Wie aus Fremdwährungskrediten manchmal Generationenkredite werden können

17. Jan 2018 | Blog

VON Daniel Kupfner

Die Österreicher gelten in Sachen Finanzen und Geldanlage als eher konservativ. Dies beweist auch der hohe Anteil an täglich fälligen Geldern bzw. gebundenen Spareinlagen (siehe dazu auch Abbildung 1). Trotz der anhaltend niedrigen Zinsen für diese Veranlagungsformen fließen noch immer Milliarden Euro an Geldvermögen in diese Produkte.

 

Abbildung 1: Aufteilung des Finanzvermögens der Österreicher 2017

Quelle: OenB

 

Wenn man also mit seinem eigenen Geld wenige bis keine risikofreudigen Geschäfte tätigt, wird man es mit fremden Kapital schon gar nicht tun, oder?
Nun, in Österreich war das nicht ganz der Fall. Anfang der 2000er Jahre waren die Österreicher besonders abenteuerlustig und tätigten große Spekulationsgeschäfte mit Fremdkapital. Sie wissen nicht was ich meine? Es ist (war) der in Österreich äußerst beliebte Fremdwährungskredit!
Statt sich und sein Eigenheim in Euro zu verschulden, griffen viele zu alternativen Währungen wie den Schweizer Franken, Japanischen Yen oder US-Dollar. Vor allem erstere Währung (CHF-Anteil an den aushaftenden FW-Krediten rund 96%) war bei den Kreditnehmern sehr beliebt. Erst nach der dringenden Empfehlung der FMA im Jahr 2008 und der Erweiterung der Mindeststandards 2010 ist der Anteil an Fremdwährungskrediten zurückgegangen. Aufgrund des Vertrauensverlustes in den Euro nach der Finanzkrise und der damit verbundenen starken Aufwertung des Schweizer Franken sahen sich somit viele Kreditnehmer mit starken Kursverlusten und gewachsenen Schuldenbergen konfrontiert. In Abbildung 2 sieht man die Entwicklung der ausstehenden FW-Kredite für Wohnbau an private Haushalte in Österreich und die Wechselkursentwicklung zwischen dem Euro und dem Schweizer Franken. Auch hier ist klar ersichtlich, dass die meisten Kredite aus Sicht der Kreditnehmer zu sehr ungünstigen und hohen Kursen aufgenommen wurden.

 

Abbildung 2: Kredite in Fremdwährungen an private Haushalte (für Wohnbau) und Wechselkurs EUR/CHF

Quelle: Eigene Berechnung, OenB, Bloomberg

 

Warum haben sich aber so viele Privatpersonen in Österreich (im Rest von Europa war dies meist kein Thema) damals in Schweizer Franken verschuldet?
Nun, ein wichtiger Aspekt war sicherlich die Zinsdifferenz zwischen dem Euro und dem Franken. Als Zinsbasis für Kredite in Euro wird meist der EURIBOR und für CHF-Kredite der dazu passende CHF-LIBOR Satz verwendet. Der zu zahlende Zinssatz für den Kunden erhöht sich dann noch um den jeweiligen Aufschlag (Marge) der Bank. Sieht man sich die Entwicklung der beiden Zinssätze seit dem Jahr 2000 an (Abbildung 3), so sieht man bis zum Beginn der Finanzkrise einen konstanten und deutlichen Abstand des LIBOR zum EURIBOR. Das heißt im Schnitt war der Zinssatz für den CHF-Kredit zwischen 1-2,5% günstiger als für einen vergleichbaren EUR-Kredit. Dieser Zinsvorteil ist aber mittlerweile verschwindend gering und beträgt nur mehr knapp 0,4%.

 

Abbildung 3: Entwicklung 3M-Euribor und 3M-Libor CHF

Quelle: Bloomberg

 

Ein anderer Grund für die große Nachfrage nach den FW-Krediten war auch sicherlich diversen Kreditvermittlern geschuldet. Diese haben zusätzlich zur Vermittlungsprovision für den Kredit meist auch noch ein Ansparprodukt verkauft und damit gutes Geld verdient (natürlich kamen auch Banken selbst auf diese Idee und es waren nicht nur Vermittler). Dies wurde möglich, in dem man den Kunden die FW-Kredite oftmals endfällig und nicht tilgend angeboten hat. Das bedeutet, man bezahlt während der Laufzeit des Kredites nur die Zinsen und das Kapital wird monatlich in einen Tilgungsträger (meist Versicherungen oder Fonds) angespart. Am Ende der Kreditlaufzeit sollte das angesparte Kapital im Tilgungsträger dann ausreichend hoch sein, um den fälligen Kredit zu tilgen. Oft wurde den Kreditnehmern gar das Geschäft ihres Lebens suggeriert, in dem man die mögliche Wertentwicklung des Tilgungsträgers mit einem höheren Zinssatz angenommen hat, als es der Kreditzins in Schweizer Franken war. Wer hätte nicht gerne 3% Zinsen für den Kredit bezahlt, wenn er im Gegenzug dafür 5% im Veranlagungsprodukt (Tilgungsträger) bekommt? Somit bezahlt sich der Kredit ja schon fast von alleine?


So einfach war es dann doch nicht! Denn zusätzlich zum Währungsrisiko des Kredites hatten die Kreditnehmer nun auch noch ein zusätzliches Risiko – die Wertentwicklung des Tilgungsträgers (Veranlagungsrisiko). Meist konnten die angenommenen Renditen bei Weitem nicht gehalten werden (diese sind vor allem in Zeiten eines Niedrigzinsumfeldes noch schwerer konstant zu erwirtschaften).

