IFRS 9 – der große Wurf?

31. Aug 2018 | Blog

VON Stefan Kogler

Versicherungen, die nicht nach den International Accounting Standards bilanzieren, können sich in Hinblick auf den bevorstehenden Wechsel vom IAS 39 auf den IFRS 9, der mit 01.01.2021 in Kraft tritt, entspannt zurücklehnen, denn ihnen bleibt viel Aufwand erspart. Darüber hinaus betone ich, dass meine Ausführung in weiterer Folge keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt.


Ich nahm an einem Workshop teil, dessen Ziel es war, die grundsätzlichen Änderungen des neuen Standards aufzuzeigen. Der Berater erklärte die zwei Hauptmotivationen der bevorstehenden Regeländerung: die komplexe „Regelbasiertheit“ des IAS 39 einerseits und das zu späte Erfassen von Wertberichtigungen („too little, too late“) andererseits.


Komplexe Regelbasiertheit im Sinne des IAS 39 bedeutet die Kategorisierung der Vermögenswerte in

  • Kredite und Forderungen
  • HTM – bis zur Endfälligkeit halten
  • Fair Value über GuV
  • AFS – zur Veräußerung verfügbar

 

Diese vier Kategorien werden nun ersetzt durch:

  • Fortgeführte Anschaffungskosten
  • Fair Value über GuV
  • Fair Value über OCI (Other Comprehensive Income – Eigenkapital)

 

Des Weiteren erfolgt die Einteilung in die Geschäftsmodelle:

  • Halten
  • Halten und Verkaufen
  • Andere Geschäftsmodelle

 

Zusätzlich müssen alle Wertpapiere hinsichtlich ihrer SPPI-Fähigkeit überprüft werden. SPPI bedeutet „soley payment on principal and interests“ (beschränkt sich das Finanzinstrument auf die Zahlung von Zinsen und die Rückzahlung des Nominales). Im Übrigen sind alle Fonds, somit auch Rentenfonds, keinesfalls SPPI-kompatibel.


Alles was dem Zahlungsstromkriterium (SPPI) nicht entspricht, muss analog zu den Bestandteilen der „Anderen Geschäftsmodelle“ zu Zeitwerten bilanziert und entweder über die GuV bewertet werden oder es beeinflusst direkt das Eigenkapital.


Besteht SPPI-Fähigkeit, so liegt es am Geschäftsmodell (Halten; Halten und Verkaufen), ob das Finanzinstrument zu fortgeführten Anschaffungskosten bilanziert wird oder erfolgsneutral zum Zeitwert (fair value through OCI). Auch im letzten Fall geht die Anschaffungsrendite durch die GuV.


Offen gesprochen erinnert mich das Geschäftsmodell „Halten und Verkaufen“ in Kombination mit Fair Value OCI für SPPI-fähige Finanzinstrumente sehr stark an derzeitige „zur Veräußerung verfügbare“ Anleihen (available for sale). Ich bin kein gelernter Buchhalter, aber der signifikante Unterschied von derzeitigen „HTM-Anleihen“ und SPPI-fähige Finanzinstrumente zu fortgeführten Anschaffungskosten in Kombination mit dem Geschäftsmodell „Halten“ erschließt sich mir nicht. Derivate müssen über die GuV bewertet werden, auch im bestehenden IAS 39 geschieht dies so.


Zugegeben, die Wertschwankungen von Fonds werden im IFRS 9 wohl ergebniswirksam über die GuV dargestellt, im IAS 39 kann man die Wertschwankungen auch gegen das Eigenkapital buchen.


Im Falle von SPPI-fähigen Finanzinstrumenten muss bei deren Einteilung in eines der beiden Geschäftsmodelle „Halten“ und „Halten und Verkaufen“ der erwartete Verlust quantifiziert und ergebniswirksam erfasst werden. Basis für die Ermittlung der fortgeführten Anschaffungskosten ist somit der Kaufpreis abzüglich des erwarteten Verlustes der nächsten 12 Monate. Im weltweiten Durchschnitt für die Ratingkategorien AAA und AA+ liegt dieser Wert bei 0%, AA bei 0,02%, A bei 0,06% und BBB bei 0,17% (ich erinnere an die Kritik am IAS 39 „too little, too late“). Dieser erwartete Verlust ist bei einer signifikanten Verschlechterung des Kreditrisikos, wobei Signifikanz nicht genau definiert wird, von 12 Monaten auf die Restlaufzeit zu erhöhen. Im Falle von durchschnittlichen Laufzeiten von 7 Jahren erhöhen sich die erwarteten Verluste auf 0,51% im Bereich AAA, 0,27% AA, 0,86% A und immerhin auf 2,15% für die Ratingkategorie BBB. (Als Quelle dient mir die 2017 Annual Global Corporate Default Study and Rating Transitions von S&P)


Abschließend möchte ich noch erwähnen, dass der IFRS 9 jeden Einzelvertrag im Fokus hat. Das bedeutet in der Analyse und der Aufarbeitung der relevanten Portfolios hinsichtlich der SPPI-Fähigkeit einzelner Anleihen, dass jeder einzelne Kauf von Relevanz ist. Wurden beispielsweise EUR 3 Mio. einer speziellen Anleihe im Zeitablauf von 3 Jahren zu je EUR 1 Mio. erworben, so ist der erwartete Verlust zu jedem Kaufdatum im Nachhinein zu ermitteln und so zu berücksichtigen.


Ich möchte abschließend betonen, dass ich mich erst oberflächlich mit dem IFRS 9 beschäftigt habe, allerdings verstehe ich nicht die Kritik an der Komplexität die Anwender im Zusammenhang mit dem IAS 39 nennen und es beantwortet meine eingangs gestellte Frage nach dem großen Wurf des IFRS 9 nicht, aber vielleicht erschließt sich mir dieser ja bis 2021.

 

Hier können Sie den Verfasser gerne kontaktieren: stefan.kogler@grawe.at