15. September 2016

09. Sep 2016 | Blog

VON Joachim Waltl

Am 15. September 2016 jährt sich der Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers (2008). Im Jahr 2008 mussten 83 Banken weltweit durch Konkurse schließen oder wurden von anderen Banken übernommen. Die Finanzkrise hat die Weltwirtschaft immer noch nicht vollständig überwunden. Ihren Ursprung nahm sie bereits 30 Jahre früher. 
 
1977 verabschiedeten die Amerikaner für kommunale Wohnbauprojekte das Gesetz Community Reinvestment Act, um dem Verfall von Wohnbezirken durch Renovierungen und Investitionen durch Private entgegenzuwirken. Mit dem Gesetz sollte benachteiligten Bevölkerungs-schichten geholfen werden, Wohnbaudarlehen aufnehmen zu können und damit ihre Wohngegenden aufzuwerten. Die Idee, dass jeder Bürger ein Eigenheim besitzen solle, hatte bereits Theodore Roosevelt im New Deal. Der renommierte Harvard Professor für Wirtschaftsgeschichte, Niall Ferguson, bezeichnete sie als Hausbesitzerdemokratie. Aber erst Bill Clinton setzte die Banken unter Druck, auch Kunden mit geringer Bonität Kredite zu gewähren. Banken hatten Bezirke, wo sie schlechte Erfahrungen mit der Besicherung von Krediten gemacht hatten, rot umrandet und von der Kreditvergabe ausgeschlossen. Die Regierung Clinton verpflichtete per Gesetzesnovelle Banken zur Vergabe von Wohnbaukrediten auch an Personen, die in strukturschwachen Gebieten beheimatet waren. Die US Housing and Urban Development Agency (HUD) hat den US-Hypothekenbanken, wie die 1938 als Staatsbank im Rahmen des New Deals gegründete Fannie Mae, sogar verpflichtende Planungsziele zur Finanzierung benachteiligter Bevölkerungsschichten vorgeschrieben. Somit konnten Banken bei Nichteinhalten dieser Richtlinien auf Diskriminierung verklagt werden. 

 

Die Konsequenz: Banken mussten die Bonitätsanforderungen, die sie an eine Kreditgewährung knüpften, aufgeben. Diese Novelle bildete den Startschuss des Subprime Market, einem neuen Marktsegment mit „problematischen Krediten“. Da die amerikanischen Banken um das erhöhte Risiko der Kreditvergabe wussten, wurden die Kredite verbrieft. Die aus der Verbriefung geschaffenen Wertpapiere, Mortgage-Backed Securities (MBS), verkauften sie an inter-nationale Finanzinvestoren, womit sie später das weltweite Finanzsystem mit in die Krise gezogen haben. Mit den streng regulierten und überbesicherten europäischen Hypothekenpfandbriefen, bei dem ein Ausfall sowohl gegen die Bank als auch gegen die Immobilie durchgesetzt werden kann, haben die amerikanischen MBS nicht viel gemein.

 

Begünstigt hat die Nachfrage nach US-Eigenheimimmobilien auch die amerikanische Zentralbank, die die kurzfristigen Zinsen von 6,5% im Juni 2000 bis zu Beginn des Jahres 2003 auf 1,0% gesenkt hat, um die Konjunkturkrise nach dem Zerbrechen der Tech-Bubble und dem Anschlag auf das World Trade Center zu bekämpfen. Als sich das Wirtschaftswachstum wie-der erhöhte, wurden die Zinsen ebenfalls angehoben. Diese Zusatzbelastung brachte viele der ärmeren Hausbesitzer in Schwierigkeiten und sie konnten die hohen monatlichen Belastungen nicht mehr bedienen. Sie gaben ihre Hausschlüssel bei ihren Banken ab, was die Banken zur Versteigerung der Häuser zwang. Da es in Amerika keine Durchgriffshaftung gegen das restliche Vermögen oder das Arbeitseinkommen der Hauseigentümer gab, trugen die Banken das volle Verlustrisiko der Immobilie. Vom Subprime Markt übertrug sich die Krise auf den gesamten Immobilienmarkt.

 

Acht Jahre nach dem Höhepunkt der Finanzkrise leidet die Weltwirtschaft immer noch an den Folgen. Die Konjunkturdynamik ist seitdem nicht mehr richtig in Schwung gekommen und stagniert. Neue Wachstumspfade müssten gefunden werden. Die Weltwirtschaft wird 2016 zum fünften Mal in Folge unter ihrem langfristigen Durchschnitt wachsen. Mit einem Prozent unter dem langjährigen Wachstumsdurchschnitt sind vor allem die entwickelten Länder stark betroffen.

 

Beim G20-Gipfel in Hangzhou in China am 4. und 5. September 2016 haben sich die Staats- und Regierungschefs der globalen Wachstumsschwäche angenommen. Zwar haben die Entscheidungsträger nach Ausbruch der Kreditkrise viele ökonomische Maßnahmen getroffen, jedoch fehlte den Staaten bei nötigen Strukturreformen die endgültige Konsequenz. Wie wichtig Strukturreformen für langfristiges und nachhaltiges Wachstum sind, hat auch der Internationale Währungsfonds in seiner Empfehlung „Priorities for Structural Reforms in G-20 Countries“ rechtzeitig vor dem G20-Gipfel zum Thema gemacht. 

 

Der IWF mahnt dringend Strukturreformen ein – mit besonderem Augenmerk auf die makro-ökonomischen Bedingungen und Wirtschaftszyklen des jeweiligen Landes. Entwickelte Ökonomien, wie Deutschland, Kanada und Australien, sollen mehr für die öffentliche Infrastruktur ausgeben. In Staaten, wo es dafür keinen budgetären Spielraum gibt, wie beispielsweise in Italien, sollen die Reformschwerpunkte auf dem Arbeits- und Gütermarkt und der Förderung von Innovationen liegen. Schwellenländer sollen hingegen das Funktionieren der Märkte und den Zugang zu den Märkten verbessern, damit sie für internationale Unternehmen zur Ansiedelung attraktiver werden, um über Direktinvestitionen Arbeitsplätze zu schaffen. Zudem rät der Fonds Staaten dazu, in wirtschaftlich guten Zeiten ihre Arbeitsmärkte zu deregulieren. Auf der anderen Seite hätten solche Reformen in schlechten Zeiten einen negativen Einfluss auf die Beschäftigung.

 

 

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