Afrika: Der Kontinent der Hoffnungslosen und der dauernden Hilfsempfänger? Am Beispiel Kamerun

24. Okt 2018 | Blog

VON Sandrine Ngo Ngan

Vor etwa einem Monat bat man mich innerhalb einer nicht-öffentlichen Organisation, die sich für eine gerechte Welt einsetzt, als gebürtige Kamerunerin eine Stellungnahme zur globalen Zusammenarbeit mit Afrika abzugeben. Ein spannendes Thema, das allerdings schnell außer Kontrolle geraten kann. Meine Stellungnahme war aber nicht die einer rein-gebürtigen Kamerunerin, sondern einer deutsch-eingebürgerten Kamerunerin, die zwei Kulturkreise mit ihren Stärken und Schwächen gut kennt. Denn ich habe je die Hälfte meines bisherigen Lebens in Kamerun bzw. im deutschsprachigen Raum verbracht - mein deutschsprachiger Aufenthalt besteht aus 16 Jahren in Deutschland und drei Jahren in Österreich.


Ich muss immer wieder schmunzeln, wenn Afrika pauschal als „großes Land des Elends in der Ferne“ betrachtet wird, denn in Wahrheit haben wir es hier mit einem komplexen Kontinent zu tun, der aus vielen Ländern besteht. Und diese Länder unterscheiden sich stark voneinander. Bei meiner Präsentation sprach ich allerdings nicht von Afrika, sondern nur von meinem Geburtsland Kamerun. Allein innerhalb dieses einen Landes gibt es eine solche Vielfalt in jeder Hinsicht, dass für die wirtschaftlichen, politischen, gesellschaftlichen, religiösen und Bildungsangelegenheiten maßgeschneiderte Lösungen erforderlich sind. Ein globales Konzept wäre hier völlig fehl am Platz.


Ist mein Geburtsland ein hoffnungsloser und immerwährender Hilfsempfänger, der auf Fremdhilfsfonds angewiesen ist? Auch wenn es stimmt, dass (wie auch in anderen Ländern) einiges nicht besonders gut funktioniert, verdient es tatsächlich ein solches Klischee?


Ich bin in einem der vielfältigsten und reichsten Länder der Welt geboren: Kamerun bietet eine Vielfalt der Stämme (über 240), der Glaubenszugehörigkeiten (Christen, Muslime, Atheisten, Naturglaubende, usw.), der Sprachen, der Nahrung, des Wildes, der Naturressourcen, der Landschaften - und sogar der Bildung. Denn Kamerun hat aufgrund der Verwaltung unter Aufsicht durch Frankreich und Großbritannien nach dem Ende des ersten Weltkriegs bis 1960 zwei verschiedene Bildungssysteme. Diese werden in den Amtssprachen Französisch und Englisch ausgeführt und zugleich auch in Frankreich und Großbritannien anerkannt. Die Vielfalt Kameruns verschafft dem Land zu Recht die Bezeichnung als „Afrika in Miniatur“.


Drei der oben genannten Aspekte möchte ich besonders hervorheben: Religion, Nahrung und Naturressourcen. Warum? Weil diese drei Aspekte meiner Meinung nach Kamerun zu einem besonderen Land machen.


Kamerun ist eines der wenigen Länder, in dem sowohl die katholischen als auch die muslimischen Feiertage als gesetzliche Feiertage gleichgesetzt sind. Dies mag manchen Menschen heutzutage befremdlich oder gar unverständlich erscheinen, zeigt aber, dass es möglich ist durch Abneigung von extremen Meinungen Grundwerte der Glaubensfreiheit zu respektieren. Dieser Punkt bezweckt weder Kontroversenabsicht zu erwecken noch Nachahmung zu empfehlen. Es dient nur einfach als Bestätigung der Aussage des französischen Philosophen Jean-Baptiste Molière: „Vollkommene Vernunft ist nie extrem; sie will, dass man mit Maßen weise sei“. Diese Eigenschaft nenne ich den Reichtum der Toleranz!


Ist es überhaupt denkbar, dass Kamerun eine Nahrungsvielfalt besitzt, wenn man permanent Bilder von hungernden Kindern in afrikanischen Ländern in den Medien zu sehen bekommt? Kamerun war bis Ende der 1990er-Jahre Selbstversorger von Lebensmitteln und außerdem großer Exporteur in der Subregion Zentralafrika. Der Agrarsektor, der fast 25% des BIPs von Kamerun ausmacht, ist heute allerdings durch die Folgen von Landflucht und den Einfluss der Entwicklung nach Großstadtmaßstab stark gefährdet. Abgesehen vom Mangel an gründlichen Agrarreformen durch die Regierung ist es auch für die jüngere Generation uninteressant geworden, im Agrarsektor zu arbeiten. Fast jeder möchte lieber im Büro arbeiten oder Mini-Jobs in einer Großstadt annehmen.


Es hat mich schockiert zu lesen, dass mein Geburtsland Nahrungsmittel importiert, obwohl es Regenwälder, fruchtbare Böden, großes Tierzuchtpotential und drei Zugänge zum Atlantik hat. Nichtsdestotrotz hat Kamerun innerhalb der Wirtschaftsunion der Subregion Zentralafrika (CEMAC) die stärkste Wirtschaft (über 30% des BIP-Beitrages dieser Union).


Zum Schluss komme ich zu dem begehrtesten Schatz der Welt: den Naturressourcen, die leider ungenügend ausgeschöpft sind. In Kamerun zählen zu diesen Ressourcen beispielsweise Erdöl, Gas, Gummi, Holz, das umstrittene Palmöl, Kokosöl, Baumwolle, Kakao, Kaffee und vieles mehr.


Wo sind die Probleme zu finden? Sind es die korrupte Regierung, die falsche Verwaltung, die Folgen des Neo-Kolonialismus, die monetäre Abhängigkeit (Folgen von Banque de France gesteuerten Währungsunion FCFA), der Laxismus, die Mentalität, usw.?


Einige dieser Probleme sind zwar fremdbestimmt, aber ein Teil kann von Kamerunern gelöst werden. Das Land kann sich anders weiterentwickeln, indem sich jeder Bürger als wichtiger Bestandteil der Wertschöpfung betrachtet und erkennt. Ein Umdenken der jüngeren Generation ist gefragt. Geldzuschuss aus dem Ausland mit dem Ziel, die Entwicklung nach Maßstab der westlichen Länder voranzutreiben, ist unnötig, ja sogar kontraproduktiv. Einen Wissenstransfer und eine Sensibilisierung der Meinung braucht dieses Land, das ich trotz des unterschiedlichen Entwicklungsstands zu beispielsweise Deutschland oder Österreich immer wieder gern besuche.


Bezugnehmend auf Kamerun möchte ich die Frage des Beitragstitels also folgendermaßen beantworten: Kamerun wäre ein Hoffnungsloser und dauernder Hilfsempfänger, wenn das Land seine Bedürfnisse nach der maslowschen Bedürfnispyramide nicht schrittweise befriedigen oder nach seinen eigenen Bedarfsprioritäten nicht handeln würde. Braucht Kamerun einen Wohlstand nach westlichem Maß oder nach einem auf seine Bedürfnisse angepassten Maß?


Die Antwort überlasse ich jedem Leser, aber verweise auf die Gefahr einer blinden Meinungsbildung auf der Basis des von mir beliebten Zitats von René Descartes, französischer Philosoph: «Der gesunde Verstand ist die bestverteilte Sache der Welt.»

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