Ich denke, darum bin ich

20. Mai 2019 | Blog

VON Kevin Windisch

Als Naturwissenschaftler wurde ich gedrillt in Definitionen zu denken. Definition – Satz – Beweis, so die gängige Praxis, die bei so manchem Studenten zum Verzweifeln führt. Beim Thema „Künstliche Intelligenz“ lautet daher meine erste Frage: „Was versteht man denn eigentlich unter Intelligenz?“ Frei nach Google zitiert: „Fähigkeit [des Menschen], abstrakt und vernünftig zu denken und daraus zweckvolles Handeln abzuleiten.“ Dies scheint auf den ersten Blick logisch zu sein, löst jedoch nicht die Frage nach der konkreten Definition. Was ist denn vernünftig und was zweckvoll? Die Wahrheit ist, dass es bis dato keine einheitliche Erklärung von Intelligenz gibt. Geht es um analytische Fähigkeiten? Muss man kreativ sein? Ist Empathie auch ein Teil des Themenkomplexes? Aufgrund dieser Tatsache ist es nicht verwunderlich, dass auch der Begriff der „Künstlichen Intelligenz“ nicht einheitlich verwendet wird und es so viele unterschiedliche Ausprägungen und Erklärungsversuche gibt.

 

Am Ende müssen wir uns in der Realität damit befassen, in verschiedenen Lebensbereichen und Situationen mit Herausforderungen und Problemen konfrontiert zu sein, die wir irgendwie lösen müssen. Intelligenz, sei sie menschlich oder künstlich, soll uns dabei helfen. Und gerade hier fällt auf, dass immer mehr Maschinen den Menschen ersetzen. Natürlich ist oft final immer noch der Mensch an der Entscheidungsfindung beteiligt, doch das hat in den letzten Jahren abgenommen und wird sich auch in Zukunft immer mehr zugunsten der Maschinen verschieben. An sich ist das ja eine Entwicklung, die positiv zu bewerten ist, wenn wir für die Menschheit genügend andere (sinnvolle) Betätigungsfelder finden. Das stellt zwar sicher eine unmittelbare Herausforderung dar, wird jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit gelöst werden. Schon in der Vergangenheit wurde vor dieser Entwicklung gewarnt. Fakt ist, dass sich das Verständnis, was Arbeit bedeutet, auch verändert hat. Für Menschen aus dem 19. Jahrhundert sind wir ja allesamt quasi arbeitslos, da wir die meiste Zeit vor dem Computer sitzen – völlig ohne körperliche Anstrengung und ohne Gefahr verletzt zu werden. Das bedeutet, dass Veränderungen potenziell nicht nur in der Form der Betätigung sondern auch in der Wahrnehmung und Bedeutung für die Gesellschaft stattfinden werden.

 

Was mich jedoch viel mehr interessiert, ist die Frage nach der Definition dessen, was es ausmacht, ein Mensch zu sein. Je mehr wir nämlich über „Neuronale Netzwerke“ und „Künstliche Intelligenz“ wissen und diese verstehen, desto größer wird meine Verwunderung über die vielen Parallelen zu menschlichen Mustern und Verhaltensweisen. Ein für mich sehr einprägsames Beispiel ist die „Reward Function“, die für den Bereich des „Reinforcement Learning“ benötigt wird, um positives Verhalten zu „belohnen“ und negatives Verhalten zu „bestrafen“. Die Künstliche Intelligenz hat dabei den Auftrag, die Ergebnisse dieser Funktion zu maximieren. Diese Belohnungsfunktion muss in fast allen gegenwärtig populären Algorithmen wie Q-Learning nämlich so definiert sein, dass weit in der Zukunft liegende Belohnungen niedriger gewichtet sind als kurzfristige Belohnungen. Diese Tendenz zu kurzfristigen Ergebnissen ist etwas, das man an sich vermeiden möchte, da es ja um Vorausdenken und das in Summe optimale Ergebnis geht. Das Gleichgewicht bzw. die Konvergenz der Optimierung scheint dies jedoch zu benötigen. Erst im Laufe des Lernens kann versucht werden, diese Gewichtung langsam aufzuheben. Jene künstlichen Intelligenzen, die dennoch stabil bleiben und diesen Übergang gut verkraften, ergeben meist die besten Lösungen. Es muss also ein kleines menschenähnliches Handicap integriert werden, um die künstliche Intelligenz überhaupt stabile Ergebnisse erzielen lassen zu können.

