Silicon Valley goes Wall Street

08. Apr 2016 | Blog

VON Alfred Kober

Dass der Finanzsektor im Umbruch steht, ist nicht nur jedem bewusst, der beruflich in der Branche tätig ist und auf diese Weise die Entwicklungen hautnah miterleben darf, sondern auch außenstehenden Personen, die das Thema medial möglicherweise nur am Rande verfolgen. Die Ursache der merkbaren Veränderungen ist in mehreren Faktoren zu finden, die in Summe den Institutionen erheblich zusetzen. Neben den Überkapazitäten, dem Marktumfeld der letzten Jahre und den steigenden regulatorischen Anforderungen etc. möchte ich den Fokus an dieser Stelle allerdings auf den Faktor der radikalen Innovationen richten, die nun endgültig den Finanzsektor erreicht haben. Die Chancen, dass sich diese Innovationen auf breiter Basis durchsetzen, sind mittlerweile sehr real. Im Zuge dessen ist eine Veränderung, ja vielfach sicherlich ein Überwerfen bestehender Prozesse, absehbar.

 

Die Spielregeln ändern sich – die Branche zittert enorm und hat Angst, historisch gewonnene Pfründe zu verlieren. Technologieunternehmen mischen nun zusehends im Wettbewerb mit und zwingen eingesessene Unternehmen bisherige Prozesse zu hinterfragen und möglichst rasch an die neuen Technologien anzupassen. Radikale Innovationen zeichnen sich dadurch aus, Trends zu setzen und das Wettbewerbsgefüge nachhaltig zu verändern. Disruptive Technologien wie etwa das Internet beschleunigen diese Trends und lösen alteingesessenes Verhalten in oft kürzester Zeit ab. Man denke an das Mobiltelefon oder die rasche Entwicklung der mobilen Applikationen in den letzten Jahren – viele dieser Neuerungen haben wir lieb gewonnen und sind kaum noch wegzudenken.

 

Ein vager Blick in die nicht allzu ferne Zukunft macht so einiges Gewohntes obsolet - die großen internationalen Beratungsgesellschaften versuchen mit hochwertigen Analysen künftige Entwicklungen zu quantifizieren. In diesem Zusammenhang zeigt Graphik 1 (PwC, 2016) die Finanzbereiche, in denen die wohl heftigsten Umbrüche in den kommenden 5 Jahren zu erwarten sind.

 

 

Die Darstellung zeigt, dass die beiden größten Veränderungen im Bereich des standardisierten Consumer (Retail) Bankings bzw. im Zahlungsverkehr zu erwarten sind und liefert eine plausible Erklärung auf den Konsolidierungstrend der letzten Zeit. Dieser zeigt eine eindeutige Richtung: Der Kunde wir künftig mit größeren Institutionseinheiten zu tun haben - dies tritt bereits in der hohen Anzahl an Filialschließungen, nicht nur in Österreich, sondern weltweit zutage. Der Trend ist ungebrochen und wird wohl in diesem Tempo weitergehen. Mit knapp rund einem Viertel an zu erwartenden Geschäftseinbußen, die durch das Eindringen neuer Technologieunternehmen im Finanzsektor zu erwarten sind, ist das Ausmaß doch beträchtlich hoch (Graphik 2, PwC, 2016).

 

 

Dabei wird der Handlungsbedarf für die klassischen Finanzinstitutionen eminent. Neben den direkten Investitionen der Banken und Versicherungen entsteht ein institutionsunabhängiger Technologiebereich, der sich ausschließlich potentiellen Effizienzsteigerungen bzw. alternativer Finanzdienstleistungen widmet, kurz: FinTech. Neben den bekannten, etablierten und kapitalstarken Technologieunternehmen ist in diesem Segment auch eine wahre Explosion an Start-Ups zu beobachten. Aufgrund der angespannten sektoralen Rahmenbedingungen sammeln diese Unternehmensneugründungen derzeit noch relativ einfach Investorengelder ein – ja, ein wahres Wettrennen herrscht in diesem Segment.

 

Allein in Deutschland ist die Anzahl an FinTech-Start-Ups von Feb. 2015 auf Feb. 2016 von 263 auf 405 Unternehmen gestiegen (Graphik 3, Handelsblatt, 2016). Knapp ein Drittel davon konzentriert sich auf den Bereich der Finanzierung. Während einige dieser Unternehmen bereits jetzt als direkte Konkurrenten zum/im klassischen Bankgeschäft auftreten, wird sich sicherlich auch ein guter Teil davon längerfristig als alleinstehendes Unternehmen nicht etablieren können und entweder in anderen Gesellschaften integriert werden oder die Geschäftstätigkeit wieder einstellen.

 

 

Der Trend ist allerdings eindeutig und das Ausmaß der Gelder, die in das Segment der FinTechs bzw. in die Weiterentwicklung moderner Technologien fließen, ist enorm und wird definitiv die eine oder andere Innovation hervorbringen. Während kaum offizielle Werte über Investitionsvolumen für das Vorjahr zu finden sind, zeigt Graphik 4 den Trend in den Jahren zuvor (The Economist, 2015). Dabei zeigt sich ein gewohntes Muster. Mit einem Investitionsvolumen von über 9 Mrd. USD hat auch in diesem Segment die USA die Führerschaft übernommen, was uns wiederum eine Erklärung für das große Zittern der europäischen Finanzinstitute liefert.

 

 

Vor dem Hintergrund des volatilen Umfeldes am Kapitalmarkt erlitt klarerweise auch dieser Boom in den letzten Monaten seine Rückschläge. Nichtsdestotrotz ist für mich die Richtung im Finanzsektor eindeutig. Die Entwicklung deckt sich wiederum mit den Theorien der wirtschaftlichen Entwicklung des österreichisch-amerikanischen Ökonomen Joseph Schumpeters, der vor knapp einem Jahrhundert die Verdrängung eingespielter Praktiken durch neue Innovationen als Grundbestandteil des Konjunkturzyklus identifizierte und als „schöpferische Zerstörung“ bezeichnete.

 

 

Hier können Sie den Verfasser gerne kontaktieren: alfred.kober@securitykag.at