Die Geschichte lehrt dauernd, aber sie findet keine Schüler (Ingeborg Bachmann)

30. Nov 2018 | Blog

VON Alfred Kober

Für diesen Blog habe ich ein Zitat von Ingeborg Bachmann gewählt, das für die aktuelle Zeit wohl treffender nicht sein kann. Politisch wie auch ökonomisch wiederholen sich Muster mit teils fatalen Auswirkungen. Ja, der Mensch vergisst schnell und während wir hoffentlich die politisch motivierten Katastrophen der letzten Jahrhunderte nicht wiederholen werden, scheint dies auf der Ebene der Spekulation anders zu sein. Ich habe bewusst den Ausdruck der Spekulation verwendet, da sich davon die verantwortungsvolle Veranlagung von Kapital definitiv unterscheidet und in eine absolut andere Richtung geht. Leider wird immer noch Investition mit Spekulation gleichgesetzt. Um Spekulation zu verstehen, reicht ein exemplarischer Streifzug durch die letzten Jahrhunderte.


Beginnen wir mit einer wunderschönen Pflanze, die bereits im 17. Jahrhundert nicht nur die Herzen der Damenwelt verzauberte, sondern auch den Glauben an den schnellen Reichtum im immensen Ausmaß befeuerte. So abstrakt es gegenwärtig klingen mag, es waren Tulpenzwiebel die den Weg zum Reichtum bringen sollten und deren Preis sich in den Jahren 1634-1637 in etwa verhundertfachte, bevor ein schlagartiger Verlust von 99% binnen weniger Wochen die Träume vieler „Marktteilnehmer“ zunichte machte.


Nicht weniger spektakulär ging es rund 80 Jahre später her, als sich im Zuge der „Südseeblase“ in England sowie in etwa zur gleichen Zeit im Rahmen des großen „Mississippischwindels“ in Frankreich zum wiederholten Mal eine breite Masse der Bevölkerung dem schnellen Geld verschrieb. Während die beiden Staaten in der Aufwärtsphase positive Erfahrungen mit den Eigenschaften von Papiergeld sammelten und in erheblichem Ausmaß profitierten, war der darauffolgende Vertrauensverlust und der damit einhergehende Kater immens. Wie schwierig es war, dieser Manie zu widerstehen, zeigt der Fall des renommierten Physikers Isaac Newton, der mit seinen Spekulationen ein Vermögen verlor. Er war es, dem wir den berühmten Sager „Ich kann die Bewegung eines Körpers messen, aber nicht die menschliche Dummheit!“, zu verdanken haben.


Diese ausgeprägten Episoden der Spekulation sollten auch in den darauffolgenden Jahrhunderten fortgesetzt werden. Die Zeit rund um die Erschließung Floridas, des Aufbaus der westlichen Eisenbahninfrastruktur, die Etablierung des Automobils, des Immobilienbooms in Japan in den 80iger Jahren oder auch jüngst rund um die Entwicklungen des Internets vor rund 2 Jahrzehnten zeigen uns, wie stark die Anziehungskraft eines anhaltenden Booms sein kann. Getriebene vom festen Glauben an schier unendliches Wachstum – ja, ganz nach dem Motto: „Dieses Mal ist alles anders“ zieht die Beteiligung immer weitere Kreise, je irrationaler die Preise in die Höhe schnellen. Und ja, es braucht zum Teil diese unvernünftige Spekulation, um die durch die enormen Kapitalmassen eingeleiteten und getriebenen Entwicklungen auch erst finanzieren und weiter fortführen zu können.


