Nein, diesen Maulkorb brauche ich nicht!

10. Mär 2020 | Blog

VON Christina Kirisits

Den Gedankenanstoß zu diesem Blog gab ein Artikel im „Addendum“ Nr. 9 vom letzten Herbst über den Selbstversuch der Journalistin Anna Schneider bei den Gender Studies an der Universität Wien und die dort von ihr erlebte zum Teil einseitige, ja fast indoktrinierende Kommunikation, statt der erwarteten offenen und freien Diskussion. Ebenso wie sie beschäftigt mich vor allem die beunruhigende Richtung, in die sich unsere Kommunikation zu bewegen scheint:

 

Warum müssen Theateraufführungen oder Universitätsvorlesungen von den jeweils Andersdenkenden des politischen Spektrums nicht nur gestört, sondern sogar verhindert werden? Halten wir Meinungen, die sich nicht mit den unseren decken, nicht mehr aus? Warum muss man heutzutage für alles, was man öffentlich sagt oder tut, mit einem Shitstorm rechnen, der meist in seiner Niveaulosigkeit in keinem Verhältnis zu der ursächlichen Meinung oder Tat steht? Ist es nicht sehr bedenklich, dass das Argument der Meinungsfreiheit herangezogen wird, um das andersdenkende - schlimmstenfalls nicht einmal persönlich bekannte - Gegenüber mundtot zu machen? Und das heutzutage häufig im Zusammenhang mit dem 3. Reich strapazierte „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen“ dient meist auch mehr zur Provokation, um bewusst Grenzen zu überschreiten, denn zu argumentieren.

 

Der Dichter Paul Celan hat einmal gesagt, dass nach Auschwitz kein Gedicht mehr geschrieben werden könne - doch Gott sei Dank werden natürlich nach wie vor wunderschöne Gedichte geschrieben. Dabei ist es ja eigentlich eine Frage des „WIE“ sage oder schreibe ich etwas und genau hierfür scheint vielfach das Gespür abhanden zu kommen.

 

So sollten wir uns bei all diesen Diskussionen vor Augen halten, in wie vielen Ländern es nach wie vor gar keine Meinungsfreiheit gibt und in wie vielen Staaten es in den letzten Jahren wieder Rückschritte gegeben hat. Ein guter Indikator ist hierfür der „Press Freedom Index“ der NGO „Reporter ohne Grenzen“, der auf den ausgewerteten Fragebögen von Journalisten, Forschern, Juristen und Menschenrechtsaktivisten aus 180 Ländern basiert. Diese werden unter anderem gefragt, ob Journalisten illegal festgenommen (z.B. ohne einen Haftbefehl, länger als der maximale Zeitraum des Polizeigewahrsams, ohne eine Gerichtsverhandlung), körperlich misshandelt oder entführt wurden, beziehungsweise wegen Einschüchterungen oder Bedrohungen aus dem Land geflüchtet sind. Außerdem behandeln der Index die Fragen, ob der Staat ein Fernseh-, Radio-, Printmedien- oder Internetdienstmonopol hat und inwieweit er diese Medien überwacht und zensiert. Dass Länder wie Turkmenistan, Nordkorea, Eritrea und China die Schlusslichter dieses Index bilden, überrascht wohl kaum jemanden. Genauso wenig, dass die Skala von den skandinavischen Staaten angeführt wird. Spannend sind die Bewertungen und Entwicklungen dazwischen. Wie bereits erwähnt, verzeichnen zahlreiche Länder eine tendenzielle Verschlechterung der Pressefreiheit in den letzten Jahren, was westliche Demokratien wie Irland, Luxemburg, Kanada oder auch Österreich (Platz 16) genauso betrifft wie Staaten wie Weißrussland, die Türkei oder Singapur, wo es schon Verbesserungen gegeben hat, die bekanntermaßen wieder zunichte gemacht wurden. Noch drastischer ist dies anhand von Polen, Ungarn und auch Malta zu sehen.

 

Frankreich und Großbritannien liegen aktuell auf Platz 32 und 33 und die U.S.A. auf Platz 48 – letztere hinter Rumänien und nur knapp vor dem Senegal. Wobei es auch interessant ist, dass sich diese großen, wichtigen westlichen Länder seit der erstmaligen Veröffentlichung des Index 2002 bisher nur in einzelnen Jahren unter den Top 20 befunden haben. Zusammenfassend kann man sagen, dass es in ca. zwei Drittel der 180 Länder um die Pressefreiheit mittelmäßig bis schlecht bestellt ist. Die Details des Index sind unter Wikipedia und Reporter ohne Grenzen zu finden und sollten uns für unsere eigene Kommunikation, egal ob im Internet oder in persönlicher Diskussion, zu denken geben. Offen im Denken zu bleiben (auch wenn es angenehm ist, sich bei selektiver Auswahl der Foren in der eigenen Meinung bestätigt zu sehen), womit man seinem Gegenüber und seiner Meinung eigentlich automatisch den entsprechenden Respekt und die nötige Höflichkeit entgegenbringt. Dann kann man diese Umgangsformen bei anderen auch bewusst einfordern, das erscheint mir wichtiger denn je. Und trotzdem mit Herzblut und Engagement zu diskutieren!

 

Denn die Einrichtung von „Safe Spaces“ („Sichere Räume“, wo man möglicherweise verletzenden oder diskriminierenden Themen/Diskussionen nicht ausgesetzt ist), wie inzwischen immer wieder an den amerikanischen Unis und vereinzelt auch schon bei uns gefordert, kann doch nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Die emotionale Betroffenheit und persönliche Befindlichkeit können doch nicht dazu führen, dass bestimmte Themen nicht mehr diskutiert werden können oder sogar dürfen. Auch wenn das vermutlich wieder eine Konsequenz der zunehmenden Verrohung der Kommunikation ist.

 

Deshalb finde ich es auch besonders wichtig und gut, dass sich die Deutschlehrerin meiner 15jährigen Tochter bewusst die Zeit nimmt, mit den Schülern einmal wöchentlich Podcasts anzusehen/anzuhören und hinterher zu diskutieren, sie anhält, sich Argumente zu überlegen, diese auch zu formulieren und vorzubringen, genauso wie den anderen zuzuhören und sachliche Antworten vorzubereiten. Damit unterstützt sie das, was ich auch versuche meinen Kindern vorzuleben: anderen keinen Maulkorb umzulegen, sich selbst aber auch nicht verpassen zu lassen!

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