Wallstreetbets und die dunklen Geschäfte im Hintergrund

19. Feb 2021 | Blog

VON Stefan Donnerer

Derzeit sorgt vor allem das Thema Wallstreetbets und dessen absurde Auswirkungen auf einzelne Aktien wie Gamestop und AMC für rege Diskussionen und war regelmäßig in den Nachrichtensendungen vertreten. Doch dieser Artikel befasst sich viel mehr mit der immer größer werdenden Beliebtheit von intuitiven Online-Handelsplattformen und deren Geschäften im Hintergrund.

Hinter Wallstreetbets verbirgt sich das bekannte und beliebte Internet-Forum reddit, in welchem der artikelnamensgebende Begriff bereits seit 2012 als Unterforum existiert. Dort können sich User über Trading-Tipps am Finanzmarkt austauschen. Bekanntheit hat das Forum Anfang dieses Jahres durch die Veröffentlichung eines Beitrages erhalten, in welchem darauf hingewiesen wurde, dass zu diesem Zeitpunkt mehr als 140% aller Gamestop-Aktien von Hedge-Fonds leerverkauft (=shorten) wurden. Dies bedeutet, dass Fonds auf den Kursverlust der Aktie setzen und infolgedessen Aktien von Unternehmen verkaufen, die sie gar nicht besitzen, bzw. die in diesem Fall gar nicht in dieser Menge existieren. Der Aufruf hat anschließend zahlreiche private wie angeblich auch andere Hedge-Fonds dazu gebracht, die Aktie trotz desaströser Finanzkennzahlen zu kaufen, um somit den Kurs des Wertpapiers in die Höhe treiben zu können. Dies hatte für die Käufer den angenehmen Nebeneffekt, dass nicht nur das eigene Investment an Wert gewann, sondern auf der anderen Seite die institutionellen Investoren, welche auf einen Kursverfall gewettet haben, erhebliche Verluste erlitten (Short-Squeeze). 

Während man über die Beweggründe und die interessanten Aspekte des Aufstandes der „kleinen Investoren“ gegenüber den großen Hedge-Fonds, die bekanntermaßen nicht den besten Ruf genießen, einen eigenen Beitrag verfassen könnte, möchte ich an dieser Stelle jedoch ein anderes Thema beleuchten. Wie schon im Eingang des Textes angekündigt, spielt bei dieser Diskussion auch das Thema des weniger bekannten „Dark Trading“ eine große Rolle. 

Private Investoren welche nicht nur am Gamestop-Hype beteiligt sein wollen, sondern auch unabhängig von Internet-Foren ihre private Vermögensveranlagung schnell und einfach digital abwickeln möchten, nutzen Online-Plattformen wie Robinhood, Trade Republic oder eToro. Über diese kann man mit wenig Nebenkosten einfach und benutzerfreundlich Wertpapiere am Smartphone handeln. Auch die sogenannte „Gamification“ steht bei diesen Apps gerne im Vordergrund und so werden profitable Trades am Bildschirm mit Feuerwerken gefeiert und eine einfache und schnelle Durchführung der Wertpapierorders per Fingerwisch steht im Vordergrund.

Der Grund warum diese Plattformen den Handel von Wertpapieren zu enorm niedrigen Konditionen anbieten können ist, dass die Trades im Hintergrund nicht direkt an eine Börse weitergeleitet werden, sondern an einen Partner des Dienstleisters wie bspw. Citadel Securities oder Virtu Financial zur Ausführung übermittelt werden. Diese führen die empfangenen Orders meist privat in einem Darkpool und somit außerbörslich aus und können daher den privaten Kunden sogar leicht bessere Kurse anbieten, als wenn sie die Wertpapiere direkt an einer Börse gehandelt hätten.  Der Privatkunde profitiert von günstigen Konditionen und sogar besseren Ausführungskursen, der Dienstleister von großen Kundenvolumina und -aufträgen und der eigentliche Wertpapier-Händler im Hintergrund verdient an jeden Trade eine kleine Marge mit.

Das sieht zunächst wie eine Win-Win Situation für alle Beteiligten aus, auf den 2. Blick zeigt sich, dass durchaus einige Parteien mehr „gewinnen“ als die anderen. 

