Abseits entwickelter Finanzmärkte…

04. Dez 2015 | Blog

VON Philipp Ebner

Im Zuge meiner Urlaubsrecherche über die schönsten Sehenswürdigkeiten, Hot-Spots und kulturellen Angebote in Kambodscha stieß ich auf einige interessante Wirtschaftsentwicklungen, die ich Ihnen in diesem Blog näherbringen möchte.

 

Kambodscha erstreckt sich auf der indochinesischen Halbinsel am Nordostufer des Golfs von Thailand mit einer Fläche, die in etwa der Hälfte der Bundesrepublik Deutschland entspricht. Die Staatsform ist als eine konstitutionelle Monarchie mit dem König Norodom Sihamoni als Oberhaupt geregelt. Das Durchschnittsalter der Kambodschaner beträgt gerade mal 22,9 Jahre und ist auf die Herrschaft der „Roten Khmer“ rund um Pol Pot, die an den eigenen Landsleuten in den Jahren 1975 bis 1979 einen Genozid verübt haben, zurückzuführen. In den 4 Jahren der Schreckensherrschaft wurden ca. 2 Mio. Kambodschaner getötet, was die Bevölkerungszahl auf 6,9 Mio. Einwohner sinken ließ. Durch die angerichteten Gräueltaten wurde das Land, welches zuvor einen der höchsten Lebensstandards im südostasiatischen Raum aufwies und sogar als die „Schweiz Südostasiens“ bekannt war, wirtschaftlich, kulturell und sozial um Jahrzehnte zurückgeworfen. Daher zählt Kambodscha heute zu den ärmsten Ländern im asiatischen Raum, mit einem BIP pro Kopf von knapp über 1.000,- USD. Seit dem Sturz der „Roten Khmer“ durch die Vietnamesen im Jahre 1979 verdoppelte sich die Bevölkerung auf 15,4 Mio. (Stand 2014). Der Lebensstandard konnte mit der rasanten Entwicklung der Bevölkerungszahl jedoch nicht mithalten, daher leben viele Familien unter der von der Weltbank festgelegten Armutsgrenze von 1,90 USD pro Tag. Durch die bewusst eingeleitete Städteflucht des totalitären Regimes in den 70er Jahren arbeitet nach wie vor eine Großzahl der Bevölkerung in einfachen, handwerklichen Berufen der Textilbranche und im Landwirtschaftssektor. Dieser Umstand spiegelt sich in den bedeutendsten Exportwaren wie Holzfabrikate, Gummi, Reis, Tabak, Meeresfrüchte und Textilien wider.

 

Nichtsdestotrotz unternimmt das Land Bestrebungen zur Schaffung eines geregelten Kapitalmarktes. So konnte die Regierung die Staatsverschuldung und das Zinsniveau in den letzten Jahren konstant halten. Auch die Teuerungsrate von knapp unter 1% bewegt sich auf europäischem Niveau. Nach jahrelanger wirtschaftlicher Isolation, aufgrund eines Wirtschafsembargos, konnte im Jahr 2010 in Zusammenarbeit mit der Korea Exchange die „Cambodia Securities Exchange Co. Ltd – (CSX)“ gegründet werden. So wurde den heimischen Unternehmen der Zugang zu Kapital erleichtert und ein investorenfreundliches Umfeld für In- und Ausländer ins Leben gerufen. Bis dato schafften es leider nur zwei Unternehmen erfolgreich ein IPO zu platzieren und sich an der CSX listen zu lassen.

 

Das erste Unternehmen „Phnom Penh Water Supply Authority“, das sein Debüt am 18. April 2012 an der Börse feiern konnte, ist in der Wasserversorgung tätig und leistet sich bis heute das Börsenlisting. Bis jetzt musste das Unternehmen jedoch ein Minus von 38% seines Börsenwertes eingestehen. Dies spiegeln auch die täglichen Handelsumsätze wider, welche fast zum Erliegen gekommen sind. Ein weiterer Umstand für einen geringeren Turnover der Aktien ist die  85%ige Unternehmensbeteiligung des Staates.

