dann folgende Fragen:

Warum sind wir so dumm zu glauben, wir könnten mit Methoden der letzten Jahrzehnte unsere Kunden beraten? Warum glauben Produktanbieter immer noch an die Strategien des letzten Jahrhunderts und haben nicht schon längst neue Denkmuster für Investmentprodukte entwickelt? Sie erinnern sich an den berühmten Satz aus dem Film „Wallstreet II“: „Dummheit ist, immer das Gleiche zu tun aber andere Ergebnisse zu erwarten!“

Also wie viele - in diesem Sinne - „Dumme“ laufen in unserer Branche herum? Oft hört man von ihnen das Argument, dass die Kunden keine Veränderungen ertragen und man verlässlich sein möchte. Dabei erwarten Kunden gerade von Beratern und Produkten, dass diese mit der Zeit gehen, sich also flexibel anpassen. Es gilt also „Gehe mit der Zeit, sonst gehst Du mit der Zeit.“

MEISTER-TIPP: Fragen Sie sich, was Ihre Kunden von Ihnen erwarten und wie diese Bedürfnisse am Besten befriedigt werden können. Wann kaufen beispielsweise die meisten Konsumenten Bücher, Blumen oder eine Torte? Richtig, tendenziell am Wochenende. Daher wird es für einen Buchhändler, Floristen oder Konditor Sinn machen am Samstag auch nachmittags offen zu haben - dafür kann er wohl getrost am Montag geschlossen halten, denn nur selten stöbert man am Montag Vormittag in Buchhandlungen. Eine kundenorientierte Blumenhandlung macht am Samstag oft genauso viel Umsatz wie den Rest der Woche, warum sollte sie sich beispielsweise nicht nur auf das Wochenende konzentrieren um so ein Alleinstellungsmerkmal in der Region zu erzielen? Was können Sie für Ihr Business daraus lernen...?

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Josef Obergantschnig

Europäische Fiskalunion - für und wider?
von Josef Obergantschnig, geschrieben am 25.06.2012 14:55

Die Europäische Union ist ein Wirtschaftsraum unterschiedlicher Geschwindigkeiten. Das ist kein Geheimnis und wurde uns in den vergangenen Monaten deutlich vor Augen geführt. In der öffentlichen Diskussion geht es in erster Linie darum, wie man die Ungleichgewichte möglichst rasch ausgleicht. Das ist gut und definitiv von Nöten, daran besteht kein Zweifel. Wenig bis gar nicht beachtet wird allerdings, wie sich die teilnehmenden Euro-Länder zu möglichst günstigen Konditionen refinanzieren können. Dies ist insofern beachtlich, da in den nächsten fünfeinhalb Jahren ein Refinanzierungsbedarf von rund EUR 4,5 Billionen besteht - das ist noch eine konservative Schätzung, da lediglich Zinsen und Tilgungen eingerechnet wurden, ohne die Neuverschuldung in den einzelnen Ländern zu berücksichtigen.

Abbildung 1: Refinanzierungsbedarf in Relation zum BIP

Quelle: Bloomberg, eigene Berechnungen (1.7.2012 - 31.12.2017)

Wie in Abbildung 1 ersichtlich, haben Italien, Spanien und Zypern in den nächsten Quartalen einen erhöhten Finanzierungsbedarf. Dies erhöht deren Anfälligkeit auf Zinsspekulationen, da im Falle eines deutlichen Zinsanstiegs, wie er beispielsweise gegenwärtig in Spanien zu beobachten ist, die Belastung für den betreffenden Staatshaushalt massiv ansteigt. Grund genug sich darüber Gedanken zu machen, wie dieses Loch möglichst günstig zu schließen ist.

Aus diesem Grund haben wir eine Analyse durchgeführt, in der wir den ökonomischen Wert zweier Varianten gegenüberstellen. Im ersten Fall müssen die Länder die Last alleine tragen - das bedeutet, dass der gesamte Refinanzierungsbedarf bis 2017 analog der gegenwärtigen Laufzeit der Schulden zum gegenwärtigen Zinsniveau des Nationalstaates stemmen wird. Im zweiten Fall würde der gleiche Refinanzierungsbedarf durch einen Haftungsverbund dargestellt. Als Referenzzins haben wir diesbezüglich den Zinssatz herangezogen, den der EFSF für seine Emissionen bezahlen muss.

