BIP – Ein Blick in den Rückspiegel

23. Jan 2017 | Blog

VON Josef Obergantschnig

Das Wohlbefinden und der Wohlstand eines Landes werden oftmals an einer Kennzahl, dem Bruttoinlandsprodukt (BIP), gemessen. Dieser Parameter wurde in der großen Depression vom späteren Nobelpreisträger Simon Kuznets entwickelt und war damals der erste Hilfsindikator der Wirtschaftspolitik.

 

Das Bruttoinlandsprodukt (im englischen Gross Domestic Product) gibt im Wesentlichen den Gesamtwert aller Güter- und Dienstleistungen an, die innerhalb einer Referenzperiode von einer Volkswirtschaft erwirtschaftet wurde. Das BIP ist demnach ein Blick in den Rückspiegel und sagt nichts darüber aus, wie konkurrenzfähig eine Volkswirtschaft im internationalen Vergleich ist. Das BIP wird auch gerne als Wohlstandsindikator herangezogen – aus meiner Sicht ist dieser Schluss allerdings nicht zulässig. Um dies zu untermauern, möchte ich ein exemplarisches Beispiel anführen. Ein Staat wie z.B. China könnte versuchen, sich durch geringe Umweltstandards „Vorteile“ im Vergleich zu anderen Ländern zu verschaffen. Es wird höchstwahrscheinlich funktionieren, da lokale Unternehmen im Vergleich mit den jeweiligen Konkurrenten, die in Ländern mit höheren Standards tätig sind, von geringeren Produktionskosten profitieren. Das BIP des Landes mit geringen Umweltstandards wird sich im relativen Vergleich gut entwickeln. Für das Wohlbefinden der Bevölkerung wird dies langfristig allerdings nicht zutreffen, da mit zunehmender Verschmutzung die Lebensqualität deutlich zurückgehen wird.

 

Auch bei der Quantifizierung des BIP’s kam es in der Vergangenheit immer wieder zu Veränderungen, die von Beobachtern durchaus kritisch hinterfragt werden. Im Jahr 2014 hat die EU eine neue Berechnungsmethode des BIP’s implementiert und an die Berechnungsmethode der Vereinten Nationen, die seit 2008 nach diesen Prinzipien bilanzieren, angepasst. Die wichtigste Änderung war das Hinzurechnen der Ausgaben für Forschung und Entwicklung als Investition – bis zur Umstellung wurden diese Ausgaben als Vorleistungen zugerechnet, fielen damit bei der BIP-Berechnung weg. Die zweite wesentliche Umstellung betrifft die Ausgaben für Militärgüter, die ab der Umstellung ebenfalls unter Investitionen fallen. Im Vorfeld waren ausschließlich militärisch nutzbare Güter (insbesondere Waffensysteme wie z.B. Panzer) Vorleistungen des Staates und damit dem staatlichen Konsum zurechenbar. Im Gegensatz dazu wurden auch zivil nutzbare Güter (z.B. Kasernen oder Flughäfen) schon seit jeher dem Bereich Investitionen hinzugerechnet. Am meisten Aufsehen verursachte der Themenbereich Schattenwirtschaft und illegale Tätigkeiten. Durch die Hinzurechnung von Schwarzarbeit, Schmuggel, Drogenhandel oder Prostitution ändert sich das BIP zwar nur marginal, allerdings ist damit doch für Zündstoff gesorgt.

 

Durch die Umstellung der Berechnungsmethodik steigt zum einen die Wirtschaftsleistung und zum anderen sinken dadurch bedingt auch die Verschuldungsquoten (Schulden in Relation zum BIP). Laut Berechnungen der Statistik Austria hat sich dadurch das österreichische BIP um rund 10 Milliarden Euro oder 3%-Punkte erhöht. Gemäß Eurostat steigt EU-weit die absolute BIP-Höhe um rund 2% an. Die Eurostat hat zudem angeführt, dass die Verschuldungsquoten nicht zwingend sinken müssen, da sich auch die Berechnung der Schulden verändert hat. Im Zuge der Umstellungen werden künftig auch Schulden jener ausgegliederten Unternehmen zu den Staatsschulden hinzuzurechnen sein.

 

Abschließend möchte ich festhalten, dass makroökonomische Indikatoren durchaus ihre Berechtigung haben und sich gut dazu eignen, volkswirtschaftliche Zusammenhänge zu erkennen und sich einen Überblick zu verschaffen. Gerade uns in der Finanzbranche ist allerdings anzuraten, auch einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Wie ich in meinen Beiträgen dargelegt habe, weist manch populärer Indikator doch viele Fragen über dessen Werthaltigkeit auf. Zudem ist es wichtig, den Blick von der Vogelperspektive einzunehmen, strategische Entscheidungen zu treffen und nicht durch taktisches Geplänkel im Anschluss diverser Veröffentlichungen die Portfoliozusammensetzung zu steuern.

Hier können Sie den Verfasser gerne kontaktieren: josef.obergantschnig@securitykag.at