Zum einen hat der Anstieg von privaten Investoren dazu geführt, dass infolgedessen immer mehr Trades außerhalb von Börsen abgeschlossen werden. Die Broker-Firma Rosenblatt hat kürzlich Daten veröffentlicht, wonach im Jänner 2021 mehr als 47% aller US-Aktien-Geschäfte außerhalb von öffentlichen Börsen exekutiert worden sind (bezogen auf die Anzahl der Stücke). Dies stellt eine besorgniserregende Entwicklung dar da Geschäfte, welche über Internalizer (wie bspw. oben genannte Citadel Securities), Darkpools oder ähnliche Konstrukte durchgeführt worden sind, nicht denselben strengen Publizitätspflichten unterliegen wie öffentliche und regulierte Börsen. Zusätzlich sind Internalizer und Darkpools nicht verpflichtet, laufende Preisangaben von Wertpapieren zu veröffentlichen, welche natürlich essenziell für den allgemeinen Finanzmarkt sind, um die aktuelle laufende Wertentwicklung von Finanzinstrumenten einschätzen zu können. Je größer die Informationsasymmetrie am Markt, desto unattraktiver wird dieser für Investoren und desto mehr ziehen sich zurück.

Um dem Einhalt zu gebieten, gehen manche Regierungen bereits rigoros gegen solche Plattformen vor. So hat beispielsweise Kanada bereits verfügt, dass alle Geschäfte über öffentliche Börsen abgewickelt werden sollen. Ironischerweise sind diese Systematic Internalizer als Folge der MIFID I Einführung in der EU 2007 entstanden und haben mit MIFID II im Jahre 2014 enorm an Zuwachs gewonnen, da Einschränkungen und Restriktionen für herkömmliche Dark-Pools installiert wurden, die jedoch nicht für Internalizer gelten. 

Zum anderen gerät auch eine übliche und essenzielle Geschäftspraktik der Online-Handelsplattformen stark unter Beschuss: Der Verkauf von Kunden-Auftragsdaten an High-Frequency Händler (payment for order flow).

Die Broker im Hintergrund, wie bspw. oben genannte Virtu Financial oder Citadel Securities, welche die Aufträge ausführen, treten nicht nur als Internalizer sondern auch als High Frequency Trader am Markt auf. Diese Firmen verdienen dadurch, dass sie bereit sind, Aktien zu einem minimal höheren Kurs zu verkaufen, als sie diese Millisekunden davor gekauft haben. Der Gewinn stellt dabei die Preisdifferenz zwischen Kauf- und Verkaufskurs dar. Der Grund warum sie für die Aufträge der Kunden von Online-Handelsplattformen zahlen ist, dass sie beim Handel mit (oder besser gesagt gegen) Privatinvestoren weniger Geld verlieren können als mit professionellen Marktteilnehmern.

Während payment for order flow es überhaupt erst möglich macht, dass Privatinvestoren nicht nur gebührenfrei, sondern auch zu leicht besseren Markpreisen (laut einer Bloomberg Studie haben sich Privatinvestoren dadurch mehr als 3,7 Mrd. USD erspart) handeln können, besteht jedoch auch ein gewisser Interessenskonflikt auf Seiten der Broker: Je höher die Spanne zwischen Kauf- und Verkaufskurs, desto größer der Profit für die eigene Tasche, andererseits sollte der Broker den bestmöglichen Kurs für den Kunden erzielen. 

Genau darum werden immer mehr Stimmen laut, die allgegenwärtige Praxis von Online-Handelsplattformen einer genaueren rechtlichen Untersuchung zu unterziehen. So findet Mitte Februar anlässlich der Gamestop-Affäre auch eine Untersuchung des möglichen Interessenkonfliktes der Broker im Hintergrund durch das House Financial Services Committee in den USA statt. 

Privatinvestoren scheinen trotz oder vielleicht sogar wegen der Corona-Pandemie immer mehr Gefallen am Aktienmarkt und insbesondere am aktiven Handel von Einzeltiteln zu finden. Darum kann es sich nur um eine Frage der Zeit handeln, bis auch die zuständigen Regulatorien auf die immer größer werdende Beliebtheit dieser Trading-Plattformen agieren, um ein faires Level playing field für alle Teilnehmer garantieren zu können.  Allerdings scheint es bis dorthin noch ein weiter Weg zu sein. 

Hier können Sie den Verfasser gerne kontaktieren: stefan.donnerer@securitykag.at

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