IT´S NOT ALL ABOUT COMPETITION

25. Nov 2021 | Blog

VON Franz Paul Horn

„Survival of the fittest“ ist eines der zentralen Prinzipien der natürlichen Selektion aus Darwins „Origin of species“. Das Werk war Ausgangspunkt der heutigen Evolutionstheorie und wird oft dazu missbraucht, rücksichtsloses Konkurrenzdenken als Naturgesetz darzustellen. Wollen wir von der Natur lernen, dann darf aber Konkurrenz nicht zum einzig heilbringenden Prinzip erhoben werden. Fitness heißt im biologischen Sinn, die Summe der Anpassungen eines Individuums oder einer Art, gemessen an der Zahl fertiler Nachkommen. Es ist ein mittelfristiges Konzept und beschreibt Anpassungen an die Umwelt und deren Weitergabe an die Nachkommen. Auf Ebener ganzer Systeme, ist Konkurrenz aber nur einer von vielen Parametern. Ganz zentral für die langfristige Entwicklung von Ökosystemen, für deren Diversität und damit Stabilität ist Kooperation, Konkurrenzvermeidung und Nischenanpassung.

 

Natürliche Klimax-Systeme sind selten nur von wenigen konkurrenzstarken Arten dominiert. Vielmehr sind diese Ökosysteme geprägt von reicher Lebensvielfalt, unterschiedlichsten Habitaten, von hochkomplexen Beziehungsgeflechten, mit wechselseitigen Abhängigkeiten, Anpassungen und Kooperationen über alle Artgrenzen hinweg. Es ist kaum vorstellbar, aber in Gebieten Kolumbiens wachsen auf einen Hektar Waldfläche über 300 verschiedene Baumarten (in Costa Rica bis zu 190 Baumarten/ha). Im Vergleich dazu wachsen in ganz Mitteleuropa (in erdgeschichtlich jungen Wäldern) lediglich 53 Baumarten. Für Insekten wären die Zahlen noch extremer. Mit dem Prinzip der Konkurrenz und Verdrängung alleine, wäre diese hohe Artenvielfalt in derart lange bestehenden Lebensräumen nicht zu erklären, sie wäre sogar ein Widerspruch.

 

Die weltweiten Hotspots der Biodiversität sind langlebige Systeme und haben sich über Jahrmillionen entwickelt. Auf Individuen- und Artniveau herrscht auch dort natürlich große  Konkurrenz – a struggle for existence. Eine wesentliche Strategie ist aber, dem ressourcenintensiven Konkurrenzkampf auszuweichen, Nischen und Unternischen zu besetzen. Konkurrenzvermeidung auf vielen Ebenen zu betreiben, heißt vor allem auch zu Kooperieren. Das führt trotz eines dynamischen Umfelds auch zu einer hohen Stabilität auf Systemebene – der Ausfall einzelner Individuen oder Arten, lokale Katastrophenereignisse bringen das Ökosystem nicht ins Wanken, Nischen sind vielfach und redundant besetzt und lokale Katastrophen führen sogar zu noch höherer Vielfalt, da sie - wie in einem Mosaik – neue und unterschiedliche Lebensbedingungen herstellen. 

 

Die Liste der Kooperationsmodelle ist wahrscheinlich länger als die Liste der Arten, vieles ist noch unerforscht. Es beginnt ganz unten, bei Bakterien und Pilzen, die ihren Wirten Nährstoffe zur Verfügung stellen: Knöllchenbakterien dienen ganzen Pflanzenfamilien zur Stickstofffixierung, Mykorrhiza-Pilze vernetzen weitläufige Waldgebiete miteinander, Flechten sind Symbiosen von Pilzen und Cyanobakterien und Korallen ebensolche mit Algen. Für höhere Organismen wäre ein Leben ohne mikrobielle Besiedlung sowieso nicht möglich. Pflanzen kooperieren darüber hinaus mit ihren Bestäubern, nutzen von Insekten bis Wirbeltiere alle Möglichkeiten zur Samenverbreitung, was einerseits zu gegenseitiger Versorgung und andererseits in wechselnder Abhängigkeit zur beschleunigten Entstehung neuer Arten beiträgt (Koevolution). Auch innerhalb einer Gruppe gibt es nicht nur hemmungslosen Wettkampf: Raben ziehen ihre Jungen oft in ungewöhnlichen Dreierbeziehungen auf, Wölfe leben in ihren Rudeln hochsoziales Verhalten, Vögel und Affen haben gemeinsame Warnsignale, um einander vor Schlangen oder Raubkatzen zu warnen.

 

Wir Menschen lernen seit jeher am Vorbild der Natur: wir fliegen wie die Vögel, bilden im Bioengineering biologische Strukturen nach, greifen für Antibiotika auf Rezepte von Bakterien und Pilzen zurück. Auch für unsere gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Systeme, zur Förderung von Resilienz und langfristiger Stabilität trotz Krisen, könnten wir diesen Vorbildern der Kooperation und Diversität folgen. Konkurrenz allein ist kein Heilsbringer aber ungemein ressourcenintensiv, Kooperation und Vernetzung bieten langfristig große Chancen, auch zur Anpassung und zur Resilienz in krisenhaften Zeiten.

 

Buch zum Thema: Im Wald vor lauter Bäumen: Unsere komplexe Welt besser verstehen (Dirk Brockmann, Sept. 2021, DTV)

 

Tropenforschung, Wiederbewaldung und Biodiversität mit Österreich Bezug: www.lagamba.at

Der Regenwald der Österreicher: Biodiversität, Vegetation und Besonderheiten

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