Des einen Freud ist des anderen Leid!

13. Nov 2020 | Blog

VON Alfred Kober

Des einen Freud ist des anderen Leid!

 

Geschlossene Lokale, sehr überschaubarer „Rummel“ in den Einkaufsstraßen und weithin leergefegte Geschäfte. Vermutlich stellt sich die gegenwärtige Situation an vielen Orten rund um den Erdball so oder ähnlich dar. Es ist absolut nachvollziehbar und durchaus verständlich, dass das Klagen der Kaufleute laut und weit zu hören ist. Im Umfeld der allgegenwärtigen Verunsicherung übt sich der Konsument in Zurückhaltung und versorgt seinen Sparstrumpf. Zumindest in unserem Kulturkreis ist dies derzeit beobachtbar. Werden wir Zeuge einer nachhaltigen Änderung des Konsumentenverhaltens oder handelt es sich lediglich um ein viral-bedingtes kurzfristiges Intermezzo?

 

Um Antworten auf diese Frage zu finden, möchte ich einen Blick nach China werfen. Dort soll das Virus seinen Ausgang gefunden haben. Nach sehr harten Maßnahmen sowie einer permanenten Komplettüberwachung scheint das Land die Situation nun weitgehend unter Kontrolle zu haben. Es herrscht Erleichterung und das Leben dreht sich zunehmend in gewohnten Bahnen. Änderungen zu mehr Bedachtsamkeit im Konsum sind nicht zu erkennen – viel mehr verlagert sich der Konsum zunehmend und noch stärker auf das Internet.

 

Diese Entwicklung hat uns der asiatische Online-Handelsgigant Alibaba in dieser Woche nun eindrucksvoll vor Augen geführt. Ähnlich dem US-Riesen Amazon liefert sich auch Alibaba eine konzentrierte jährliche Rabattschlacht. Alljährlich in den ersten 11 Novembertagen und angelehnt an die Schnäppchentage des US-Konkurrenten wird der Singels‘ Day abgefeiert. „Abgefeiert“ trifft dabei das Verhalten der Konsumenten ziemlich gut – keine Spur von Zurückhaltung und Unsicherheit. In der Spitze zählte der Händler knapp 600tsd Orders, nicht täglich oder stündlich – nein pro Sekunde! Umgesetzt wurden in diesen 11 Tagen Waren im Gegenwert von 75 Mrd. USD, was in etwa der gemeinsamen Wirtschaftsleistung der Steiermark und Kärnten entspricht. Der Umsatz in dieser kurzen Zeit hat sich dabei zum Vorjahr nahezu verdoppelt – ausgeliefert werden über 2,5 Mrd. Pakete. Die Ausmaße sind irre, wie es auch der damit verbundene logistische Aufwand ist.

 

Ob dies nun gut oder schlecht ist, hängt sehr wahrscheinlich von der Perspektive ab, von der aus dieses internationale Massengeschäft betrachtet wird. Als nachhaltigkeitsaffiner Investor denke ich an dieser Stelle mit sehr gemischten Gefühlen an den ökologischen Fußabdruck, der mit dem Geschäft dieser Art des Konsumwahns mit einher geht. Dass der lokale Einzelhandel preislich nicht annähernd mit den vollintegrierten Logistikketten dieser Giganten mithalten kann, liegt auf der Hand. Setzt sich der Trend der letzten Jahre fort, so sind die längerfristigen Auswirkungen auf die zumeist klein strukturierten Geschäfte in den Innenstädten wenig erbauend bis fatal.

 

Wenn auch die Krisenmonate ein höheres Konsumbewusstsein hin zu mehr Regionalität bei Nahrungsmittel und Waren aller Art erkennen lassen, erlebt das Extrem auf der Gegenseite hingegen einen beispiellosen globalen Zustrom. Eine nachhaltige Änderung des Konsumverhaltens beschränkt sich eher auf die Orderwege als auf ein Mehr an Achtsamkeit. Der Trend ist eindeutig, dieser ist digital. In diesen virtuellen Marktplätzen ist das Umfeld höchst kompetitiv. Wie in so vielen Branchen hat sich auch der globale Online-Handel auf einige wenige bedeutende Playern konzentriert, die mittlerweile große Teile des globalen Konsums absaugen. Der Vorsprung der Giganten ist groß und schier uneinholbar. In dieser Hinsicht gibt es sie also doch, die Gewinner des Handels – weniger lokal und mehr digital.

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