 

In der Psychologie gibt es das sogenannte „Time Paradox“, das durch das berühmte „Marshmallow Experiment“ bekannt wurde. Zusammengefasst wurde Kindern ein Marshmallow hingelegt, mit dem Zusatz, dass sie zwei bekommen, wenn sie diesen einen nicht essen, sondern ein paar Minuten warten. Viele Kinder konnten diese Zeit nicht abwarten und haben den einen sofort gegessen. Im Kontext des vorher beschriebenen Problems bei der KI kann defacto vom gleichen Sachverhalt gesprochen werden. Kurzfristige Belohnungen werden höher gewichtet als spätere, langfristige. Das ist ein Phänomen, das jeder nur zu gut kennt und selbst erfahren hat. Spannend ist, dass jene Kinder, die warten konnten, im späteren Leben erfolgreicher und kompetenter waren.

 

Das ist nur eine von vielen Parallelen, die mich mit Staunen erfüllt. Funktionieren wir Menschen quasi wie Maschinen oder haben wir es so weit gebracht, dass wir uns bald selbst als Schöpfer bezeichnen dürfen? Götter? Doch hier endet der Gedanke nicht. Ich denke, darum bin ich. Ab wann denke ich? Ab wann beginnt die Maschine zu denken? Ab wann ist die Maschine? Fragen, auf die ich im Rahmen dieses Artikels nicht mehr eingehen kann und möchte. Dies soll lediglich ein Denkanstoß sein, dass es insbesondere im Bereich der Ethik wesentliche Entwicklungsschritte geben muss, um der technologischen Entwicklung einen Rahmen zu geben. Christen postulieren zum Beispiel die 10 Gebote als Norm, als Rahmenbedingung, die ein Miteinander sinnvoll ermöglichen soll. Im säkularen Europa wird wohl eher die Rechtsstaatlichkeit bzw. das Recht genannt werden, das offensichtlich für uns als Gesellschaft notwendig ist, um funktionieren zu können. Selbiges muss auch für die Welt der Maschinen entwickelt werden.

 

Die Quintessenz des Ganzen führt meiner Meinung nach zu zwei Denkmodellen, wenn man es konsequent zu Ende denkt. Entweder wird Künstliche Intelligenz auf ein immer höheres Podest gehoben werden, bis irgendwann Maschinen/Intelligenzen menschenähnliche/-gleiche Rechte zugestanden werden (müssen) oder aber es findet eine Reduktion der Achtung gegenüber der menschlichen/biologischen Intelligenz statt, die darin mündet, dass Menschen weniger Rechte haben und vermehrt standardisiert, kategorisiert und abgewertet werden.

 

Um den Gedanken zu erklären, möchte ich den Sachverhalt mit dem Zauber eines Magiers vergleichen. Kann er die Illusion aufrecht erhalten? Bricht das Kartenhaus in sich zusammen? Oder aber hat er vielleicht tatsächlich Fähigkeiten, die übernatürlich oder zumindest wissenschaftlich unerforscht und unbekannt sind? Wem jemals ein Kartentrick oder ähnliches erklärt worden ist, weiß genau, von was ich spreche. Der Zauber verfliegt dann meist recht schnell. Wenn der „Zauber“ des Menschen irgendwann verfliegt, weil wir immer besser verstehen, wie wir funktionieren, wird das auch Folgewirkungen haben. Schon heute debattieren wir über Themen, wie zum Beispiel eine Präventivhaft, die in Zukunft vermehrt auftreten und durch die Erklärbarkeit der menschlichen Funktionsweise gestützt werden könnte. Diese Gefahr sehe ich und vor ihr warne ich, da implizit damit auch eine gesellschaftliche Veränderung einhergehen wird.

 

Ich hoffe daher, dass wir vermehrt den anderen Weg einschlagen und in Zukunft vielleicht auch unser Kühlschrank oder der Staubsauger gewisse Rechte haben wird. Ob diese sklavenähnlichen Gegenstände sich irgendwann einmal emanzipieren werden? Zuletzt bleibt die Hoffnung, das alles wohl nicht mehr erleben zu müssen.

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