Wenig überraschend gibt es Länder, die im Falle einer Refinanzierung über ein EU-Finanzierungsvehikel (z.B. Eurobonds) sich mit einer höheren Belastung konfrontiert sehen würden. Dies wären gegenwärtig Deutschland, Frankreich, Niederlande, Österreich, Finnland und Luxemburg. In Summe würde die Belastung (Barwert) der genannten Länder rund EUR 105 Milliarden betragen - demgegenüber steht ein ökonomischer Gewinn von EUR 789 Milliarden (bis zum Auslauf des Vorteils 2024). Besonders augenscheinlich wird der ökonomische Vorteil des Konzeptes, wenn man diesen in Relation zum BIP eines Landes darstellt (Vgl. Abbildung 2).

Abbildung 2: Ökonomischer Gewinn/Verlust in Relation zum BIP

Quelle: Bloomberg, Eigene Berechnungen

Wie in Abbildung 2 ersichtlich, wirken die Entlastungen in Relation zum BIP für die einzelnen Nationalstaaten wesentlich mehr als die Belastungen. Für Deutschland als größten Nettozahler würde dies eine Mehrbelastung in Relation zum BIP von 2,92 % bedeuten - allerdings verteilt bis zum Jahr 2024. Spanien und Italien - gegenwärtig die Staaten, die sukzessive von den Finanzakteuren in die Enge getrieben werden - würden von einer europäischen Lösung deutlich profitieren. Für die betreffenden Staaten würde der Barwertvorteil ca. 18% des BIP’s betragen.

Es wäre eine Überlegung wert, den „Geberstaaten“ diese Finanzierungsvariante durch eine Art „Haftungsprovision“ schmackhaft zu machen. In Summe kommt auf die fünf „Geber-Staaten“ eine Mehrbelastung von rund EUR 105 Mrd. zu - selbst wann man diesen Ländern aufgrund ihrer Solidarität ihre Mehrbelastung ersetzt und zudem noch eine Haftungsprovision der gleichen Höhe gewährt, bleiben immer noch ca. EUR 579 Mrd. für jene Staaten über, die von dieser Variante profitieren.

Fazit:

Europa ist in den Köpfen noch nicht angekommen. Viel zu sehr werden nach wie vor nationale Interessen in den Vordergrund gestellt. Dies wird beispielsweise daran ersichtlich, dass einzelne Mitgliedsstaaten der Eurozone nicht bereit sind, einem Haftungsverbund beizutreten und damit einen ökonomischen Gewinn für die gesamte Eurozone zu erzielen. Zudem wäre dieser Markt aufgrund seiner Größe und Dominanz nicht so leicht an den Finanzmärkten angreifbar wie ein einzelner Nationalstaat. Gerade in der jüngsten Vergangenheit wurde uns deutlich vor Augen geführt, wie die Finanzmärkte einzelne Staaten buchstäblich in die Enge treiben können. Irland, Portugal, Spanien oder Griechenland haben bereits diese Erfahrung gemacht - Zypern und Italien stehen de facto in der „Warteschleife“. Es ist endlich an der Zeit, die Zügel in die Hand zu nehmen und rein rationale Maßnahmen zur Krisenbewältigung einzuleiten und nicht ständig populistisch zu handeln. Es wäre schade, wenn Europa aufgrund von populistischen Entscheidungen der handelnden Politiker scheitern würde.


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Michael Müller

Unsere Branche ist überaltert - wie finden wir Nachwuchs?
von Michael Müller, geschrieben am 20.06.2012 17:21

Alle Statistiken belegen es unzweifelhaft: Wir altern! Allerdings nicht nur als Individuen sondern auch als Gemeinschaft und besonders als Berufsgruppe der Finanzberater. Woran liegt das und was kann man dagegen tun - vor allem wollen wir überhaupt etwas dagegen tun?

In den letzten 20 Jahren habe ich vorrangig zwei Entwicklungen von Nachwuchsbildung beobachtet: Einerseits wurden von expansiven Vertriebs- und Beratungsunternehmen berufliche Quereinsteiger akquiriert, die sich entweder für kurze Zeit einen Nebenverdienst organisieren wollten oder die sich tatsächlich hauptberuflich in diese Branche eingearbeitet haben. Andererseits haben erfahrene Mitarbeiter von Großkonzernen (Banken, Versicherungen usw.) den Weg in die Selbstständigkeit gesucht, um dort ihre Kunden unabhängig beraten zu können.

