„Bloodlands“ von Timothy Snyder: Geschichtestunde von großer Aktualität

16. Dez 2022 | News

VON Christina Kirisits

Ein Essay des bekannten Journalisten Klaus Edlinger Ende März dieses Jahres in der „Kleinen Zeitung“, über seine Verbindung zur Ukraine über die Literatur, hat mein Interesse an dem darin erwähnten Buch „Bloodlands“ von Timothy Snyder geweckt, das bereits 2010 erschienen ist(!).

Es geht darin um die Geschichte des Gebiets von den baltischen Staaten, über Polen, Weißrussland bis zur Ukraine, das besonders seit Beginn des 20. Jahrhunderts Spielball der verschiedensten politischen Mächte in Europa war, die ihre Interessen ohne Rücksicht auf Verluste auf dem Rücken der dort ansässigen Bevölkerung verfolgt haben.

Das Buch hat mich ob seiner schonungslosen Schilderung von vielen mir bisher unbekannten Details und Einzelschicksalen - und natürlich angesichts der aktuellen Situation- sehr betroffen gemacht. Einige davon möchte ich hier aufgreifen.

Snyders Schilderung setzt bei Stalins großem Experiment ab 1932, seinem großartigen Scheitern und der daraus resultierenden Uminterpretation Stalins ein: die zwangsweise Kollektivierung der sowjetischen Landwirtschaft mit ihren unrealistischen Sollvorgaben, die zu Hungersnot führte, für die aber die Bauern selbst, v.a. in der Ukraine, verantwortlich gemacht wurden, die daraufhin mit weiteren unmöglich zu erfüllenden Abgaben „bestraft“ wurden. Rund 3 Millionen Menschen verhungerten im Winter 1932/33 auf dem Gebiet der sowjetischen Ukraine. 

Zeitgleich mit Hitler festigte Stalin Mitte der 30er Jahre seine Macht durch Säuberungen in Armee, Partei und NKWD, um dann 1937/38 während des „Großen Terrors“ in großem Umfang gegen sogenannte Systemfeinde, insbesondere die ukrainischen „Kulaken“ sowie gegen sowjetische Polen vorzugehen, wobei zur Deportation in die Gulags nun vermehrt systematische Erschießungen dazu kamen. 

Snyder zeigt in seinen Ausführungen die Dimensionen und die Grausamkeit dieser Aktionen auf, ebenso wie die verquere Logik des Nichtangriffspakts zwischen der UDSSR und Deutschland und des Überfalls auf Polen: Deutschland, das seit mehreren Jahren auf seinem Kreuzzug für rassische Reinheit u.a. die vergleichsweise geringe Anzahl von deutschen Juden systematisch verfolgte, hatte mit einem Mal 2 Millionen mehr Juden und 20 Millionen Polen in dem von ihm beherrschten Gebiet. Umso grausamer wurden diese einerseits deportiert, und andererseits nachdem dies in diesem großen Umfang nicht möglich war (eine tatsächlich angedachte Deportation nach Madagaskar wurde aufgrund der britischen Übermacht auf See verworfen), in weiterer Folge systematisch umgebracht. Auf der sowjetischen Seite wurde der Einmarsch der Roten Armee in Polen als Befreiung von polnischer Unterdrückung für die dort lebende ukrainische Minderheit dargestellt, mit den dadurch gerechtfertigten Deportationen und Ermordungen der als für die neue Ordnung gefährlich angesehenen polnischen Bildungselite. Das Massaker von Katyn, eigentlich von den Deutschen nach ihrem Einmarsch in die Sowjetunion aufgedeckt, konnte von Stalin nach dem Krieg geschickt als von Deutschen verbrochen dargestellt werden.

