Alexa, verschiebe mein Konto zu Amazon!

29. Jun 2018 | Blog

VON Alfred Kober

Für diesen Blog habe ich bewusst eine Headline gewählt, die viele von uns den Schauer über den Rücken laufen lässt. Ja, „to be amazoned“, beschränkt sich schon lange nicht mehr auf den Buch- und Einzelhandel. Das US-Unternehmen dringt in erstaunlicher Geschwindigkeit in die unterschiedlichsten Bereiche vor. Auch der Finanzbereich bleibt nicht verschont und wird sich künftig wohl zu einer der tragenden strategischen Geschäftseinheiten entwickeln. Die Ausgangsbasis des Unternehmens ist dabei sehr gut. Bereits jetzt verfügt das Unternehmen über die Ressourcen, die vielen klassischen Marktteilnehmern schlicht weg fehlen und für künftige profitable Geschäftsmodelle unerlässlich sein werden. Mit Diensten wie Amazon-Cash, Kredit-/Bezahldienstleistungen in unterschiedlichsten Ländern sowie klassisches Bankgeschäft in weniger regulierten Märkten wie in Indien zielt Amazon auch schon jetzt auf den Begeisterungsnutzen der jüngeren Generation ab. In einem „Testballon“ wurden auch schnell mal 3 Mrd. USD an warenbesicherten Kurzfristkrediten an Market-Place-Teilnehmer vergeben. Im Rahmen der Entwicklung eines girokontoähnlichen Produktes besteht eine enge Entwicklungskooperation mit den größten Finanzinstituten der USA, unter anderem mit JP Morgan Chase. Während regulatorische Hürden punktuell zu Verzögerungen führen mögen, kann die Marschrichtung gut erahnt werden. Das klassische Transaktionsgeschäft in der Branche muss sich auf radikale, ja disruptive Veränderungen einstellen. Es ist vor allem die jüngere, digital vernetzte Generation, die bereits jetzt Überweisungen über PayPal, Facebook etc. tätigt und die in Bankfilialen antiquierte und längst überholte Geschäftsmodelle sieht. Ganz ehrlich, wer wird noch E-Banking Plattformen nutzen, wenn ein Großteil der Überweisungen, wahrscheinlich einfacher und schneller, per WhatsApp erledigt werden können. Eine groß angelegte Umfrage des Business-Consulters Bain in den USA veranschaulicht, dass in der Gruppe der 18- bis 34-jährigen Personen rd. 70% der Befragten erwarten, innerhalb der nächsten 5 Jahre ein Finanzprodukt eines Technologiekonzerns zu beziehen. Deckungsgleich mit vielen ähnlichen Umfragen sinkt dabei die Akzeptanz mit zunehmendem Alter. Der Trend lässt darauf schließen, dass im Laufe der Zeit klassische Geschäftsmodelle zunehmend unbedeutend und von Geschäftsmodellinnovationen abgelöst werden.

 


Quelle: Bain/Research Now Customer Loyalty in Retail Banking survey, 2017, US

 

Der Sprung in Richtung standardisierter Veranlagungslösungen ist in weiterer Folge nur noch ein recht kleiner. Die Alarmglocken sind weltweit unüberhörbar und im Zuge dessen ist auch die Investmentbranche gefordert, verstärkt gefordert, Geschäftsmodelle zukunftstauglich auszurichten. Unter anderem hat sich die globale Interessensvertretung professioneller Investmentmanager und Finanzanalysten (CFA Institute) diesem Thema angenommen. Die weltweite Befragung von tausenden Mitgliedern sowie der Berücksichtigung unterschiedlichster Szenarien isolierte fünf kritische Aspekte, die in den nächsten 5 bis 10 Jahren für Investmentunternehmen als erfolgsentscheidend eingestuft werden. Dazu habe ich folgende komprimierte Zusammenfassung der relevantesten Faktoren erstellt:

 

1. Unternehmenskultur und Agilität

  • Kundenorientierung: Absolute „Client First – Kultur“
  • Stakeholder-Model: Genauestes Verständnis der Investmentlandschaft & der Stakeholder
  • Leadership: Klare Strategieformulierung, Mut zur Anpassung & Exekution

 

2. Differenzierung des operativen Geschäftsmodells

  • Optimierung der gesamten Dienstleistungs-Wertschöpfungskette: In-/Outsourcing & strategische Allianzen
  • IT-Integration & Prozessoptimierung: Kostenoptimierung & Skalierbarkeit
  • IT- und Datenstrategie: Gezielte Umwandlung in Wettbewerbsvorteile
  • Investment-/Fondsplattformen: Intensivere Nutzung, höhere Effizienz

 

3. Verschränkung von Mensch & Technologie

  • Komplexitätsgrad: Erfordert hohe Spezialisierung, gute Diversität & bessere Verschränkung
  • Kollektive Intelligenz: Teamansatz – von enger gefassten und hochspeziellen bis zu weiter gefassten visionären/strategischen Fähigkeiten
  • Mantra der Einfachheit: So einfach wie möglich – aber nicht einfacher

 

4. Kontrolliertes Erreichen der Kundenzielsetzungen (hoch sensitiv)

  • Höherer Professionalisierungsgrad der Akteure
  • Höhere Präzision der Managementumsetzung
  • Zielsetzungsbestimmtes Agieren und Commitment sämtlicher Akteure

 

5. Einbeziehung der Kunden - Interaktive Wertschöpfung

  • Systematisierte Anwendung der Kunden- und Beziehungsprinzipien (CRM)
  • Kommunikation – Verständlichkeit (Kundensprache) bei Wahrung der Komplexität
  • Vertrauen durch Exzellenz: Beziehungspflege durch stärkeren Einsatz & höheres Bekenntnis zur Sache

 

Sicherlich, einige dieser Perspektiven erklären sich von selbst – viele werden auch Sie in ihrem Unternehmen bereits mehr oder weniger intensiv umsetzen. Sehen Sie in diesem Fall die gelisteten Aspekte als Bestätigung ihrer Ausrichtung. Als langjähriges Branchenmitglied durfte ich die Veränderungen der letzten Jahrzehnte hautnah miterleben und diese waren zum Teil substantiell. Angesichts der Dynamik, der fortschreitenden Digitalisierung und Internationalisierung finde ich die Ergebnisse von derartig gelagerten Umfragen höchst bereichernd. Sie dienen mir der besseren Orientierung sowie der Einschätzung potentieller strategischer Lücken.

Hier können Sie den Verfasser gerne kontaktieren: alfred.kober@securitykag.at