Beiden Wegen zum Branchenzuwachs ist in den letzten Jahren deutlich die „Luft ausgegangen“ und dies hat nur am Rande mit der Finanzmarktkrise zu tun. Denn auf der einen Seite haben sich die expansiven Vertriebsunternehmen stark wandeln müssen, da viele Vermittlungstätigkeiten schon aus rechtlichen Gründen nicht mehr möglich sind. De facto herrscht hier nur mehr die Möglichkeit als hauptberuflicher Geschäftspartner einzusteigen, was aber erhebliche finanzielle Hürden und Risikokomponenten für alle Beteiligten mit sich führt. Auf der anderen Seite ist durch das stark gesunkene Kundenvertrauen oft zu wenig Geschäftspotential für neue Unternehmer, auch wenn diese aus einer Bank oder Versicherung kommen, gegeben.

Das wahre Übel für zu wenig Nachwuchs in der Finanzberatung ist allerdings, dass das Berufsimage negativ ist (knapp hinter Politiker und Autoverkäufer) und es daher in keiner Weise erstrebenswert erscheint, sich dem damit verbundenen wirtschaftlichen Risiko auszusetzen. Und nachdem die Glücksritter-Methoden auch nicht mehr greifen, kann man ja nicht mal mehr „verbrannte Erde“ hinterlassen, denn die Meisten bringen ja nicht mal (gestatten Sie den bildlichen Vergleich) „ein Lagerfeuer“ zustande...

Warum ist es nicht erstrebenswert Finanzberater zu werden? Warum tragen nur Wenige diese Berufsbezeichnung stolz vor sich her? Warum gelingt es beispielsweise den „Versicherungsmaklern“ in der breiten Bevölkerung, zumindest medial, einen messbaren Mehrwert darzustellen?

Ich denke, die Makler haben rückblickend klug agiert, wenn sie sich beschränkt haben. Der Versuch einer Abgrenzung („Unser Geschäft ist Absicherung von persönlichem und geschäftlichem Risiko!“) und der Beteuerung, daß man - zumindest offiziell - keinerlei Investmentprodukte berät, hat zumindest zu einer medialen Festigung dieses Berufsbildes geführt. Auch die über die Jahre immer strengeren Aufnahmekriterien werden wohl das ihre dazu beigetragen haben, dass nicht jeder ehemalige Tankwart innerhalb weniger Wochen zum Versicherungsmakler mutieren kann - wie das bei Finanzberatern in der „guten alten Zeit“ wohl üblich war.

Die „Beschränkung“ scheint eine mögliche Lösung zu sein. Wenn man dem Neuzugang fundierte Ausbildung dazu eine notwendige fachliche Basis abverlangt, könnte dieser Beratungsberuf wieder wertvoll sein und anerkannt werden. Allerdings was machen wir mit den Vielen, die noch aktiv "herumwurschteln", aber diese Kriterien für Neueinsteiger einfach nicht erfüllen? Haben wir den Mut alle einem „Screening“ zu unterziehen - im übertragenen Sinn also nochmals die Matura oder die Gesellenprüfung abzulegen?

Eine derartige Bestandsaufnahme halte ich, als gelernter Österreicher, leider für unrealistisch. Die bemühten Branchenkollegen sollten in die eigene Ausbildung investieren und dann aktiv damit werben, um sich so von den „Unwissenden“ abzugrenzen. Denn nur die Inhalte der Produkt-Verkaufsshows beim Kunden nachzuplappern ist zu wenig, man muss schon in der Lage sein, über die Asset-Klasse grundlegend aufzuklären und diese auch vergleichen zu können.

Also die Guten müssen sich noch mehr anstrengen und damit auch aktiv bei ihren Kunden werben (Tu Gutes uns sprich darüber!) - dann bleiben die „Wappler“ irgendwann garantiert auf der Strecke...

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Stefan Winkler

Der Morgenthau-Plan
von Stefan Winkler, geschrieben am 19.06.2012 11:22

Kennen Sie Henry Morgenthau? Der US-Finanzminister entwarf im Sommer 1944 den nach ihm benannten Entwurf zu einem Deutschland nach Kriegsende. Danach hätte Deutschland in einen Agrarstaat umgewandelt werden sollen, deindustrialisiert und nie wieder in der Lage, einen Angriffskrieg zu führen. „Germany Is Our Problem“ („Deutschland ist unser Problem“) ist der Name seines Buches, das diesen Weg erklärt.

