Geht es uns wirklich so schlecht?

19. Okt 2018 | Blog

VON Peter Ladreiter

Wenn man die Stimmungslage ansieht, so merkt man in vielen Teilen der Welt zunehmenden Unmut über die herrschenden Wirtschafts- und politischen Systeme. Vor allem in der westlichen Welt, wo die Lebensstandards am höchsten sind. In Europa zum Beispiel ist es schick, bei jeder Gelegenheit gegen die Institution der EU zu wettern und zu schimpfen, aber auch gegen Parteien, Wirtschaftstreibende, Reiche, Banken, Ausländer, etc.

 

Dabei wird die Schuld am eigenen gefühlten Unwohlsein und der Ungerechtigkeit den EU-Bürokraten und anderen Bevölkerungsgruppen gegeben. Derzeit sind besonders Großbritannien und Italien dermaßen gegen die EU aufgebracht, dass wider alle volkswirtschaftliche und realpolitische Vernunft, rein aus populistischen Motiven und negativer Stimmungsmache Entscheidungen getroffen werden, die beiden Ländern (und natürlich der EU) insgesamt nachweislich schaden werden. Nachdem dieses und andere gleich geartete Phänomene nicht zufällig passieren, macht es Sinn, diese Vorgänge etwas genauer zu hinterfragen. Als nach dem Krieg Europa neu aufgebaut wurde, herrschten verbreitet hohe Armut und miserable soziale Bedingungen. Doch es gab dabei eine Aufbruchsstimmung in der Bevölkerung und ein Wir-Gefühl, welches nicht nur in der Sache motivierend, sondern für die Menschen auch eine wirkliche Perspektive bildete.

 

Heute, rund 60 bis 70 Jahre später, haben wir jenes wirtschaftliche Wohlstandsniveau erreicht, von dem unsere Vorgängergenerationen nur träumen konnten. Doch uns ist offenbar die Vision abhanden gekommen, sich für selbstgewählte (Lebens-)ziele einzusetzen. Und das passiert mit wenigen Ausnahmen auch politisch auf Ebene von Nationalstaaten, der Status Quo wird verwaltet, anstatt ihn weiterzuentwickeln. Die Bürger selbst fühlen sich den Systemen ausgeliefert und verlieren Motivation. Der Geist des Zusammenhalts ist ohnehin schleichend einem zunehmend egoistischen Individualismus gewichen, sodass die Zusammengehörigkeit und bewusst gelebte Solidarität einer Nation sich fast nur noch auf Fußball-Länderspiele beschränkt. Auf der anderen Seite gibt es jene, die das Potenzial der technischen Möglichkeiten nutzen und damit ungeahnte wirtschaftliche Chancen vorfinden, was die Bevölkerung auf Sicht weiter polarisiert und die Einkommensschere ohne politisches Zutun weiter auseinanderklaffen lässt.

 

Doch geht es und wirklich so schlecht, dass wir

  • zunehmend Populisten an die Macht wählen, anstelle das Etablierte und Bewährte zu reformieren?
  • unsere Rahmenbedingungen und Systeme geringschätzen, obwohl sie unter den Besten der Welt sind
  • oft pessimistisch und schicksalsergeben durchs Leben gehen, obwohl unsere eigenen Gestaltungsmöglichkeiten noch nie so groß waren?
  • uns vor der Zukunft zunehmend undifferenziert fürchten, obwohl wir großteils abgesichert und versichert sind?
  • die nach wie vor attraktiven Möglichkeiten der langfristigen Geldveranlagung außer Acht lassen, weil wir ständig Wirtschaftskrisen und Gefahren sehen?
  • die Vielfalt und die Schönheit des Lebens oft nicht erkennen, weil wir in unserem Alltag routinemäßig wie in einem (vermeintlichen) Käfig gefangen sind?

 

Wenn wir uns etwas Zeit nehmen, kommen wir beim Nachdenken über diese und ähnliche Fragen schnell drauf, dass viele unserer Sorgen objektiv nicht nötig wären und wir als Menschen mehr sind, als wir uns selbst erscheinen. Ohne Vertrauen in das eigene Handeln und in die Zukunft wird es schwer, unseren Lebensstandard zu behalten, da in anderen aufstrebenden Weltgegenden die dort noch vorhandene Motivation durch Konkurrenzsituationen zu einem wirtschaftlichen und sozialen Rückstand Europas führen kann.

 

Auch an den Finanzmärkten kann man es ablesen: Die Vermögen der Bevölkerung wachsen dort im Rahmen der Finanzanlage am wenigsten, wo Vertrauen in die Zukunft und das nachfolgende Ergreifen von langfristigen Chancen am geringsten ist. Die abschließende Frage lautet: Muss das so sein?

Hier können Sie den Verfasser gerne kontaktieren: peter.ladreiter@securitykag.at