Ökologisches Bewusstsein auf dem Prüfstand

28. Apr 2017 | Blog

VON Christina Kirisits

Zu meinen interessantesten Erkenntnissen der letzten Zeit zählt, dass der aktuellste und umfassendste Bericht inkl. Ausblick bis 2035 des internationalen Energieverbrauchs ausgerechnet von BP stammt.

 

Abbildung: Wirtschaftswachstum und Primärenergieverbrauch

Quelle: BP Energy Outlook - 2017 Edition

 

Abbildung: Primärenergieverbrauch - Entwicklung und Aufteilung nach Quellen

Quelle: BP Energy Outlook - 2017 Edition

 

Treffen BP‘s Prognosen zu, so ist in den nächsten 20 Jahren mit keiner wirklichen Trendwende hin zu einem geringeren Energieverbrauch und erneuerbarer Energie zu rechnen. Das ist u.a., wie man gut sieht, auf den nach wie vor ungebrochenen Energiehunger von Ländern wie Indien, China und Brasilien zurückzuführen. Angesichts des aus Sicht dieser Länder immer noch aufzuholenden Rückstands ihres Lebensstandards gegenüber den OECD-Staaten ist dies auch verständlich, weshalb eine Ökologisierung der Wirtschaft und die entsprechende Bewusstseinsbildung der Bevölkerung natürlich geringere Priorität haben. Es sei denn, die Umweltbelastungen werden so untragbar, dass wohl oder übel Maßnahmen gesetzt werden müssen, wie z.B. die Smogbildung in den chinesischen Großstädten.

 

Wo können also Konzepte ansetzen, den weltweiten Energieverbrauch zu senken und dabei eben auch die oben angeführten Länder mit ins Boot zu holen?
Einige Aspekte als Denkanstöße möchte ich hier anführen:
Am 25.3.2017 wurde in zahlreichen Städten auf der ganzen Welt im Rahmen der jährlichen „EARTH HOUR“ für eine Stunde die gesamte Beleuchtung abgestellt. Es ist eine Aktion des WWF, an der sich auch viele Privathaushalte beteiligten, um ein Zeichen zur Reduktion des CO2- Ausstoßes zu setzen. Eine Aktion, die sich den Vorwurf gefallen lassen muss, auf eine zwar nette Symbolwirkung beschränkt zu bleiben bzw. sogar eigentlich kontraproduktiv zu sein: Die Stromeinsparung dieser einen Stunde wird durch den enormen punktuellen Spitzenbedarf an Strom beim Wiedereinschalten der Beleuchtung mehr als aufgehoben. Weiters wird nicht berücksichtigt, dass hauptsächlich Atomkraftwerke und kalorische Kraftwerke in der Lage sind, eine solche Spitze abzudecken und dass die Problematik des internationalen Stromverbrauchs v.a. auch ein zeitliches und regionales Verteilproblem ist.

 

Bezieht man aber genau die Verteilproblematik z.B.: in kommunale Energiekonzepte verstärkt mit ein, indem versucht wird, den kommunalen Strombedarf antizyklischer zum privaten Stromverbrauch zu gestalten, könnte man in Anlehnung an die „Earth Hour“ z.B.: damit beginnen, die alljährliche Weihnachtsbeleuchtung einerseits grundsätzlich zu reduzieren bzw. erst am späteren Abend einzuschalten, wenn die Verbrauchsspitzen vorbei sind. Ebenso könnte die Notwendigkeit der durchgehenden Autobahnbeleuchtung in Belgien, die nicht von gleichmäßig verfügbarer Wasserkraft, sondern Atomenergie und Kohle gespeist wird, hinterfragt werden.


Meiner Meinung nach bietet einerseits die städtische bzw. kommunale Ebene von den organisatorischen Möglichkeiten noch viel Potential für Umweltmaßnahmen wie eben der Stromeinsparung, verbunden mit dem entsprechenden Willen der Verantwortlichen – auch zu dem manchmal damit verbundenen „Unangenehm sein“ - was aber mit der Entlastung der Budgets argumentiert werden kann. Andererseits ließe sich sicherlich auch auf Unternehmensebene sehr viel mehr tun, und wenn es nur aufgrund der finanziellen Vorteile geschieht.

 

Abgesehen vom Tätigkeitsbereich der Kommunen und Unternehmen selbst geht es logischerweise auch um den Energieverbrauch und das Umweltbewusstsein des Einzelnen, wobei man sich angesichts der bisherigen Entwicklung und Ergebnisse wenig Illusionen über die – unter anderem auch vor kurzem von Dieter Mateschitz beschworene - Eigeninitiative machen sollte: Bis zu einem gewissen Grad können Anreize, wie z.B.: Förderungen für E- Autos, das Verhalten der einzelnen Bürger zum Energiesparen fördern, wobei die Politik derzeit aber nicht einmal ihre vorhandenen Möglichkeiten zum Setzen von Anreizen (z.B. Absetzbarkeit) ausnützt. Im Endeffekt wird die Politik aber nicht darum herumkommen, wieder mehr Gebote und Verbote einzuführen, und das trotz des sonst so gut wie immer wirksamen Arguments, dass man beim Energiesparen ja effektiv auch Geld sparen kann.


Der „Goodwill“ des Einzelnen ist oft leider gar nicht oder sehr beschränkt vorhanden, und es reicht bei dem Tempo, in dem die Erderwärmung vorwärts schreitet, einfach nicht aus, darauf (allein) zu setzen. Man nehme nur die gerade erst abgebrannten Osterfeuer: Diese werden in den letzten Jahren ja nur deshalb reduziert, weil es so trocken ist (ja, warum wohl?), nicht aus der Einsicht heraus, dass die Osterfeuer genauso wie die Silvesterfeuerwerke zur allgemeinen Feinstaubbelastung beitragen. Wenn man alle Gemeindebürger machen ließe, würden die wenigsten darauf freiwillig verzichten wollen. Auch ich finde diese Tradition schön und verbinde Erinnerungen meiner Kindheit damit. Nichtsdestotrotz muss ich allein schon im Hinblick auf die Zukunft meiner Kinder Veränderungen und auch Einschränkungen (wobei man sich auch wieder fragen muss, was empfindet man als Einschränkung und inwieweit müssen wir uns derzeit tatsächlich schon „einschränken“?) akzeptieren.

 

Es ist verständlich, dass es nicht so einfach ist, auf Annehmlichkeiten zu verzichten, aber derzeit sind wir noch in der Situation, wo wir noch bis zu einem gewissen Grad die Wahl haben. Weiters ist es notwendig, neue wirtschaftliche Konzepte zu entwickeln, da dieser „Verzicht“, der ja auch einen Konsumverzicht impliziert, mit der bisher allem anderen vorangestellten Prämisse des Wirtschaftswachstums und seinem bisherigen Verständnis diametral ist. Jedenfalls sollte sich jeder Einzelne und auch die politischen Verantwortlichen eingestehen, dass bei aller Komplexität des Themas derzeit sehr viele kleine Schritte, die sich mit geringem Aufwand und Einschränkungen(!) verwirklichen ließen, aus reiner Bequemlichkeit des Verbleibens in der vielfach strapazierten „Komfortzone“ nicht gesetzt werden.

 

Hier können Sie den Verfasser gerne kontaktieren: christina.kirisits@securitykag.at