Zum Glück wurde sein Plan nicht umgesetzt. George C. Marshall hatte ganz andere Ideen für die Zukunft Deutschlands. Seine Version: "Umfassende Hilfe für das zerstörte Land" gehört zu den großen Erfolgsgeschichten der jüngeren Historie. Diese verschaffte nicht nur ihm den Friedensnobelpreis, sondern der angeschlagenen Volkswirtschaft eine wichtige Starthilfe. Es enthielt den Keim für ein vereintes Europa. Doch auch die USA profitierte langfristig von den Unterstützungen. Dadurch konnten Überproduktionen vermieden und Absatzmärkte gewonnen werden. Natürlich erfüllte der Plan damals auch politische Zwecke.

Ich sehe Parallelen zwischen dem Morgenthau-Plan und der Griechenlandpolitik Deutschlands. Natürlich sind Griechenland und das Deutschland der Nachkriegszeit nicht direkt vergleichbar, doch auch von den Hellenen wird derzeit mehr abverlangt, als sie aktuell leisten können. Meiner Meinung nach wäre es besser, eine Hand zu reichen, als ständig auf verstaubte Prinzipien zu pochen.

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Stefan Winkler

Müssen wir alle Banken retten?
von Stefan Winkler, geschrieben am 15.06.2012 11:42

100 Milliarden Euro reserviert Spanien für die Rettung der eigenen Banken - aus einem von den Mitgliedsländern garantierten Topf. Auch wenn aus jetziger Sicht großzügig Reserven eingeplant sind, rückt wieder die Frage in den Vordergrund, warum Banken denn immer wieder mit derart hohen Beträgen gerettet werden müssen. Und vor allem: „Was geht uns Österreicher das an?“

Die gängige Antwort lautet etwa so: „Wir müssen das tun, sonst passiert etwas Schreckliches!“ Das legt schon die Vermutung nahe, dass man in gewissen politischen Kreisen gar nicht genau weiß, warum nun wirklich bezahlt wird. Und genau dieses mangelnde Verständnis führt auch dazu, dass es überhaupt so teuer wurde.

Die Finanzwirtschaft war schon immer ein komplexes Thema. Doch scheinbar ging man lange davon aus, dass eine ordentliche Kontrolle ausreicht, um eine Bank zum unsinkbaren Schiff zu machen. Dieser Glaube führte schon früh zu einer unbedachten Vernetzung von Banken untereinander bzw. Banken und öffentlicher Hand. Diese gewährten Garantien in schwindelerregenden Höhen, um an billige Kredite zu kommen.

Staat und Banken fanden also weit mehr zusammen, als andere Industriezweige. Denken Sie etwa an die Einlagensicherungen, die Österreich vielen Sparern „gratis“ gewährt.

Mit der EU wuchsen wir noch enger zusammen. Nährboden hierfür lieferte wieder der Gesetzgeber, der für heikle Anlagen sichere Investments forderte und gleichzeitig z.B. europäische Staatsanleihen als solche definierte. So sichert man sich die Nachfrage nach eigenen Anleihen! Diese Praxis ist auch heute noch üblich.

Das alles führte nun wenig überraschend zu einem sehr großen vernetzten System, das zudem sehr stark mit der Bonität europäischer Staaten verwoben ist. Nun begann die Finanzkrise an einzelnen Fäden zu ziehen, und das führt nun mal zum Wackeln des gesamten Netzes. Doch anstelle das Netz zu stärken, wurde lange versucht, das Wackeln zu ignorieren oder Fäden abzuschneiden.

Die Misere in Europa resultiert also im kontinuierlichen Versuch, sich dem Stellen der Probleme zu entziehen. Am Beispiel Bankia stellt sich das wie folgt dar: Die Bankenrettung übernimmt eigentlich Spanien. Doch Spanien kann sich selbst nicht mehr ordentlich refinanzieren und sucht um Kredite in Europa an. Europa gewährt Kredite für die Bankenrettung, man löst aber nicht das Problem, dass Spanien immer höhere Zinsen zahlen muss, zu viel für Kredite bezahlt und es weder schafft, die Wettbewerbsfähigkeit zu steigern, noch die Arbeitslosigkeit zu verringern. Man schafft es aber auch nicht, sich von der Entwicklung in Spanien abzukoppeln - es gibt bereits zu viele Investments und Anknüpfungspunkte. Spanien wird im Regen stehen gelassen, bis es gar nicht mehr geht.

