Die Fahrt mit dem Blick in den Rückspiegel

29. Apr 2016 | Blog

VON Josef Obergantschnig

Der April ist traditionell ein Monat, in dem viele Gesellschaften ihre Wachstumsprognosen veröffentlichen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hält im April seine Frühjahrskonferenz ab und widmet sich im Rahmen der mehrtägigen Veranstaltung auch dem globalen Ausblick. Es gibt zwar einige Hoffnungsschimmer, aber so richtig will die Konjunktur nicht anspringen. Die Notenbanken rund um den Globus haben alle Hemmungen fallen gelassen und versuchen mit vor kurzer Zeit noch undenkbaren Mitteln die Wirtschaft zu stützen. Die Kreditvergabe an Unternehmen oder Private scheint nur schleppend anzuspringen. Die Diskussion rund um das Helikopter-Geld – also man schenke jedem EU-Bürger Geld, welches dieser wiederum in den Konsum steckt und dadurch das Wachstum ankurbelt – verdeutlicht die Ratlosigkeit der Entscheidungsträger.

 

Abbildung: Bruttoinlandsprodukt in %

Quelle: IWF

 

Am Rande dessen keimt wieder einmal die Diskussion auf, ob man mit herkömmlichen Methoden den Wohlstand oder die Prosperität eines Landes messen kann. Ist die gängige Messgröße BIP wirklich dazu geeignet, diesem Aspekt Rechnung zu tragen?

 

Ich denke, NEIN. Aus meiner Sicht ist die BIP-Betrachtung ein Blick in den Rückspiegel. Damit wird „nur“ die Frage beantwortet, welche Leistung ein Wirtschaftsraum in einer bereits vergangenen Periode erbracht hat. Und genau damit fangen die Fragen an. Ist das Land im Vergleich zu den Mitbewerbern konkurrenzfähig? Werden Maßnahmen gesetzt, um auch in Zukunft in der globalisierten Welt bestehen zu können? Wie geht es dem einzelnen Bürger? Ist das Wachstum, wie gegenwärtig in China, mittels Krediten an Unternehmen finanziert oder auf einer soliden Basis? Wie schauen die Demographie des Landes oder die Staatsbudgets aus? Basiert die Konkurrenzfähigkeit im Vergleich zu anderen Anbietern zulasten der Umwelt – man denke beispielsweise an die „Smog-Städte“ in China – oder an die Arbeitskräfteausbeutung?

 

Fragen über Fragen, die nicht mit einer Kennzahl abgebildet werden können. Ich meine damit keineswegs, dass ein Blick in den Rückspiegel schlecht ist. Im Gegenteil – der Status-Quo repräsentiert die Arbeit der Vergangenheit. Zudem kommt noch der Aspekt hinzu, dass man im Falle einer kritischen Selbstreflektion durchaus wertvolle Erkenntnisse aus dem eigenen Tun ziehen kann. Es ist aber auch wichtig, sich über die Zukunft Gedanken zu machen. Welche Schritte kann ich heute einleiten, um in Zukunft davon zu profitieren? Die Ernte des Tuns wird in die Zukunft verlagert. Man denke beispielsweise an die Bildung. Wenn ein Staat heute gezielte Maßnahmen in diesem Bereich setzt, dauert es Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, bis man die Früchte ernten kann. Dann wäre zudem sicherzustellen, dass in dem betreffenden Land die Lebensbedingungen und Voraussetzungen so gut sind, dass die gut ausgebildeten Menschen im Heimatland verbleiben und nicht ins Ausland abwandern. Dieser sogenannte Brain-Drain ist der „Horror“ eines Wirtschaftsraums.

 

Für mich wäre es wünschenswert, wenn sich Entscheidungsträger nicht nur mit taktischem Geplänkel beschäftigen, sondern heute strategische Maßnahmen einleiten, um morgen davon profitieren zu können! Ich hoffe, es bleibt kein Wunschtraum!

 

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