Wachstum fremdfinanziert!

22. Aug 2016 | Blog

VON Josef Obergantschnig

Im ersten Teil dieser Blogreihe habe ich mich mit der Verschuldungssituation und den Aktivitäten der großen Notenbanken auseinandergesetzt. Es ist sehr auffallend, dass Schweden eine vergleichsweise niedrige Staatsverschuldung aufweist und demnach finanziell auf soliden Beinen steht. Aber ist das wirklich so?

 

Abbildung: Private Verschuldung (Unternehmen und Haushalte) im internationalen Vergleich

Quelle: IWF

 

Um eine Aussage über die Verschuldung eines Landes treffen zu können, ist auch die Verschuldung der Unternehmen und der privaten Haushalte miteinzubeziehen. Auch in diesem Bereich ist die Verschuldung, abgesehen von einigen Ausnahmen, in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten deutlich angestiegen. Die höchste private Verschuldung weisen Japan und die USA auf, dicht gefolgt von China und - ob man es glaubt oder nicht - Schweden! Im nächsten Schritt möchte ich auf die Gesamtverschuldung (Staat und privater Sektor) eingehen.

 

Abbildung: Gesamtverschuldung (Staat und Private) im internationalen Vergleich

Quelle: IWF (Eigene Berechnung)

 

Japan weist mit 436% vom Bruttoinlandsprodukt vor den USA den mit Abstand höchsten Verschuldungsgrad der Referenzländer auf. Abgesehen von Österreich und Deutschland ist die Gesamtverschuldung im Referenzzeitraum 2011 bis 2015 gestiegen. Besonders deutlich fiel der Anstieg in China von 159% auf 199% in Relation zum BIP aus. Interessant ist zudem, dass Schweden trotz der niedrigeren Staatsverschuldung eine ähnliche Gesamtverschuldung wie Österreich aufweist. Lediglich in Deutschland liegt sie klar darunter. Damit hat in Schweden im Vergleich zu Österreich nicht der Staat die Schulden sondern die Privaten!

 

Die hohe Verschuldung des privaten Sektors in China hat in den vergangenen Wochen durchaus Besorgnis über die weitere Entwicklung ausgelöst und dementsprechend für die eine oder andere negative Schlagzeile gesorgt. Um darauf etwas näher einzugehen, möchte ich Ihnen die Situation in den Referenzjahren 2011 bis 2015 darlegen.

 

Abbildung: Verschuldung China

Quelle: IWF

 

Das Bruttoinlandsprodukt (GDP Current Prices) ist im betreffenden Zeitraum um 42% angestiegen. Trotz dieses Anstiegs sind die Verschuldungsquoten deutlich nach oben geschossen. Der private Sektor wies 2011 eine Verschuldung von 124,07% des BIP auf – die Gesamtschulden betrugen demnach 59.658 Geldeinheiten (48.086 x 124,07%). Im Jahr 2015 stieg die Verschuldung der Privaten um stolze 78% auf 106.237 Geldeinheiten (68.392 x 155,33%) an. Den Anstieg der Verschuldung in der Höhe von 46.578 Geldeinheiten (106.237 – 59.658) kann man auch in Relation zum aktuellen BIP stellen und damit verdeutlichen, welchen Anteil die Verschuldung am Wirtschaftswachstum hat (Annahme: Die Verschuldung fließt in weiterer Folge ins BIP und wird nicht gespart oder anderwärtig verwendet). Damit sind folgende Kernaussagen zu treffen:

 

Im Referenzzeitraum 2011 – 2015 ist die Verschuldung des privaten Sektors (Haushalte, Unternehmen) in China um 78% angestiegen. Der nominelle Anstieg des Fremdkapitals entspricht 68% des Bruttoinlandsproduktes des Jahres 2015. Das Bruttoinlandsprodukt ist vergleichsweise im Referenzzeitraum um 42% gewachsen. Damit ist ein großer Teil des Wachstums der vergangenen Jahre fremdfinanziert!

 

Abbildung: Anstieg Verschuldung (2011 – 2015) in Relation zum BIP 2015


Quelle: IWF (Eigene Berechnung)

 

In China ist die Verschuldung – allen voran des privaten Sektors - in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen und entspricht 87% einer jährlichen Wirtschaftsleistung (BIP). Auch in den USA und Japan ist die Verschuldung stark angestiegen. Während sich in Japan vorwiegend der staatliche Sektor verantwortlich zeichnet, ist in den USA ein Schuldenaufbau im privaten Sektor zu beobachten. In Europa wurde im Referenzzeitraum die Verschuldungsquote deutlich geringer ausgebaut. Während sich in Deutschland und Schweden hauptsächlich der private Sektor verschuldet hat, ist der Anstieg der Verschuldung in Österreich ausschließlich auf den staatlichen Sektor zurückzuführen. Ich würde es (das gleiche gilt auch für Deutschland) vor allem auf das geringe Vertrauen und die vorherrschende Unsicherheit zurückführen. Welcher Unternehmer will schon in „schwierigen und unsicheren“ Zeiten expandieren? Im Gegensatz stieg die Verschuldung in Schweden deutlich stärker an. Neben dem vergleichsweise gleich hohen Anstieg des staatlichen Sektors (Österreich) hat sich dort auch der private Sektor verstärkt verschuldet.

 

Abschließend möchte ich noch festhalten, dass eine Verschuldung per se nicht unbedingt negativ zu werten ist. Bei größeren Investitionen – sei es im privaten Bereich bei der Eigenheimschaffung, im Unternehmensbereich bei der Finanzierung eines Projektes oder im staatlichen Bereich bei Infrastrukturprojekten – ist ein Fremdkapitalanteil durchaus in Ordnung und ein wichtiger Faktor, um entsprechende Projekte am Ende des Tages auch umsetzen zu können. Es muss dem Schuldner allerdings bewusst sein, dass mit zunehmendem Verschuldungsgrad der individuelle Handlungsspielraum eingeschränkt wird. Gegenwärtig leben die Kreditnehmer im Schlaraffenland. Es spricht nichts dagegen, das aktuell günstige Umfeld auch auszunützen. Wichtig ist allerdings auch, dass man sich den Risiken – Stichwort: „There is no free lunch!“ - bewusst wird und sich so positionieren muss, dass man auch bei veränderten Rahmenbedingungen (z.B. Zinsanstieg) noch handlungsfähig bleibt. Von staatlicher Seite sind dringend nötige Reformen einzuleiten. Gerade in guten Zeiten hat man den Spielraum, sich Reserven zu schaffen, auf die man in schlechten Zeiten zurückgreifen kann. Nur darauf zu vertrauen (oder zu hoffen), dass es immer so weiter geht, wäre aus meiner Sicht fatal!

Hier können Sie den Verfasser gerne kontaktieren: josef.obergantschnig@securitykag.at