Dass wir ständig Banken retten müssen, ist also ein hausgemachtes Problem. Um beim Netz zu bleiben: Manchmal denke ich, wir spinnen planlos umher.

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Josef Obergantschnig

Der realistische Optimist
von Josef Obergantschnig, geschrieben am 08.06.2012 10:02

Overconfidence - frei übersetzt „Selbstüberschätzung“ - wurde erstmals von den beiden Forschern Marc Alpert und Howard Raiffa wissenschaftlich untersucht. Die wesentliche Erkenntnis ist, dass Menschen systematisch ihr Wissen und ihre Prognosefähigkeit überschätzen. Und das ziemlich massiv. Der darauf basierende „Overconfidence-Effekt“ misst den Unterschied zwischen dem, was der Einzelne wirklich weiß und dem, was er zu wissen glaubt.

Dies trifft beispielsweise auf Business-Pläne (z.B. Prognose der Umsatzentwicklung für die kommenden 3 Jahre) oder auch auf die Einschätzung von Börsenkursen zu. Salopp formuliert liegt ein Ökonomieprofessor (zumindest statistisch) bei seiner Fünfjahresprognose des Ölpreises genauso falsch wie ein Nicht-Ökonom - allerdings mit einem erhöhten Maß an Selbstüberschätzung.

Ein praktisches Beispiel soll dieses doch eher theoretische Konzept untermauern. Laut einer Studie geben 84% der französischen Männer an, ÜBERDURCHSCHNITTLICH gute Liebhaber zu sein. Ohne die Qualitäten des Einzelnen abschätzen zu können, sind bei nüchterner und sachlicher Betrachtungsweise 50% der Franzosen überdurchschnittlich gute bzw. 50% unterdurchschnittliche Liebhaber. Anhand dessen wird offensichtlich, dass sich mindestens 34% falsch bzw. zu gut eingeschätzt haben - ein klassischer Fall von Overconfidence.

Sie werden sich jetzt sicher fragen - ist ja eine nette Geschichte - aber was hat das mit Wirtschaft oder den Kapitalmärkten zu tun?

Neugründer sind auch ein Fall für den Overconfidence-Effekt. Fast jeder „neue“ Restaurantbesitzer geht davon aus, in kurzer Zeit zu den nachgefragtesten Adressen des Landes zu gehören. Studien untermauern aber, dass viele nicht einmal die ersten drei Jahre überleben und die Eigenkapitalrentabilität vieler Restaurants „chronisch“ unter Null liegt. Nichts desto trotz ist gerade dieser Overconfidence-Effekt für die Wirtschaft eines Landes von wesentlicher Bedeutung - bei nüchterner Betrachtung der Erfolgswahrscheinlichkeit würde es wohl viele erfolgreiche Unternehmen nicht geben.

Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum viele Projekte - durch Österreichs Medien geistert gerade das „Skylink“-Projekt des Flughafen Wiens - sowohl hinsichtlich der prognostizierten Kosten als auch der prognostizierten Umsetzungsdauer weit hinter Plan liegen?

Dies ist einerseits auf den Overconfidence-Effekt zurückzuführen. Zum anderen spielt sicher auch eine „incentivierte“ Unterschätzung der Kosten eine nicht zu vernachlässigende Rolle. Dies betrifft vor allem jenen Personenkreis, der ein unmittelbares bzw. direktes Interesse an einer Umsetzung hat. In diesem Zusammenhang sind beispielsweise Consulter oder Bauunternehmer zu nennen, die sich bei einer Projektumsetzung Folgeaufträge erwarten oder auch Politiker, die sich durch optimistische Zahlen gestärkt fühlen und sich dadurch die eine oder andere Wählerstimme erwarten.

Abschließend sei noch angeführt, dass

(1) es einen „Underconfidence-Effekt“ praktisch nicht gibt,

(2) bei Männern - welch Überraschung - der Overconfidence-Effekt stärker ausgeprägt ist, als bei Frauen und

(3) sich auch Pessimisten selbst überschätzen - aber deutlich weniger als Optimisten.