Man kann beim Lesen manchen Rezensenten zustimmen, dass einige von Snyders Analysen nicht immer ganz schlüssig und nachvollziehbar sind. Aber insgesamt arbeitet der Autor doch sehr gut heraus, wie sich die jeweilige Argumentation in perfider Weise von einem Moment auf den anderen ändern konnte:

Je nachdem ob man Kriegsgefangene, einheimische Bevölkerung oder Juden gerade als Arbeitskräfte oder Erfüllungsgehilfen gebrauchen konnte oder sie als unnütze Esser verhungern, deportieren oder ermorden ließ.

Sowjetische Kriegsgefangene waren Untermenschen für die Deutschen und Deserteure für Stalin. Die doppelte bzw. z.T. dreifache unterschiedliche Besatzung brachte es für große Teile der jeweiligen Bevölkerung mit sich, dass man im Zweifelsfall immer auf der falschen Seite war und dementsprechend verfolgt wurde. Als besonders absurde Beispiele werden der Partisanenkampf in Weißrussland und das Warschauer Ghetto beschrieben.

Die NS- Ideologie propagierte das Narrativ vom jüdischen Sowjetterror besonders in der Ukraine und den baltischen Staaten, sichtbare Spuren von sowjetischer Gewalt rechtfertigten Gewalt von Deutschen und Einheimischen gegenüber Juden. Der ausbleibende Blitzsieg der Deutschen machte einerseits eine Massendeportation nach Osten unmöglich, andererseits war die „jüdische Weltverschwörung“ als Schuldiger ausgemacht- somit war der Massenmord in den Gaskammern die logische und auch „logistische“(!) Konsequenz.

Der Vorstoß der Roten Armee über Polen nach Deutschland brachte seinerseits eine weitere Welle unbeschreiblicher Brutalität in Form von Verschleppungen, ethnischen Säuberungen und Vergewaltigungen für die deutschen Zivilisten mit sich, deren Ausmaß aber v.a. ein Resultat der fehlenden Evakuierungen des NS- Regimes und seiner verqueren Durchhalteparolen war. Stalin schuf dabei gleichzeitig territoriale Fakten, denen Briten und Amerikaner machtlos gegenüberstanden.

Das Kriegsende bedeutete aber noch nicht das Ende der Grausamkeiten, es ging weiter mit Vertreibungen zwischen der sowjetischen Ukraine und dem neuen kommunistischen Polen sowie natürlich Deportationen im großen Stil in die sibirischen Gulags wegen mutmaßlicher Kollaboration mit den Deutschen, u.a. auch der muslimischen Völker des Kaukasus und der Krim. Erst im Laufe der Nachkriegszeit verringerte sich das Ausmaß der Repressalien auf dem Gebiet des kommunistischen Osteuropas, brachte aber noch seinen eigenen Antisemitismus hervor, um die Leidensgeschichte des Kriegs im Sinne der Slawen zu revidieren und die Bedrohung des Kommunismus durch den vereinten, jetzt westdeutsch-amerikanisch-zionistischen, Imperialismus zu inszenieren.

Angesichts von 14 Millionen vom NS – und Stalin- Regime auf dem Gebiet der Bloodlands ermordeten Menschen versucht Snyder zum Schluss noch eine Einordnung bzw. Gegenüberstellung und zeigt, wie schwierig alle Erklärungsversuche aufgrund der komplexen, erlebten Geschichte gerade hier sind und daher auch die heutigen Narrative immer wieder kritisch hinterfragt werden müssen.

In diesem Sinne kann ich nur empfehlen, sich im Anschluss an „Bloodlands“ Dürrenmatts „Der Verdacht“ vorzunehmen, wo der Ahasver Gulliver sinngemäß sagt: „Ich weigere mich einen Unterschied zwischen den Völkern zu machen und von guten und schlechten Nationen zu sprechen; aber ich muss einen zwischen den Menschen machen, und ich ziehe die neuen Grausamkeiten nicht von der Rechnung ab, sondern zähle sie dazu!“ Ein aus meiner Sicht guter Satz zum Abschluss, auch im Gedanken an die leider viel zu zahlreichen, weiteren „Bloodlands“, dieser Welt.

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