Sprinter ziehen im Geschäftsleben oft den Kürzeren!

17. Mär 2017 | Blog

VON Alfred Kober

Wenngleich der Weg im letzten Jahrzehnt ein holpriger war, sendet die Weltwirtschaft wieder recht positive Wachstumssignale aus. Der Konjunkturzyklus ist dabei in Nordamerika bereits deutlich weiter vorangeschritten als hier am „alten Kontinent“, der sich in letzter Zeit eher mit politischen Themen medial hervortut als mit wirtschaftlichen Erfolgen. Ein nüchterner Blick auf die veröffentlichten Daten zeigt allerdings, dass die Lage auch hierzulande dann doch nicht so schlecht ist, wie es viele Medien vermuten lassen. In den letzten Jahren haben auf beiden Seiten des Atlantiks die gefühlten Wachstumsfortschritte und der darauf aufbauende Optimismus stark nachgelassen und das deckt sich mit dem Wachstumsniveau, das deutlich unter den Durchschnittswerten der Jahrzehnte vor der Finanzkrise liegt.


Aber was sind nun die Gründe dafür, dass der Weg ein mühsamerer ist und wir nun nur noch mit kleineren Schritten vorwärtskommen? Zu dieser Frage wurden in den letzten Jahren einige Theorien verfasst, die die hohe Staatsverschuldung und den demographischen Wandel für diese säkulare Stagnation ins Spiel bringen. Ein nicht unwesentlicher Faktor, der zunehmend in dieser Angelegenheit diskutiert wird, ist der Fristigkeitsgedanke in der strategischen Ausrichtung vieler global agierender Unternehmen. In 3-Monats-Intervallen veröffentlichen börsennotierte Gesellschaften Geschäftsergebnisse. Ein kurzer Vergleich mit dem Vorquartal sowie der Analystenerwartung entscheidet dabei oftmals über Kauf oder Verkauf der Aktie. Der Druck auf die Unternehmensführung, deren Leistung mitunter am Kurs der Aktie gemessen wird, ist in vielen Fällen enorm und treibt die Verantwortungsträger regelrecht vor sich her. Dies ist allerdings kein allzu neues Thema – bereits im Jahr 1936 hat der britische Ökonom John Maynard Keynes den Veranlagungshorizont von Investoren mit 3 Monaten bis maximal 1 Jahr umrissen und scharf kritisiert.


Vor dem Hintergrund dieses harten „Stockholder’s View“ gerät auch immer stärker die strategische Ausrichtung vieler Unternehmen in Kritik, denen vorgeworfen wird, kurzfristig Ergebnisse zu optimieren, anstelle langfristig sinnvolle und produktivitätsverbessernde Investitionen zu tätigen. Seit den Krisenjahren 2008 – 2010 verstärkt sich dieser Vorwurf. Nur, ist dem wirklich so? Eine unlängst veröffentlichte Untersuchung anhand der 615 größten US-Unternehmen (McKinsey Global Institute, 2017) soll uns Antworten auf diese Frage geben und hat dabei den Zeitraum 2001 – 2014 untersucht. Dabei gaben 87 bzw. 65% der befragten Manager an, dass der Druck, kurzfristige Ziele zu erreichen, in den letzten 2 bzw. 5 Jahren erheblich gestiegen ist. 55% der Befragten würden neue Projektinvestitionen verschieben, um die Quartalsergebnisse zu erreichen.


Typische Merkmale einer sehr kurzfristigen Unternehmensausrichtung sind in einer unterdurchschnittlichen Investitionsquote, in massiven Kostensenkungsmaßnahmen, in beträchtlichen Aktienrückkaufprogrammen, in Umsatzverbuchungen noch vor Zahlungseingang sowie in einem stetigen Übertreffen der Analystenerwartungen zu finden. Die Studie kommt zum Ergebnis, dass mittlerweile 73% der untersuchten Unternehmen der Gruppe der „Kurzfristdenker“ angehören – insofern bestätigt sich der Vorwurf. Extrem interessant ist die Entwicklung der 27% an Unternehmen, die sich strategisch langfristig positionieren. In den 13 Jahren war diese „Elite-Gruppe“ in der Lage, die Umsätze um 47% und die Gewinne um 36% stärker zu steigern als die Gruppe, die den Kurzfristgedanken lebt. Auch die finanzielle Performance der langfristig ausgerichteten Unternehmen überzeugte.


Tatsache ist, dass in den USA gegenwärtig rund die Hälfte der operativen Ergebnisse im Unternehmen verbleiben und der Rest für Dividenden und Aktienrückkäufen verwendet wird (S&P 500 Index). Angesichts der Höhe dieses Wertes stellt sich für mich schon die Frage, ob tatsächlich unterinvestiert wird. Vor allem werden in der Regel nur Investitionen getätigt, die zumindest die Kapitalkosten verdienen – was, wenn sich das Umfeld ändert und viele Unternehmen einfach keine ökonomisch sinnvollen Opportunitäten ausmachen können? Das würde zumindest die bessere Entwicklung der langfristig ausgerichteten Unternehmen erklären, die Wachstumspotentiale heben. Würde Ford Motors den gesamten Cash-Flow reinvestieren, würden sich die Produktionskapazitäten in <3 Jahren verdoppeln (Quelle: Economist) – Bitte, wer soll die Fahrzeuge kaufen?


Ich sehe das hohe Niveau an Aktienrückkäufen durchaus auch im Lichte der extrem niedrigen Kapitalmarktzinsen sowie den historisch hohen Gewinnmargen. Zweiteres weist in der Regel auf eine geringe Wettbewerbsintensität bzw. einen hohen Konzentrationsgrad hin. Ein Blick auf die Verteilung des globalen Wirtschaftskuchens und dessen Entwicklung über die letzten Jahrzehnte genügt, um zu erkennen, dass die Stellschraube „globale Unternehmenskonzentrationen“ gegenwärtig nicht optimal konfiguriert ist. Hohe Eintrittsbarrieren und übertriebene regulatorische Hürden sind nicht nur für junge und innovative Unternehmer schwer zu überwinden. Angesichts dieser Entwicklung frage ich mich, worauf der so ersehnte Produktivitätsschub, das höhere Konjunkturwachstum und der Optimismus gründen sollen?

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