Rollenwandel der EZB?

01. Jul 2022 | Blog

VON Stefan Winkler

Für die Erfüllung ihrer Aufgabe, Geldwertstabilität sicherzustellen, ergriff die EZB öfters ungewöhnliche Maßnahmen, die quasi nebenbei weit mehr leisteten, als nur die Inflation niedrig zu halten. Die europäische Politik und die Europäische Zentralbank vollführen seit rund einer Dekade eine Art Paartanz um die Kluft zwischen nationalen Interessen und europäischer Notwendigkeit. 

 

Bei einer so ungewöhnlichen Darbietung stellt sich die Frage, wer die Balance hält bzw. um im Kontext zu bleiben, wer das Tanzpaar führt. Das schien lange Zeit die kleinere aber deutlich wendigere EZB zu sein, die es verstand, sich dem Takt des gewählten Volksvertreter geschickt anzupassen, wenn Not am Mann war. Griechenlands Populismus, deutsche Grundsatzpolitik, Irlands voreilige Garantien für ihre Banken oder Italiens Ignoranz gegenüber ihrem Refinanzierungsproblem sind nur einige Beispiele nationaler Kurzsichtigkeit, die nicht nur den Staatsfinanzen selbst den Garaus zu machen drohten, sondern auch der gesamten heimischen Wirtschaft. Die Ankaufprogramme und die Niedrigzinspolitik der EZB hatten ihre Schattenseiten, aber sie lösten Schuldenprobleme, stabilisierten die Wirtschaft und schütteten europäische Gräben nationaler Anfeindungen zu. Nun scheint für die EZB aber die Zeit gekommen, sich zurückhaltender zu positionieren. Warum? Europas Politik schickt sich an, erwachsen zu werden. Die Zeiten ändern sich.

 

Ich weiß nicht, warum sich Europa nun seiner Einheit besinnt. Der Ukraine-Krieg mag ein Anlass sein, aber davon hätte es in den letzten Jahren mehr als genug gegeben. Trotzdem frönten gewählte staatstragende Persönlichkeiten der alten Welt, jahrelang scheinbarer Bürgernähe und konzentrierten sich auf nationalen Kleinkram und die nächsten Regionalwahlen. Wobei vielleicht nicht alles schlecht war. Fehlender Fokus auf das weltpolitische Geschehen hat auch seine Vorteile. Nicht nur, dass opportunistisch - Augen zu, Gashahn auf - kurzfristige Möglichkeiten genutzt werden konnten, auch unsere heimischen Unternehmen wurden gestählt. Sich als europäisches Unternehmen trotz Überregulierung und Bürokratie im Weltmarkt zu behaupten, ist nach wie vor ein starkes Signal und Hoffnungsschimmer für verzweifelte Optimisten. Hartes Training kann durchaus stählen.

 

Gescheitert wären wir aber sicherlich trotz allem, wenn sich nicht die EZB als Retterin neu gewandet hätte. Sie tat, was notwendig war. Sie schaffte die Voraussetzungen für eine Entschuldung der Staaten, öffnete Unternehmen die Tore zur Finanzierung und befreite den Markt von den Fesseln des Stresses und der übermäßigen Spekulation. Alles unter dem Deckmantel, die Inflationsziele im gesamten Raum der Währungsunion sicherzustellen, übertünchte sie die gröbsten Fauxpas unserer sich in Prinzipien verstrickten Regierungen. Europas Wirtschaft und Wohlstand entwickelten sich sehr passabel. Trotz Krimkrise, Klimakrise, Corona und anderer weltpolitischer Ungeheuer.

