Wirtschaftlicher Erfolg versus Lebensqualität?

08. Jul 2016 | Blog

VON Josef Obergantschnig

Das Bruttoinlandsprodukt ist ein Relikt aus dem vergangenen Jahrhundert und erfreut sich nach wie vor größter Beliebtheit unter den Volkswirten. Häufig wird darauf hingewiesen, dass mit zunehmendem wirtschaftlichem Erfolg auch die Lebensqualität ansteigt. Aber ist das wirklich so?

 

In den vergangenen Jahren wurden häufig Alternativen diskutiert, die sich aus einem anderen Blickwinkel dieser schwer zu beantwortenden Frage nähern. Eine davon ist der Social Progress Index (SPI), der sich aus 53 sozialen und umweltspezifischen Indikatoren zusammensetzt und in die Bereiche „Basic Human Needs“, „Foundations of Wellbeeing“ und „Opportunity“ untergliedert.

 

Überblick: Indexzusammensetzung

Quelle: Social Progress Imperative

 

Wie dem Organigramm zu entnehmen ist, fehlen hier bewusst wirtschaftliche Indikatoren. Ziel des Index ist es, die Lebensbedingungen in dem jeweiligen Land darzustellen.

 

Abbildung: Gesamtindex

Quelle: Social Progress Imperative

 

Die Top-Platzierungen werden von den Ländern Finnland, Kanada, Dänemark und Australien eingenommen. Österreich belegt mit 86,60 Punkten (Skala zwischen 0 und 100) den hervorragenden 13. Platz und konnte sich zwei Plätze vor Deutschland und sechs Plätze vor den USA platzieren. Die höchste Lebensqualität weisen die Kontinente Europa, Nordamerika, Australien und zum Teil Südamerika auf, wohingegen afrikanische und asiatischen Länder vorwiegend auf den hinteren Plätzen zu finden sind.

 

Abbildung: Länderanalyse Österreich

Quelle: Social Progress Imperative

 

Bei einer detaillierten Länderanalyse werden die relativen Stärken und Schwächen offenbart. Als Vergleichsländer für die Stärken/Schwächen-Analyse werden Nationen ausgewählt, die ein ähnliches GDP per Capita aufweisen (Australien, Belgien, Kanada, Dänemark, Finnland, Frankreich, usw.). Österreich konnte im Bereich „Basic Human Needs“ mit 95,67 Punkten das beste Ergebnis erzielen und den 6. Platz belegen. Im Cluster „Foundations of Wellbeing“ fiel das Ergebnis mit 86,84 Punkten deutlich schlechter aus. Mit dieser Wertung fiel Österreich in diesem Bereich auf den 12. Platz zurück. Zudem sind sechs von sechzehn Indikatoren mit einem roten Punkt versehen, der auf „relative“ Schwächen des Landes im Vergleich zu den Referenzländern hinweist.

 

Im Bereich „Opportunity“ belegte Österreich den 17. Platz und wies zudem in sieben von 20 Ländern im Vergleich zu den Referenzländern Schwächen auf. Das gute Gesamtranking ist demnach zu großen Teilen auf den Bereich „Basic Human Rights“ zurückzuführen.

 

Abbildung: GDP per Capita vs. Social Progress Index

Quelle: Economist

 

Wenn man die Komponenten Lebensqualität (Social Progress Index) und ökonomischer Erfolg (GDP per Person) in Relation stellt, kommt man zu einem interessanten Ergebnis. Bis zu einer Wirtschaftsleistung von USD 10.000 pro Kopf steigt die Lebenszufriedenheit stark an. Darüber hinaus flacht die Kurve deutlich ab bzw. wird für einige Länder (z.B. Saudi Arabien) sogar invers. Costa Rica weist mit einem BIP pro Kopf von  rund 14.000 USD eine sehr gute Lebensqualität auf, obwohl das Land wirtschaftlich deutlich hinter den Besten zurückliegt. Auffallend ist zudem, dass ab einem gewissen Grad an wirtschaftlichem Erfolg auch der Anteil an „Zivilisationskrankheiten“ wie z.B.: Anteil Personen mit Adipositas steigt. Insofern ist für mich damit wieder einmal belegt, dass mit zunehmendem Erfolg nicht zwingend auch die Lebensqualität steigt!

 

Ich will damit auf keinen Fall ausdrücken, dass wirtschaftlicher Erfolg nicht von Belang ist. Es ist allerdings angebracht, mehrere Faktoren in die wirtschafts-, gesellschafts- und umweltspezifischen Entscheidungsprozesse einfließen zu lassen. Ziel müsste es sein, das Optimum in diesem Spannungsfeld anzustreben und nicht auf Kosten des (kurzfristigen) wirtschaftlichen Erfolgs das Pulver auch für künftige Generationen vorzeitig zu verschießen!

Hier können Sie den Verfasser gerne kontaktieren: josef.obergantschnig@securitykag.at