In diesem Kontext sehe ich auch die derzeitige Evolution der digitalen Währungen. Das Spekulationsfieber rund um dieses hochgepriesene Thema ist in diesem Jahr merklich abgeflacht. Vereinzelt mag es ja immer noch Stimmen geben, die das Dezember-Hoch im Vorjahr nur als Zwischenstation sehen, bevor zum richtig großen Wurf angesetzt wird. Mag stimmen oder auch nicht, jedenfalls fehlt mir das Wissen, um die Sachlage objektiv bewerten zu können. Eines steht fest, immer noch werden die weltweit „geschürften“ digitalen Coins wie heiße Kartoffeln weitergereicht. 2017 sollte dabei erst der Anfang sein und schenkte man den vielen Marktakteuren Glauben, so ist der persönliche Reichtum in Griffweite. Die heftige Ausprägung der Kursentwicklung im Vorjahr wird exemplarisch in Graphik 1 dargestellt.

 


Quelle: Quartz 2018 in Capco 2018


Unglaublich – ja, dieses Mal scheint wirklich alles anders zu sein! Objektiv betrachtet, weist die Kryptomanie viele der Merkmale auf, die auch in den Zeiten der größten Asset-Blasen der letzten Jahrhunderte zum Vorschein traten. Typisch dafür ist das disruptive Innovationsversprechen, das vielen Spekulanten die argumentative Grundlage für ihr irrationales Verhalten verschafft. Zudem sind es die nachhaltig über das Ziel hinaus schießenden übertriebenen Kurse, die das Interesse immer breiterer Bevölkerungsschichten wecken. Klassisch für dieses Fieber ist auch der steigende Anteil betrügerischer Aktivitäten. Die Krypotmanie zeigt all diese Symptome traditioneller Vermögensblasen. Jetzt, knapp 1 Jahr nach dem Höhepunkt, erleben die Marktteilnehmer ihren persönlichen Reality-Check und finden sich in der klassischen emotionsgeladenen Anlegerfalle wieder (Graphik 2).

 


Quelle: Finanz und Wirtschaft, 2018


Während die Gier nach Gewinnen den Spekulanten zu überhöhten Preisen in den Markt führte, so dominieren nun einige Monate später Panik und Depression. Jetzt verkaufen, nachkaufen oder einfach durchalten? Fragen über Fragen. Ja, dieses Mal ist alles anders – und doch ist wieder alles sehr ähnlich. Ein Vergleich der Bitcoin-Auswüchse mit den Spekulationsblasen der letzten Jahrhunderte gibt einen Hinweis auf das extreme Ausmaß der Kursbewegung (Graphik 3) – und diese geht definitiv in die ökonomischen Geschichtsbücher ein. Wieder einmal wiederholt sich bereits Dagewesenes.

 


Quelle: BofA Merrill Lynch Global Investment Strategy in Bloomberg, 2018

 

Die Historie zeigt, dass es in der Regel viele Jahre bedarf, um die Höchststände wieder zu erreichen. Die Branche ist sehr jung und im Umbruch. Neben den enormen Entwicklungsfortschritten auf technologischer Seite scheint mir auch die Akzeptanz der derzeit verfügbaren Kryptowährungen nicht unbedingt langfristig gesichert zu sein – potentielle digitale Währungslösungen seitens der internationalen Notenbanken werden bereits erwogen.


Je länger eine Manie anhält, desto schwieriger ist es, der Versuchung zu widerstehen. Unser Herdentriebverhalten, die Tendenz kurzfristiger Erfolge zu extrapolieren, die Verzerrungen durch Bestätigungstendenzen etc., macht es uns schwer durchzuhalten und in Zeiten des grassierenden Fiebers Objektivität zu bewahren. Diese ist allerdings essentiell, da uns die Geschichte lehrt, dass Spekulationsblasen in der Regel mit herben Enttäuschungen enden.


Zwischen den Zeilen mag man erkennen, dass ich wohl nicht der größte Freund der energiefressenden digitalen Währungen bin. Dieser Blog sollte ein Versuch meinerseits sein, die Entwicklung der letzten Zeit im Lichte historischer Spekulationsblasen darzustellen. Mir ist durchaus bewusst, dass das Thema angesichts der erheblichen Preiskorrekturen und der sehr breiten Beteiligung aktuell äußerst emotionsgeladen ist. Für mögliche Missverständnisse entschuldige ich mich im Vorhinein.

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