Was heißt schon Talent oder die Zeit heilt alle Wunden!

05. Jul 2019 | Blog

VON Josef Obergantschnig

Der Faktor Zeit ist ein zentraler Baustein im professionellen Asset-Management. Bei entsprechender Veranlagungsdauer können bewusst Risiken eingegangen werden. Negative und positive Perioden werden im Zeitraffer geglättet. Am Ende des Tages werden die Investoren aber für ihre Risikobereitschaft – soweit zumindest die Theorie - entschädigt. Der Faktor Zeit ist schwer greifbar. Wie soll man bereits heute einschätzen, wie sich einzelne Märkte in den nächsten Jahrzehnten entwickeln werden? Der Faktor Zeit hat beinahe etwas Mystisches an sich. Gerade in der Finanzwirtschaft wird das offensichtlich! Das Zauberwort heißt Zinseszins! Auf Sicht von einem Jahr ist es beinahe egal, ob Sie mit einem Investment 7% (Aktien) oder nur 2% (Anleihen) verdienen. Bei einem Einsatz von 100 Euro beträgt die Differenz 5 Euro. Das ist viel, aber noch überschaubar. Nach 10 Jahren bereits 75 Euro. Da bekommt man schon ein Gefühl dafür, was der Zinseszinseffekt langfristig auslöst. Das ist bereits um 25 Euro mehr als der 10fache Jahresunterschied. Nach 14,5 Jahren hat der Aktionär bereits ein doppelt so großes Portfolio als der Anleihen-Investor. Besonders krass ist der Unterschied nach einer Lebensarbeitszeit von 40 Jahren. Aus den eigesetzten 100 Euro macht der Aktionär 1.500 Euro. Derjenige, der sein Geld in Anleihen investiert hat, muss sich mit vergleichsweise bescheidenen 220 Euro begnügen. Das ist der Zauber des Zinseszinseffektes! André Kostolanys Zitat ist für mich das Synonym dieser Denke: „Kaufen Sie Aktien, nehmen Sie Schlaftabletten und schauen Sie die Papiere nicht mehr an. Nach vielen Jahren werden Sie sehen: Sie sind reich.“

 

Auch im Themenfeld der Persönlichkeitsentwicklung kommt dem Faktor Zeit eine zentrale Rolle zu. Um langfristige Veränderungen erzielen zu können, bedarf es Geduld und vor allem Durchhaltevermögen. Der Mensch neigt dazu, das kurzfristige Veränderungspotenzial maßlos zu überschätzen. Das, was wir innerhalb eines Jahres realistisch erreichen können, ist deutlich weniger als das, was wir uns selbst zutrauen. Interessanterweise hat auch im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung der Mensch wenig Vorstellungskraft, was er langfristig erreichen kann. Insofern unterschätzt er häufig die langfristigen Auswirkungen seines Handelns. Das ist ähnlich wie beim Zinseszinseffekt im Wertpapierbereich. Wenn man kontinuierlich und hartnäckig an sich arbeitet, wird man nach kurzer Zeit noch keine großen Veränderungen wahrnehmen können. Sie können aber davon ausgehen, dass Sie die langfristigen Auswirkungen überraschen werden.

 

Matthew Syed hat sich mit der Frage in seinem lesenswerten Buch „Was heißt schon Talent?“ beschäftigt, was Talent bedeutet. Der schwedische Psychologe Anders Ericsson hat bereits 1991 eine umfassende Analyse über die Ursachen von Spitzenleistungen durchgeführt. Er analysierte drei Gruppen von Violisten der berühmten Berliner Hochschule für Künste. In der ersten Gruppe fasste er herausragende Naturtalente zusammen. Die zweite Gruppe war gut, aber nicht so herausragend wie die erste. In der dritten Gruppe wurden die am wenigsten befähigten Studenten zusammengefasst. Die Einteilung in die drei Gruppen basierte auf der subjektiven Beurteilung von Musikprofessoren. Ericsson erkannte, dass sich die Lebensläufe der drei Gruppen ähnelten. Alle Studenten hatten etwa im Alter von 8 Jahren mit dem Geigenspiel begonnen. Die Entscheidung, Berufsmusiker werden zu wollen, wurde knapp vor dem 15. Geburtstag getroffen. Es gab aber auch einen wesentlichen Unterschied. Die Zahl der Übungsstunden. Die besten Violisten hatten im Alter von 20 Jahren durchschnittlich 10.000 Stunden geübt. Das ist um 2.000 Stunden mehr als die Studenten der zweiten und um 6.000 Stunden mehr als die Studenten der dritten Gruppe. Das war aber nicht die einzige Erkenntnis. Niemand hatte die Spitzengruppe erreicht, ohne davor intensiv geübt zu haben. Gezielte Übung ist der einzige Faktor, der die Besten vom Rest der Welt unterschied. Üben heißt in diesem Zusammenhang aber nicht zwingend nur üben. Man muss an seine Grenzen gehen. Sie werden auch kein besserer Autofahrer, nur weil sie am Wochenende 200 Kilometer mit dem Auto fahren, um ihre Eltern zu besuchen. Gezieltes Üben heißt, laufend seine Grenzen zu verschieben. Die 10.000 Stunden sind nur dann sinnvoll investiert, wenn man am Limit trainiert.

