Der Anleger ist sein eigener schlimmster Feind!

08. Mai 2020 | Blog

VON Alfred Kober

Das von Warren Buffet stammende Zitat spricht den verhaltensorientierten Einfluss an, den wir Investoren im Rahmen unserer Investmententscheidungen ausgesetzt sind. Behavioral Finance – die verhaltensorientierte Finanzierungslehrer – beschäftigt sich mit kognitiven und mit emotionalen Verzerrungen im Zuge der Finanzveranlagung. Fehlerhafte Schlussfolgerungen, falsche Informationsverarbeitungen und impuls-induzierte „Bauchentscheidungen“ – alles nachweisbare Phänomene dieser Lehre. Ja, wer kennt sie nicht, die psychologischen Fallen, die die Sicht trüben und über unser rationales Entscheidungsvermögen schwelgen. Aspekte, wie die Pandemie, der Lockdown, die beispiellosen Interventionen gespickt mit sehr hohen Kursvolatilitäten, extremes Handelsvolumen, negative Ölpreise. Diese bunte Gemengelage kann dem einen oder anderen Neuankömmling in der Veranlagungsbranche schon mal die Sicherung durchbrennen lassen. Sehr häufig resultieren aus dieser bunten Mischung an äußeren Einflüssen Falschentscheidungen, auch dieses Mal. Schlechtere Veranlagungsergebnisse sind zumeist die Folge daraus. Die extremen Handelsvolumina und der global beobachtbare Aktienausstieg vieler Privatinvestoren im März dieses Jahres zeugen von panischen und kurzüberlegten Entscheidungsprozessen. Gerade in Situationen wie diesen drängen die psychologisch bedingten Verzerrungen unbewusst in den Vordergrund und versuchen, jeden von uns ein Schnippchen zu schlagen. Umso wichtiger ist es, sich über diese problematischen Einflüsse bewusst zu sein. Wissenschaftler im Bereich des Behavioral Finance können mittlerweile rd. 200 unterschiedliche kognitive Verzerrungen genau benennen, die sich im Wesentlichen folgenden 4 Hauptgruppen zuordnen lassen.

 

E G O
Drückt sich in Selbstüberschätzung und dem Glauben aus, mit den eigenen Investmententscheidungen überdurchschnittliche Renditen zu erzielen. Die objektive Reflexion des eigenen Könnens ist den meisten Menschen fremd. Großangelegte Studien zeigen, dass die eigenen Fähigkeiten auf einer Skala von 1 bis 10 mit rd. 7, also überdurchschnittlich bewertet werden („illusory superiority“). Im Bereich der Veranlagung äußert sich dieser Effekt dadurch, dass Gewinne vollmundig kommuniziert und Verluste hingegen eher unter den Tisch gekehrt bzw. äußeren Umständen zugeschrieben werden. Auch die Unterschätzung von Risiken und die darauf aufbauende Unangemessenheit von Gewichtungsschwerpunkten resultieren aus dieser Verzerrung. Veranlagungsergebnisse vieler diskretionär verwalteten Fonds halten im Mittel mit den Marktergebnissen nicht mit und nachhaltige „Outperformer“ sind äußerst rar – erbarmungslos, aber wahr. Studien zeigen, dass geschlechterspezifisch eher Männer als Frauen und regional der tendenziell extrovertiertere und, zumindest nach außen hin, selbstbewusstere nordamerikanische Investor gegenüber dem tendenziell eher reflektierteren/selbstkritischeren asiatischen Investor (Livescience.com via CBS News, 2013) von dieser Verzerrung betroffen sind.

 

Verfügbarkeit von Informationen
Was wir kennen und was uns zuerst in den Sinn kommt, dem messen wir mehr Vertrauen und höhere Wahrscheinlichkeiten zu. Unbewusst verschmilzt „Bekanntes“ mit der „besten Wahl“ und wirkt auf unsere Entscheidungsfindung ein. Vor allem Einseitigkeit sowie unzureichende Diversifikation gehen aus dieser Verzerrung hervor. Der bekannte „Homebias“ ist ein klassisches Beispiel dafür, gerade auch für uns im kleinen Österreich. Ich vermute, dass in vielen Portfolios österreichischer Investoren heimische Titel höher gewichtet sind, als dies in einem global ausgerichteten breiten Aktienindex der Fall ist. Genau hier stellt sich die Frage, auf welcher rationalen Basis diese Selektionsentscheidung getroffen wird? Nur weil wir etwas kennen, bedeutet dies nicht, dass es nicht bessere/attraktivere Möglichkeiten gibt. Im Aktienindex der globalen Industrieländer sind österreichische Titel mit weniger als 0,1% gewichtet!

