Der realistische Optimist

08. Jun 2012 | Blog

VON Josef Obergantschnig

Overconfidence - frei übersetzt „Selbstüberschätzung“ - wurde erstmals von den beiden Forschern Marc Alpert und Howard Raiffa wissenschaftlich untersucht. Die wesentliche Erkenntnis ist, dass Menschen systematisch ihr Wissen und ihre Prognosefähigkeit überschätzen. Und das ziemlich massiv. Der darauf basierende „Overconfidence-Effekt“ misst den Unterschied zwischen dem, was der Einzelne wirklich weiß und dem, was er zu wissen glaubt.

 

Dies trifft beispielsweise auf Business-Pläne (z.B. Prognose der Umsatzentwicklung für die kommenden 3 Jahre) oder auch auf die Einschätzung von Börsenkursen zu. Salopp formuliert liegt ein Ökonomieprofessor (zumindest statistisch) bei seiner Fünfjahresprognose des Ölpreises genauso falsch wie ein Nicht-Ökonom - allerdings mit einem erhöhten Maß an Selbstüberschätzung.

 

Ein praktisches Beispiel soll dieses doch eher theoretische Konzept untermauern. Laut einer Studie geben 84% der französischen Männer an, ÜBERDURCHSCHNITTLICH gute Liebhaber zu sein. Ohne die Qualitäten des Einzelnen abschätzen zu können, sind bei nüchterner und sachlicher Betrachtungsweise 50% der Franzosen überdurchschnittlich gute bzw. 50% unterdurchschnittliche Liebhaber. Anhand dessen wird offensichtlich, dass sich mindestens 34% falsch bzw. zu gut eingeschätzt haben - ein klassischer Fall von Overconfidence.

 

Sie werden sich jetzt sicher fragen - ist ja eine nette Geschichte - aber was hat das mit Wirtschaft oder den Kapitalmärkten zu tun?

 

Neugründer sind auch ein Fall für den Overconfidence-Effekt. Fast jeder „neue“ Restaurantbesitzer geht davon aus, in kurzer Zeit zu den nachgefragtesten Adressen des Landes zu gehören. Studien untermauern aber, dass viele nicht einmal die ersten drei Jahre überleben und die Eigenkapitalrentabilität vieler Restaurants „chronisch“ unter Null liegt. Nichts desto trotz ist gerade dieser Overconfidence-Effekt für die Wirtschaft eines Landes von wesentlicher Bedeutung - bei nüchterner Betrachtung der Erfolgswahrscheinlichkeit würde es wohl viele erfolgreiche Unternehmen nicht geben.

 

Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum viele Projekte - durch Österreichs Medien geistert gerade das „Skylink“-Projekt des Flughafen Wiens - sowohl hinsichtlich der prognostizierten Kosten als auch der prognostizierten Umsetzungsdauer weit hinter Plan liegen?

 

Dies ist einerseits auf den Overconfidence-Effekt zurückzuführen. Zum anderen spielt sicher auch eine „incentivierte“ Unterschätzung der Kosten eine nicht zu vernachlässigende Rolle. Dies betrifft vor allem jenen Personenkreis, der ein unmittelbares bzw. direktes Interesse an einer Umsetzung hat. In diesem Zusammenhang sind beispielsweise Consulter oder Bauunternehmer zu nennen, die sich bei einer Projektumsetzung Folgeaufträge erwarten oder auch Politiker, die sich durch optimistische Zahlen gestärkt fühlen und sich dadurch die eine oder andere Wählerstimme erwarten.

 

Abschließend sei noch angeführt, dass

(1) es einen „Underconfidence-Effekt“ praktisch nicht gibt,

(2) bei Männern - welch Überraschung - der Overconfidence-Effekt stärker ausgeprägt ist, als bei Frauen und

(3) sich auch Pessimisten selbst überschätzen - aber deutlich weniger als Optimisten.

 

Auf Basis dieser Erkenntnisse ist es naheliegend, Vorhersagen - selbst wenn sie von Experten stammen sollten - eher skeptisch zu betrachten und bei der Einschätzung oder Bewertung von Projekten bzw. Plänen vom pessimistischen Szenario auszugehen, um die Sachlage möglichst „realistisch“ einschätzen zu können. Ich persönlich würde mich auf Basis dieser Erkenntnisse als „realistischen Optimisten“ bezeichnen. ;-D

Hier können Sie den Verfasser gerne kontaktieren: josef.obergantschnig@securitykag.at