 

Diese Theorie ist in alle Bereiche des Lebens übertragbar. Wolfgang Amadeus Mozart war ein Wunderkind. Er hatte einen Vater, der ihn zu Höchstleistungen anspornte. Mit sechs Jahren hatte er bereits 3.500 Übungsstunden absolviert. Auch wenn er zweifellos Talent besaß, was wäre er im Vergleich zu anderen, wenn er diese Stunden nicht investiert hätte. Mit 15 Jahren hatte er bereits seine 10.000 Übungsstunden absolviert. Das war die Basis für eine außergewöhnliche Karriere! Ähnliches ist auch im Sportbereich zu beobachten. Ich bin ein großer Fan von Roger Federer. Er ist für mich der beste Tennisspieler aller Zeiten. Seine Eleganz, sein Ballgefühl und die Präzession seiner Schläge beeindrucken mich. Kombiniert mit seiner bodenständigen Art und der Eigenschaft, auch den Erfolg seiner Rivalen im Falle einer Niederlage neidlos anzuerkennen, macht ihn für mich zu einem großen Vorbild. Roger Federer trainierte sein Leben lang hart und ordnete alles dem Tennis unter. Diese Beharrlichkeit und diese Liebe zu seinem Sport sind der Grund, warum er seit mehr als zwei Jahrzehnten in der Lage ist, sich mit den Besten der Besten seiner Sportart zu messen.

 

Sein einstiger Rivale Andre Agassi beschrieb seinen Weg zum sportlichen Erfolg eindrucksvoll in seiner Biographie: „Mein Vater sagt, wenn ich jeden Tag 2.500 Bälle schlage, dann sind es pro Woche 17.500 und am Ende des Jahres fast eine Million. Mathematik ist seine Religion. Zahlen, sagt er, lügen nicht. Ein Kind, das pro Jahr eine Million Bälle schlägt, wird unbesiegbar sein.“

 

Erfolg basiert auf harter Arbeit. Wir müssen 10.000 Stunden trainieren und laufend unsere Grenzen nach oben verschieben, um in unserer Disziplin Weltklasse zu werden. Erfolg basiert auf harter Arbeit. Langfristig schlägt Arbeit Talent (Metthew Syed). Das erinnert wieder an den Zinseszinseffekt.

 

Haben Sie sich schon einmal gefragt, wie ein CEO eines großen Unternehmens seine Zeit verbringt? Die Harvard Business School ist dieser Frage im Detail nachgegangen und hat das Zeitmanagement der Unternehmensleiter von Milliarden Unternehmen analysiert. Ein Fortune 500 Unternehmen zu leiten, ist ein brutale Herausforderung. Es bedeutet Druck, eine unausgewogene Work-Life Balance und physischen und psychischen Raubbau an der eigenen Gesundheit.

 

Arbeitszeitverteilung eines CEOs:

  • Bewertung und Kontrolle einzelner Geschäftseinheiten (25%)
  • Beziehungspflege (25%)
  • Strategie (21%)
  • Organisation und Unternehmenskultur (16%)
  • Operative Planung (4%)
  • Aufbau von Expertise (3%)
  • Management von Krisen (1%)

 

Die Zielgruppe der CEOs leitete Unternehmen mit einem durchschnittlichen Jahresumsatz von 13,1 Milliarden US-Dollar. Der Fokus der Unternehmenslenker ist auf strategische Aspekte gelegt. Es gilt die Erfolgsfaktoren zu evaluieren, um auch den zukünftigen Unternehmenserfolg sicherzustellen. Rund die Hälfte der Zeit verbringen CEOs im Austausch mit Menschen. Sei es eigene Mitarbeiter, Kunden oder andere Stakeholder. Auch hier ist Effizienz angesagt. Mehr als 50% der Meetings dauert maximal eine Stunde bzw. 75% aller Besprechungen maximal zwei Stunden.

 

CEOs schauen auch auf sich selbst. 60% der Unternehmensführer treiben zumindest zwei Mal pro Woche Sport. Der typische Tagesablauf schaut folgendermaßen aus:

  • Arbeit (31%)
  • Schlaf (29%)
  • Reisezeit (10%)
  • Persönliche Zeit (25%)
  • Urlaub (5%)

 

Die Analyse der Tageszeiten hat mich sehr verwundert. Knapp ein Drittel des Tages verbringt der CEO mit Arbeit – das sind in etwa 8 Stunden täglich. Ein erwachsener Mensch braucht zwischen sechs und acht Stunden Schlaf. Mit rund 7 Stunden liegen die CEOs innerhalb dieser Bandbreite. Ein Viertel der Tageszeit bleibt für den persönlichen Bereich übrig. In diesen Bereich fallen Familie, Sport, Soziales oder einfach einmal ein spontaner Besuch im Theater. Mich hat sehr überrascht, dass erfolgreiche CEOs ein durchaus ausgeglichenes Leben führen. Die drei Säulen Arbeit, Persönliches und Schlaf sind annähernd gleich groß.

 

Diese Lebensweise führt auch dazu, dass viele CEOs stressresistent sind. Lediglich 41% fühlen sich täglich gestresst bzw. 33% mehrmals die Woche. Die verbleibenden 26% der CEOs geben an, maximal ein paar Mal pro Monat gestresst zu sein. In Anbetracht der beruflichen Herausforderungen und dem dadurch verbundenen Druck halte ich das für ein sehr beeindruckendes Ergebnis.

 

Jeder Tag hat 24 Stunden, 1.440 Minuten oder 86.400 Sekunden. In dieser Beziehung sind alle Menschen gleichgestellt. Es liegt an uns, wie wir unsere Zeit verbringen. Haben wir den Ansporn und die Geduld, kontinuierlich an uns zu arbeiten? Es ist nichts umsonst. Erfolgreiche Menschen haben eines gemeinsam. Sie haben hart an sich gearbeitet und sich kontinuierlich weiterentwickelt, um am Ende des Tages erfolgreich zu werden. Erfolgreiche Menschen werden häufig beneidet. Aber niemand dieser Neider sieht den zurückgelegten Weg, den die Person gegangen ist. Johann Wolfgang von Goethes Zitat bring es treffend auf den Punkt: „Die meisten Menschen wollen etwas sein, keiner will etwas werden.“

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