 

Seit dem offenen Einmarsch Russlands in die Ukraine ist aber alles anders. Nachhaltigkeit und die Reduktion der Abhängigkeit von russischem Gas und Öl wurden kommunizierte und nun auch gelebte europäische strategische Ziele. Nationale Interessen scheinen große Entscheidungen nicht mehr zu verhindern. Vor allem der Schulterschluss gegen Russland ist bemerkenswert. Es wurden nicht nur Sanktionen geschnürt, die dem russischen Bürger neue Löcher in den Gürtel nagen lassen, um ihn enger stellen zu können. Denn auf dem Beipackzettel dieser bitteren Medizin stand bereits von Anfang an, dass dem Verschreiber selbst Ungemach droht. Spätestens seit der Krim Annexion sind einer breiteren Öffentlichkeit die Abhängigkeiten von russischem Gas bekannt. Nun ist es aber keine theoretische Abhandlung mehr. Der europäische Bürger kriegt zu spüren, wie sehr die strategische Kurzsichtigkeit Europa belastet. Die Preise steigen, Engpässe drohen.

 

Und die Europäische Zentralbank? Diese wird diesmal nicht helfen können. Europas Rekordinflation kommt aus keiner klassisch bekämpfbaren Überhitzung. Um die Energiepreise zu senken, müsste die EZB gewaltig an der Zinsschraube drehen und möglichst viel an Wirtschaft zerstören, um die Nachfrage nach Erdgas und Öl entsprechend zu senken. Wahrscheinlich würde auch helfen, wenn den Menschen im Winter das Geld zum Heizen ausginge. Aber das wird doch hoffentlich nicht das Ziel sein. Vor allem wenn man bedenkt, dass die jetzige Inflation wohl temporärer Natur sein wird. Sind die Zweit- und Drittrundeneffekte verdaut, sollte sich das Preisniveau auf höherem Level stabilisieren. Denn müsste nicht der Green Deal einmal die Nachfrage nach fossilen Energieträgern senken? Auch sollte sich bei den jetzigen Energiepreisen das eine oder andere Wasserkraft- oder Solarstrom-Projekt rechnen, über das vor einem Jahr noch niemand nachgedacht hätte.

 

Jedenfalls hat die Politik die Zügel wieder in die Hand genommen. Sie tanzt nun Solo, die EZB kann da nicht mehr mithalten. Eine skurrile Situation, denn… ist es Ihnen aufgefallen? 

 

Rund zehn Jahre lang hat die EZB Europas Probleme gelöst, nie hießen diese Inflation. Nun haben wir die gefürchtete Preisteuerung und die EZB ist machtlos. Solche Geschichten kann man sich nicht ausdenken.

Hier können Sie den Verfasser gerne kontaktieren: stefan.winkler@securitykag.at

Risikohinweis

HINWEIS: Die Security BLOGS stellen lediglich die persönliche Meinung des Verfassers im Erstellungszeitpunkt und daher nicht die Meinung des Medieninhabers dar. Eine Haftung für diese Aussagen kann vom Medieninhaber ausdrücklich nicht übernommen werden. Die Wertentwicklung der Vergangenheit lässt keine verlässlichen Rückschlüsse auf die zukünftige Entwicklung eines Investmentfonds zu. Ausgabe- und Rücknahmespesen der Fonds sowie sonstige externe Spesen und Steuern sind in den Performanceberechnungen nicht berücksichtigt und mindern die Performance. Ertragserwartungen stellen bloße Schätzungen zum Zeitpunkt der Erstellung der Informationen dar und sind kein verlässlicher Indikator für eine tatsächliche künftige Entwicklung. Die aktuellen Prospekte und die Wesentlichen Anlegerinformationen ("KID", "KIID") sind in deutscher Sprache auf der Homepage www.securitykag.at (Fonds) sowie am Sitz der Security Kapitalanlage AG, Burgring 16, 8010 Graz als Emittentin und der Liechtensteinischen Landesbank (Österreich) AG, Heßgasse 1, 1010 Wien, als Depotbank kostenlos erhältlich. Beachten Sie bitte auch die weitergehenden Risikohinweise in den Verkaufsprospekten und unter www.securitykag.at/fonds/risikohinweis/ sowie die Offenlegung im Sinne des § 25 Mediengesetz und www.securitykag.at/fusszeile/impressum-offenlegung/