Auf Basis dieser Erkenntnisse ist es naheliegend, Vorhersagen - selbst wenn sie von Experten stammen sollten - eher skeptisch zu betrachten und bei der Einschätzung oder Bewertung von Projekten bzw. Plänen vom pessimistischen Szenario auszugehen, um die Sachlage möglichst „realistisch“ einschätzen zu können. Ich persönlich würde mich auf Basis dieser Erkenntnisse als „realistischen Optimisten“ bezeichnen. ;-D

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Michael Müller

Von Amateuren und Dilettanten...
von Michael Müller, geschrieben am 28.05.2012 15:48

Kürzlich ist das Buch „Die Stunde der Dilettanten“ von Thomas Ritschel, einem ehemaligen FAZ-Redakteur, erschienen. Es schildert unsere gelebte Oberflächlichkeit an einigen Beispielen wie Wirtschaft und Politik, in der sich der Dilettantismus schon fast zum Normalzustand entwickelt hat. Eine mögliche Definition vorweg: „Ein Dilettant ist jemand, der seiner Umwelt aber auch sich selbst Kompetenz vortäuscht!“

Also seiner Umwelt Kompetenz vortäuschen, das könnte man ja noch unter „Verkauf & Marketing“ subsummieren, aber sich selbst Kompetenz vortäuschen ist schon bedeutender. Dabei kann diese Diagnose durchaus stimmen, denn wir alle verwenden beispielsweise technische Geräte, die beim ersten Einschalten gleich benutzt werden. Wir tippen darauf herum und nach dem Prinzip: „try and error“ tasten wir uns mit der Zeit zu allen Funktionen durch. Kaum jemand macht sich noch die Mühe vorab die Bedienungsanleitung zu studieren oder gar mit dem Bedienungshandbuch zuerst alle Funktionalitäten zu testen - wir benutzen die Geräte also dilettantisch.

Oftmals wird das „Halbfertige & Unausgreifte“ auch zum Standard, denn wie lässt sich sonst erklären, dass mittlerweile alle neuen Softwareprogramme zuerst der einschlägigen Community kostenfrei zur Verfügung gestellt werden und erst die Feedbacks und Fehlermeldungen dann zur endgültigen Fertigstellung und Reife des Produktes führen. Ebenso werden ja bekanntlich Autos auch erst dann gebaut, wenn alle Computersimulationen grünes Licht gegeben haben - Notfalls zieht man dann eben wieder tausende Fahrzeuge ein, wenn der Bremsschlauch doch nicht den Anforderungen des Echtbetriebes gerecht wird.

Ein sehr gutes Beispiel bietet uns zu diesem Thema auch die Politik, denn hier wird der Dilettantismus gar zum Prinzip erklärt. Wann hatten wir den letzten Experten, der ein Fachressort geführt hat? Sind nicht gerade jene, die offen zugeben, sich nicht genau auszukennen und dies dann „frischen Wind“ nennen, besonders beliebt? Beispiele wie populistische Oppositionspolitiker gibt es genug, aber auch „schillernde“ Personen wir K.H. Grasser, der deutsche Ex-Minister Guttenberg und besonders die neuen Entwicklungen wie „Piraten, Stronach & Co“ stehen offen zu ihrem Halbwissen und werden dafür aber respektiert.

Ich glaube, in einer Kolumne des Kabarettisten Alfred Dorfer in der Wochenzeitung „Die Zeit“ habe ich folgenden Vergleich gelesen: „Jedes Land hat die Politiker, die es verdient. Mal ehrlich, unsere Herren Kanzler und Vizekanzler würden kraft ihrer Kompetenz in Deutschland maximal als Leiter einer Kreissparkasse Karriere machen. Bei uns gelten Sie, trotz ihrer Einfältigkeit, als Elite…“

Auf Basis dieser Überlegungen fallen einem dann schon viele Fragen ein, die ausreichend Stoff für weitere Blogs zu diesem Thema liefern: „Welcher Finanzberater hat denn wirklich seinen Beruf studiert, d.h. ausreichende Befähigung in seinem Spezialbereich nachgewiesen? Können wirklich alle Marktteilnehmer einen Veranlagungs- oder Kreditplan mit dem Taschenrechner nachrechnen?“ „Geben sich nicht auch Kunden, mangels Interesse und Wissen, viel zu schnell mit tollen Versprechungen zufrieden? Rufen dann aber nach dem Richter, wenn sie merken, dass ihre Erwartung nicht erfüllt wurden?“ Beides ist dilettantisches Vorgehen…

Ich gestehe es gleich: Ich bin bei den fachlichen Themen nur angelernt, also ein Amateur. Hingegen bin ich beim Vorspielen von Kompetenz ein Profi. Allerdings bin ich solange kein Dilettant, solange ich mir auch nicht selbst es etwas vormache - davon gibt es aber in unserer Branche leider viele…



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