 

Voreingenommenheit
Mit dieser Verzerrung erlauben wir, dass unsere Erfahrungen und unsere Erinnerungen die Abwägung von Wahrscheinlichkeiten mit beeinflusst. Der US-Psychologe Daniel Crosby bringt das plakative Beispiel mit den Anschlägen in New York im Jahr 2001, die die Flugangst in den USA extremst geschürt haben. Angsterfüllt schränkten die Leute ihre Flüge drastisch ein und wählten auch für ausgedehnte Langstrecken das eigene Auto. Das Resultat der stark vermehrten Fahrten im Q4 2001 war ein ebenso signifikantes Ansteigen von Unfällen mit Todesfolge (The Guardian, 2011). Aus Angst vor weiteren Anschlägen (geringe Wahrscheinlichkeit/hohe potentielle Auswirkung) entschieden sich Reisende für eine vermeintlich risikolosere Alternative - eine Fehlentscheidung.

 

Emotionen
Oft vermischen wir unser gutes Gefühl für etwas mit Sicherheit – also, Gefühl als eine Art von Risikomanagement. Was uns gefühlte Sicherheit gibt, muss jedoch nicht notwendigerweise tatsächlich sicher sein. Jeder von uns kennt dieses emotionale Wechselspiel, in dem wir hin- und hergerissen werden. Die emotionale Komponente befeuert Zyklen an den Kapitalmärkten – Bullen- und Bärenmärkte – Über- und Untertreibungen – lange Seitwärtsphasen und Kursabstürze. So, wie vor wenigen Wochen, als es wieder einmal so richtig heiß herging und so manches Nervenkostüm strapaziert wurde. Besonders in Ausnahmesituationen wie diesen ist eine rationale Entscheidungsfindung nicht einfach, weder für den Privatinvestor noch für den institutionellen Veranlager.

 

Das Wissen über diese psychologischen Einflüsse, über dieses emotionale Hin und Her, dem wir unterliegen, ist wohl der erste wesentliche Schritt zu nachhaltig besseren Veranlagungsergebnissen. Zumindest ebenso wichtig ist in weiterer Folge die Kenntnis darüber, wie wir es letztendlich schaffen, uns diesen Einflüssen bestmöglich zu entziehen. Die beschriebenen Verzerrungen wirken auf jeden von uns unterschiedlich und den passenden Zugang für eine bestmögliche Entschärfung dieser, muss jeder selbst für sich finden.


In der Regel sind es einfache und klare Regeln, die uns führen und Halt geben. Die Überlegenheit ausdefinierter und regelbasierter Investmentansätze gegenüber den häufig inferioren Ergebnissen diskretionärer Investmentansätze ist unbestritten. Ebenso ermöglicht uns der bewusste Schritt zurück und die Einnahme der Außensicht eine ungetrübtere Beurteilung und somit eine zweifelsohne objektivere Entscheidungsfindung. Klar, das Befolgen der im Vorfeld definierten Regeln, Prozesse etc. ist dabei Grundvoraussetzung. Oft ist diese Erkenntnis mit flachen, langwierigen und kostspieligen Lernkurven verbunden. Viele Investoren sind nicht bereit, diese einzugehen und werfen voreilig das Handtuch. Professionelle Unterstützung hilft dabei!


Trotz all der Digitalisierung sind es letztendlich Menschen, die Wertpapiertransaktionen instruieren – direkt oder auch indirekt. Solange dies der Fall ist, wird es auch weiterhin und wie seit Jahrhunderten, Über- und Untertreibungen an den Börsen, Jubelschreie und Verzweiflungsakte sowie Kauf- und Verkaufsgelegenheiten geben. Ich bin der Meinung, es ist ein Zeichen der Zeit, dass nach vielen Jahren der Technologisierung das Thema der Verhaltensökonomie wieder auffallend stark thematisiert wird. Als wissenschaftlich untermauerter Bestandteil nimmt das ganze Spektrum des Behavioral Finance seinen festen Platz im Facettenreichtum des Portfoliomanagements ein und hilft uns Investoren dabei, in der Spur zu bleiben und eine möglichst klare Sicht auf erfolgsentscheidende Fakten zu bewahren.

Hier können Sie den Verfasser gerne kontaktieren: alfred.kober@securitykag.at

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