Das BIP als „Wohlstandsindikator“?

01. Mär 2011 | Blog

VON Josef Obergantschnig

Das Wohlbefinden und der Wohlstand eines Landes werden oftmals an einer Kennzahl, dem Bruttoinlandsprodukt, gemessen. Der Indikator wurde in der großen Depression vom späteren Nobelpreisträger Simon Kuznets entwickelt und war damals der erste Hilfsindikator für die Wirtschaftspolitik. Im einundzwanzigsten Jahrhundert wird Innovation groß geschrieben. Umso mehr ist es verwunderlich, dass sich noch keine weiteren neuen Erkenntnisse zum Messen des Wohlstandes verankert haben.

 

Laut Definition entspricht das Bruttoinlandsprodukt unter anderem der Summe aller in einer Volkswirtschaft erbrachten Güter und Dienstleistungen. Aber was sagt dies über die Zufriedenheit der Menschen und die Perspektiven eines Wirtschaftsraumes aus? Was kann man aus dieser Kennzahl über die Lebensqualität eines Landes erfahren?

 

Um die Probleme dahingehend aufzuzeigen, möchte ich Ihnen ein paar plakative Beispiele nennen:

Nehmen wir z.B. einen Mann, der seine Haushälterin heiratet. Subjektiv empfunden wird sein Wohlbefinden sicher gestiegen sein (sonst hätte er wohl nicht geheiratet). Das BIP geht allerdings zurück, da die Leistung der Haushälterin durch die Hochzeit nicht mehr berücksichtigt wird. Einige von Ihnen werden jetzt sicher schmunzelnd feststellen, dass das „Wohlbefinden“ eines Mannes mit der Hochzeit stark abnimmt. In manchen Fällen mag das zutreffen, allerdings denke ich nicht, dass dieses Faktum „zwingend“ eintreten muss.

 

Ein anderes Beispiel aus dem Bereich Familie. Wenn sich eine berufstätige junge Mutter vorübergehend der Kindererziehung widmet, wirkt sich das mit hoher Wahrscheinlichkeit negativ auf das BIP aus, da das Haushaltseinkommen deutlich zurückgeht. Das Wohlbefinden der Familie dürfte allerdings trotz teils schlafloser Nächte oder quirliger Baby’s (ich spreche aus eigener Erfahrung :-)) deutlich gestiegen sein.

 

Als letztes Beispiel möchte ich die ökologische Komponente einfließen lassen. Ein Staat könnte beispielsweise versuchen, den Unternehmen durch geringe Umweltstandards Vorteile zu verschaffen. Es wird höchstwahrscheinlich funktionieren, da lokale Unternehmen im Vergleich mit den jeweiligen Konkurrenten, die in Ländern mit höheren Standards tätig sind, von geringeren Produktionskosten profitieren. Das BIP des Landes mit den geringen Umweltstandards wird wahrscheinlich zumindest relativ steigen. Für das Wohlbefinden der Bevölkerung wird dies langfristig aber nicht zutreffen, da mit zunehmender Umweltverschmutzung die Lebensqualität deutlich zurückgehen wird.

 

Das BIP hat sicher seine Berechtigung und es würde auch keinen Sinn machen, die Kennzahl abzuschaffen. Gerade im Vergleich mit anderen Nationalstaaten hat sich das BIP/Kopf als Kennzahl etabliert. Für andere Analysen und Aussagen hat das BIP durchaus auch seine Berechtigung. Nichts desto trotz wäre der nächste logische Schritt, einen Indikator zu implementieren, der den Wohlstand eines Land widerspiegelt. Die Volkswirte sind also durchaus gefordert …

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