 

Zwei Jahre später, am 16. Juni 2014, ging schließlich das Unternehmen „Grand Twins International (Cambodia) Plc“ an die Börse, welches mit seinem Geschäftsmodell auch den Konnex in unsere Gefilde schaffte. Das Unternehmen ist in der Textilbranche tätig, exportiert nach Europa und in die Vereinigten Staaten und produziert Bekleidung für namhafte Unternehmen wie z.B. Reebok, Salomon, North Face und Adidas. Wohingegen im Jahr 2014 mit dem letztgenannten Unternehmen 80% der Unternehmenseinnahmen erzielt wurden. Der Unternehmenswert musste jedoch seit dem Börsenlisting ebenfalls um mehr als 50% korrigiert werden. Die Eigentümerstruktur verteilt sich auf 2 Hauptaktionäre, wobei das Unternehmen selbst einen Anteil von 41% hält.

 

Beide Unternehmen betreiben über ihre eigenen Homepages und über die Homepage der CSX ein sehr informatives Investor Relation- und Berichtswesen, welches sich so manches Unternehmen im vermeintlich entwickelten Osteuropa zum Vorbild nehmen sollte. Den börsennotierten Unternehmen stehen ca. 15 Privatunternehmen gegenüber, die in den Branchen Finanzwirtschaft, Telekommunikation und Transportwesen Fuß gefasst haben. Jedoch sind diese, teilweise noch im Staatsbesitz befindlichen Unternehmen, nicht „fit“ für den geregelten Kapitalmarkt.


Alldem gegenüber sieht sich der Staat jedoch mit Korruptionsvorwürfen konfrontiert und mit Zivilklagen gegen damalige „Rote Khmer“ Mitglieder, die nach dem Sturz des Regimes, um sie ruhig zu stellen, in hohen Regierungsposten Unterschlupf gefunden haben. Weiters steht Kambodscha in unmittelbarer Konkurrenz zu den stark entwickelten Finanzplätzen Singapur und Hong Kong. Sogar das Nachbarland Vietnam, mit seiner bewegenden Geschichte, hat einen funktionierenden Kapitalmarkt mit über 370 gelisteten Unternehmen und einem Marktwert von umgerechnet 61,8 Mrd. EUR.

 

Dennoch spielt sich der Markt in Kambodscha nicht an geregelten Finanzplätzen ab, vielmehr im täglichen Leben, denn Angebot und Nachfrage treibt nicht den Aktienkurs, sondern den Kampf ums  Überleben an. Zum Beispiel verkaufen Fischer am Tonlé Sap See billiges Protein in Form von Wasserschlangen an Großhändler, die sie mit einfachsten Hilfsmitteln zuvor tagelang mühsamst inmitten von Malaria-Moskito-Schwärmen und unerträglicher Schwüle gefangen haben. Dieser drückt je nach Saison, Knappheit oder Überangebot den Preis der Wasserschlangen auf ein Niveau, das den Fischern ein Überleben gerade noch ermöglicht.

 

Viele Branchen blicken trotzdem in positive Zeiten, da der Tourismus mit rund 5 Mio. Besuchern im Jahr immer mehr Devisen in die Staatskassen spült und Projekte, wie der Ausbau eines öffentlichen Bahnnetzes, im Raum stehen. Weiters ist die Pipeline an Unternehmen, die Eigenkapital für Wachstumspläne benötigen, durchaus gefüllt. Und vielleicht verschaffen genau diese, wenn auch im Vergleich zu anderen Wirtschaftsmächten gering erscheinenden Aspekte, ein Börsenwachstum und einen entwickelten Kapitalmarkt, sodass das Interesse von ausländischen Investoren geweckt werden könnte.

Hier können Sie den Verfasser gerne kontaktieren: philipp.ebner@securitykag.at