Die Bedeutung von nachhaltigkeitsbezogenen Daten und laufende Bemühungen zur Steigerung der Konvergenz

14. Mai 2021 | Blog

VON Daniel Kupfner

Das globale Vermögen, welches unter Berücksichtigung von nachhaltigen und verantwortungsvollen Strategien investiert wird, steigt seit vielen Jahren konstant an. Europa ist auf diesem Gebiet zweifelsfrei eine der führenden Regionen weltweit bzw. der europäische Markt im Vergleich zu anderen Regionen bereits relativ reif. Dazu kommen ambitionierte Pläne der Europäischen Kommission, welche sich unter anderem in dem Aktionsplan zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums widerspiegeln. Insbesondere die politischen Bestrebungen sorgen dafür, dass sich dieser Trend in den nächsten Jahren fortsetzen und das Thema Nachhaltigkeit sukzessive in die Vermögensverwaltung und Asset Management integriert wird.

 

Eine wichtige Voraussetzung für nachhaltige Anlagestrategien und der damit verbundenen notwendigen Transparenz, ist insbesondere der Zugang zu hochwertigen nachhaltigkeitsbezogenen Daten, Ratings und Research. Als Reaktion auf die stark zunehmende Nachfrage nach umweltbezogenen und sozialen Daten ab den 1980er Jahren, wurden spezialisierte Daten- und Ratingunternehmen gegründet. Mit Ausnahme des Unternehmens ISS, das im November 2020 von der Deutschen Börse AG übernommen wurde, haben die großen Anbieter derzeit alle ihren Hauptsitz in Nordamerika oder Großbritannien. Dazu gehören die führenden Unternehmen MSCI, S&P, Moody’s, Fitch und CDP. Alle diese Anbieter haben Niederlassungen in der EU, was zum Teil auf die Übernahme von zuvor gut etablierten Firmen mit Hauptsitz in der EU wie Sustainalytics, Vigeo Eiris, Oekom und SAM zurückzuführen ist.

 

Die Datenquellen der Research-Anbieter können in drei Hauptkategorien unterteilt werden, wobei hier zwischen direkten Unternehmensdaten, unstrukturierten/alternativen Daten (z. B. Medienberichte, Berichten von NGO`s usw.) und Daten Dritter (Datenfirma) unterschieden werden kann. Die Ergebnisse einer 2020 erschienenen Studie zeigen, dass ESG-Ratingagenturen in den letzten Jahren neue Kriterien in ihre Bewertungsmodelle integriert haben, um die individuelle Unternehmensleistung genauer und robuster zu messen. Andere Studien legen ebenfalls nahe, dass der Beitrag von ESG-Analysen ein praxisrelevanter Ansatz ist, um die Nachhaltigkeit von Unternehmen zu bewerten. Dennoch werden mehrere Eigenschaften von Ratings und Scores in Forschung und Praxis kritisiert. Insbesondere die mangelhafte Konvergenz der einzelnen ESG-Messkonzepte stößt immer wieder auf Kritik. 

 

Ein Forschungsteam am MIT Sloan kam in Analysen zu dem Ergebnis, dass die Korrelation zwischen den ESG-Ratings von sechs untersuchten Ratingfirmen im Durchschnitt bei 0,54 lag.  Im Gegensatz zu der nahezu perfekten Korrelation von 0,99 bei Kreditratings zwischen Moody’s und Standard & Poor’s, lag die Korrelation zwischen den sechs untersuchten großen nachhaltigkeitsbezogenen Ratingagenturen damit deutlich darunter. 

 

Des Weiteren ist in der Praxis ein Bias in Richtung bestimmter Unternehmen oder Regionen zu beobachten. In unseren eigenen Untersuchungen konnte ein deutlicher Bias (in Bezug auf deren ESG-Bewertungen) in Richtung großer und hoch kapitalisierter Unternehmen gefunden werden, wobei die Ursache bei kleinen Unternehmen oft im relativ hohen Aufwand für die Offenlegung zu suchen ist. Ebenso werden Unternehmen mit Sitz in Europa tendenziell deutlich höher bewertet als in anderen Regionen. Diese Ergebnisse decken sich auch mit vielen weiteren empirischen Studien. 

 

Abbildung 1: ISS ESG-Scores nach Unternehmensgröße, 2015-2020

 

Quelle: Eigene Darstellung

 

Abbildung 2: ISS ESG-Scores nach Regionen, 2015-2020

 

Quelle: Eigene Darstellung

 

Basierend auf den Recherchen der EU-Kommission gibt es keine spezifischen Regelungen für die Bereitstellung von nachhaltigkeitsbezogenen Daten, Ratings und Research über die allgemeinen gesetzlichen Bestimmungen hinaus. Deshalb werden seitens der EU-Kommission folgende Empfehlungen für die weitere Entwicklung des Marktes genannt:

 

• Offenlegung von nachhaltigkeitsbezogenen Rating-Methoden

• Industriestandards für Anbieter von nachhaltigkeitsbezogenen Rating- und Datenprodukten

• Kommunikation von nachhaltigkeitsbezogenen Ratings, Daten und Research mit Zielunternehmen

• Abgabe einer Einschränkungserklärung für veröffentlichte nachhaltigkeitsbezogene Bewertungen, Daten und Untersuchungen

• Offenlegung des Umgangs mit Interessenkonflikten durch Anbieter von nachhaltigkeitsbezogenen Ratingdaten und Research

• Verbesserung der Nachhaltigkeitsangaben von Unternehmen

 

Konkrete Schritte zur Verbesserung der Datenlage wurden bereits eingeleitet. So startete mit Jänner 2021 eine EU-Konsultationsphase zum European Single Access Point (ESAP), durch den ein verbesserter Zugang zu Nachhaltigkeitsinformationen durch Digitalisierung und Einrichtung einer Rohdatenbank entstehen soll. Auch die Entwürfe zur Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD), die den Geltungsbereich der bestehenden NFRD-Vorschriften erheblich erweitern, sollen zu einer zunehmenden Harmonisierung und Vergleichbarkeit der Daten beitragen. Abschließend kann festgehalten werden, dass die gesamte Finanzbranche erst am Anfang einer Debatte steht, in deren fortgeschrittenen Stadien sich Standards, Normen und Best-Practice-Referenzen herauskristallisieren werden.

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