Unsere Gesellschaft des Anscheins – Die Verwirrung des Musterurlaubs

09. Jul 2019 | Blog

VON Sandrine Ngo Ngan

„Mama können wir einen RICHTIGEN URLAUB machen? Ich meine einen Urlaub am Strand!“ Diese Frage musste ich vor einigen Jahren aus dem Mund meines Sohnes hören. Seine Mitschüler in einer Kölner Grundschule hatten kurz vor den Sommerferien erzählt, welche Urlaubspläne ihre Eltern hatten. Die meistens hatten einen Strandurlaub geplant. Für ihn wurde ein vierwöchiges Ferienprogramm in einem Bonner Wald, einen Kilometer entfernt von unserem Wohngebiet, gebucht.


Viele gehen bald in den Sommerurlaub und werden wahrscheinlich mit Ratschlägen, Tipps sowie Werbung über den perfekten Urlaub überflutet. Man bekommt schon ein schlechtes Gewissen und ist sofort ein Spießer, wenn der Urlaubsplan nicht dem gesellschaftlichen Maß entspricht. Unabhängig von der Urlaubsentscheidung, würde ich gern auf die Frage meines Sohnes zurückkommen und eine kurze Analyse im Rahmen dieses Blogs vornehmen. Ist der Urlaub nur wertvoll, wenn er nach einem gesellschaftlichen Muster verbracht wird?


Glück und Geborgenheit scheinen sich auch an Hobbys und Urlaubsplänen in unserer heutigen Gesellschaft zu messen. Individuelle Bedürfnisse scheinen nicht mehr wichtig zu sein und an zweiter Stelle zu liegen. Der Nachahmungseffekt bestimmt immer mehr, wo es lang geht. Es gibt eine gewaltig wachsende soziale Nachbildung des Verhaltens (fachlich als soziale Ansteckung in der Psychologie bezeichnet, die sowohl Positives als auch Negatives bewirken kann). Ausschlaggebend ist das Motto: „Wir müssen es machen, damit wir als normale Menschen angesehen werden, egal ob wir es brauchen“. Der französische Philosoph Michel de Montaigne bringt es mit folgender Kritik auf den Punkt: „Wir trachten nach anderen Lebensformen, weil wir die unsere nicht zu nutzen verstehen. Wir wollen über uns hinaus, weil wir nicht erkennen, was in uns ist.“


Der Mensch ist vielfältig und wandelbar. Darum entstehen auch unterschiedliche Bedürfnisse und Möglichkeiten. Alternativen sind ein Ausdruck unserer abwechslungsreichen und freien Persönlichkeitsentfaltung. Beim Urlaub geht es schließlich darum, dass man eine ausgeglichene Pause hat und diese Pause der Erfüllung der Erwartungen gerecht wird. Jedem steht frei es zu entscheiden, was er machen will, wie er es machen will und ob er es machen will.


Befreien wir uns von unseren Stereotypen, die Menschen stark kränken und sozial abgrenzen. Hören wir einfach auf unsere Bedürfnisse und unser Bauchgefühl. Vermeiden wir Überperformance bei der Urlaubplanung! Schließlich geht es um uns, nicht um die Anderen. Unser alltägliches Leben ähnelt langsam einem Marathonlauf, in dem wir anderen oft etwas beweisen müssen. Immer mehr Psychologen empfehlen das sogenannte Konzept „FARNIENTE“ während des Urlaubs, das als Stressausgleich gut wirkt und das als Protest gegen einen automatisierten Wettlauf gegen die Zeit in der heutigen Gesellschaft angewendet werden kann. Der Psychologe Yves-Alexandre Thalmann meint, dass Urlaub Zeit zum Aufhören und kein Organisieren von Dingen ist. Urlaub bedeutet nicht eine Leistung zu erbringen, es heißt wirklich nichts tun, nichts planen, Zeit für sich selbst zu haben und hoffentlich sich irgendwann langweilen zu können. Gestalten wir stressfrei unseren Urlaub unabhängig von dem gesellschaftlichen Druck, lassen wir los und genießen wir die wohlverdiente Pause!


Übrigens, das Ferienprogramm im Bonner Wald hat meinem Sohn sehr gut gefallen. Das Angebot war auf seine Bedürfnisse maßgeschnitten. Nach diesem erstmaligen Waldprogramm wollte er (obwohl er ein leidenschaftlicher Hobbyschwimmer ist) jedes Jahr hin bis zu unserem Umzug nach Graz. So viel zum Thema richtiger Urlaub!

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