 

Wie dramatisch sich dieser Umstand auswirken kann, möchte ich kurz an einem kleinen Beispiel erklären:
Man stelle sich vor, man hätte Mitte 2005 einen Kredit über EUR 250.000,- aufgenommen. Dieser wurde jedoch nicht in EUR beantragt, sondern in CHF. Zum damaligen EUR/CHF-Kurs (dieser betrug 1,56) hat man sich somit mit 390.000,- CHF verschuldet. Der Kredit wurde zusätzlich endfällig auf 20 Jahre vereinbart. Bei einer angenommen Verzinsung (exkl. KEST) des Tilgungsträgers mit 5% p.a. würde eine monatliche Ansparrate von ca. EUR 640,- zur Rückzahlung des fälligen Kreditbetrages (EUR 250.000,-) im Jahr 2025 reichen. Betrachtet man diesen Kredit heute und geht man von einer Verzinsung des Tilgungsträgers mit 2% p.a. aus (Abbildung 4), so treten die massiven Risiken des FW-Kredites zu Tage.

 

Abbildung 4: Szenario Kredit- und Tilgungsträgerentwicklung

Quelle: Eigene Berechnung

 

Während man aufgrund der Wechselkursentwicklung plötzlich EUR 333.333,33 Schulden zu Buche stehen hat, bekommt man aus dem Tilgungsträger im Jahr 2025 voraussichtlich nur EUR 187.000,- ausbezahlt. Somit reicht der Erlös aus dem Ansparprodukt bei Weitem nicht aus, um den fälligen Kredit zu bedienen und es besteht in diesem Fall eine Tilgungslücke von EUR 146.333,33. Um diese Tilgungslücke nun in der verbleibenden Restlaufzeit bis zur Fälligkeit des Kredites schließen zu können, müsste man entweder den Ansparbetrag des Tilgungsträgers um monatlich. ca. EUR 1.500,- erhöhen (bei Annahme einer konstanten Verzinsung von 2% p.a.) oder auf eine Performance des Ansparproduktes von knapp 8% p.a. über die gesamte Laufzeit hoffen!


Da es sich viele Kreditnehmer während der Laufzeit nicht leisten können, diese Lücke zu schließen bzw. eine Performance von knapp 8% p.a. über die gesamte Kreditlaufzeit zu erwirtschaften de facto nicht realistisch ist, bleibt vielen Kreditnehmern nur noch die Hoffnung auf eine Erholung des Euros gegenüber dem Schweizer Franken und somit reine Spekulation. Sollte sich diese Hoffnung nicht erfüllen, wird man in vielen Fällen am Ende der Laufzeit mit einem neuen Kredit nachfinanzieren müssen. Jedoch sind viele Kredite ursprünglich bereits Richtung Pensionsantrittsalter der Kreditnehmer gerechnet worden, womit diese dann wohl zu Generationenkrediten werden!

 

Obwohl laut FMA mit Anfang 2017 der Fremdwährungsanteil an allen aushaftenden Krediten an private Haushalte auf 13,9% zurückgegangen ist (von einst 31,8%), sind dies noch immer FW-Kredite an Private (Wohnbau und Konsum) im Gegenwert von ca. EUR 20 Mrd. Zusätzlich beträgt die Deckungslücke der Tilgungsträger laut der Studie sechs Milliarden Euro. Eine Analyse der 2016 abgereiften Tilgungsträgerkredite ergab, dass nur bei einem Drittel der gesamtaushaftende Betrag durch angespartes Finanzvermögen gedeckt werden konnte.

 

Nebenbei sei aber auch noch kurz erwähnt, dass sich nicht nur Private massiv in CHF verschuldeten. Paradebeispiel dafür ist die Stadt Wien. Anfang der 2000er Jahre lag der Anteil der Franken-Kredite an den gesamten Schulden bei rund 85%! Im Zuge der Finanzkrise wurde auch den handelten Personen im städtischen Finanzressort bewusst, dass man dieses hohe Risiko Schritt für Schritt abbauen sollte. Ab dem Jahr 2011 wurden keine neuen CHF-Kredite mehr aufgenommen und eine stufenweise Konvertierung der CHF-Kredite in EUR-Kredite wurde eingeleitet. Laut Finanzschuldenbericht 2016 der Stadt Wien konnte der Anteil der Fremdwährungsschuld zur Euroschuld auf 28,6% gesenkt werden. Dies mag zum Teil durchaus an den getroffenen Maßnahmen liegen, hat aber auch wesentlich mit der massiv gestiegenen Gesamtverschuldung der Stadt zu tun. Denn wenn die Euro-Schulden stark steigen, verringert sich automatisch der Anteil der Fremdwährungskredite an den Gesamtverbindlichkeiten (Abbildung 5). Somit hat die laissez-faire und „zukunftsorientierte“ Budgetpolitik der Stadt Wien auch was Gutes an sich.

 

Abbildung 5: Verhältnis der Fremdwährungsschuld zur Euroschuld für die Stadt Wien zum jeweiligen Jahresultimo

Quelle: Stadt Wien

 

Dass es auch anders geht beweist übrigens die ÖBFA (Österreichische Bundesfinanzierungsagentur). Laut deren Homepage beträgt der Fremdwährungsanteil an den Finanzschulden des Bundes (unter Berücksichtigung der Währungstauschverträge) aktuell 0%.

 

Abschließend lässt sich also festhalten, dass viele Österreicher Anfang der 2000er Jahre hohe Risiken in Kauf genommen haben, um ihr Eigenheim zu finanzieren. Dieses Thema ist leider noch lange nicht erledigt und für einige Kreditnehmer wird es ohne gezielte Maßnahmen am Ende der Laufzeit vermutlich ein böses Erwachen geben. Im schlimmsten Fall ist das aber dann das Problem der Erben!

Hier können Sie den Verfasser gerne kontaktieren: daniel.kupfner@securitykag.at