Gibt es tatsächlich Chancengleichheit in dieser Welt?

14. Nov 2018 | Blog

VON Sandrine Ngo Ngan

Fragen wir doch mal einen Österreicher, der noch nie in Frankreich war, ob er schon mal von der ESSEC Business School in Cergy-Pontoise (bei Paris) gehört hat. Höchstwahrscheinlich wird die Antwort Nein lauten. Für einen Franzosen unvorstellbar, dass sich die laut dem französischen Handels- und Wirtschaftshochschulranking von Le Figaro Étudiant 2018 zweitberühmteste Wirtschafts- und Handelshochschule in Frankreich außerhalb des Landes nicht unbedingt großer Bekanntheit erfreut.


Im Rahmen meines Doppeldiplomstudiums in International Business Deutsch-Französisch musste ich ein von den angebotenen Diplomen der ESSEC Business School absolvieren. Der Zugang zu solchen Hochschulen ist meist nur mit anspruchsvollen Aufnahmetests, ein- bis zweijährigen Vorbereitungskursen (sog. année préparatoire) und hohen finanziellen Aufwendungen möglich. Diese aufwendigen Verfahren sollen auch beweisen, dass die Aufgenommenen zu den Besten der Besten zur "la crème de la crème" gehören. Ich selbst bin aber ohne Aufnahmetest dorthin gelangt, weil es zu meinem normalen deutschen Studienverlauf gehörte.


Was für viele ein großer Traum wäre, war für mich nicht unbedingt ein Privileg. Denn solche privilegierten Hochschulen verstoßen gegen meine Vorstellung von Chancengleichheit. Es scheint in Frankreich Praxis zu sein, dass ein Abschluss oder mindestens der Besuch einer berühmten Hochschule mehr Türen öffnen würden als die Kompetenzen und Fähigkeiten des Bewerbers. Wo es für Studenten aus normalen Universitäten schwierig ist, ein Praktikum oder eine fixe Arbeitsstelle zu finden, liegen den Absolventen alleine dank des Namens einer berühmten Hochschule oft eine Vielzahl an Angeboten vor. Der britische Schriftsteller und Journalist Peter Gumbel hat sich gründlich mit dem französischen Elitenbildungssystem, das er als „Handicap“ bezeichnet, in einem Buch befasst: „Élite Academy – Enquête sur la France malade de ses grandes écoles“ (2013, Ed. Denoël). In einem Interview über das Thema in der Sendung „7 Jours en France“ vom 05.06.2015 bedauerte er, wie Frankreich im Gegensatz zu Großbritannien das Bildungssystem kaum in Frage gestellt hat. Vor mehr als 25 Jahren kamen ca. 70% der Unternehmenschefs in GB aus Oxford und Cambridge, heute sind es nur noch etwa 20%. In Frankreich hat sich laut seiner Aussage wenig getan. Im Zuge dieser Sendung wird klar, belegt nach Recherchen, dass 80% der Vorstände der einflussreichsten Unternehmen in Frankreich Absolventen von Eliteschulen sind.


Würden wir auf die Einhaltung der Chancengleichheit bestehen, sollte das Motto lauten: Jeder nach seinen Kompetenzen und Fähigkeiten, egal wo er den Abschluss gemacht hat. Leider wächst ein entgegengesetztes Phänomen heran, das sich nicht nur auf Frankreich sondern bis auf wenige Ausnahmen weltweit zunehmend ausbreitet. Heutzutage wird automatisch eine Verknüpfung zwischen Abschluss, Hochschule und Fähigkeiten hergestellt. Es geht in die Richtung, dass ein guter Abschluss brillante Fähigkeiten voraussetzen oder sogar ersetzen würde. Bildung mit möglichst sehr gutem Abschluss ist ohne Zweifel wichtig, aber sie alleine beweist nicht gleich Fähigkeiten und Kompetenzen, die man für Leben und Beruf braucht. Zusätzlich wird den Menschen vorgetäuscht, dass wir mehr Akademiker als pragmatische Facharbeiter und praktische Angestellte mit „nur“ einfachen abgeschlossenen Berufslehren brauchen.


Ist ein Agrartechniker nach der Lehre deshalb ein Nichtsnutz, weil er kein Studium an einer Ingenieurhochschule absolviert hat? Und ein Agraringenieur (in anderen Ländern, ist es einer der Agrarwissenschaft studiert hat), der sich nur auf die fachliche Theorie beschränkt und sein Wissen praktisch kaum umsetzen kann, ein edlerer Wertschöpfungsträger? Mein Vater war Agraringenieur. Er besaß privat einige Plantagen, wie es für Beschäftigte und Angestellte im Agrarbereich in Kamerun üblich ist. Diese wurden allerdings von eingestellten Arbeitern gepflegt, während er mehr als Beamter im höheren Dienst des Agrarministeriums mit Papierkram als auf grünem Feld beschäftigt war. Heute sehe ich aber viele, die sich für eine Lehre (Agrartechniker) im Gegensatz zum Studium in dem Bereich entschieden haben, die erfolgreicher sind als mein studierter Vater es je war.


Es gibt heftige Debatten über Chancengleichheit in Bezug auf Bildung und Beruf, aber diese scheinen sich auf die reinen Möglichkeiten der Berufswahl und Bildungswege zu beschränken. Die Pauschalisierungen, die durch diese verschiedenen Möglichkeiten entstanden sind, werden dabei nicht beachtet. Im Gegenteil wird beispielsweise ein Angestellter mit einem Diplomtitel in Österreich mehr respektiert als einer ohne Diplomtitel, auch wenn die beiden die gleichen Aufgaben erledigen.


Übrigens: Einen Teil meines erworbenen Doppelabschlusses habe ich erst in Österreich (und noch nicht in Deutschland) als Studiennachweis „zur Schau stellen“ müssen. In Deutschland wird automatisch davon ausgegangen, dass die Besetzung einer Position mit entsprechenden Kompetenzen und Qualifikationen übereinstimmen würde. Ein Hinweis auf einen Diplomtitel ist entbehrlich. In einem Artikel der Tiroler Tageszeitung vom 30.07.2017 „Österreich: Eine Flut von Titeln, alt und neu“ wies die Unternehmensberaterin Marielies Schwarz-Lux auf den großen Unterschied zwischen österreichischen und deutschen Bewerbern in Lebensläufen hin. Deutsche Bewerber würden demnach nur auf Anfrage den Nachweis eines abgeschlossen Studiums erbringen. Mein zweiter Abschluss scheint für den Kontext irrelevant zu sein und würde mir anscheinend als Absolventin einer privilegierten Hochschule bessere Berufschancen in Frankreich bieten. Während die einen dazu sagen: „Andere Kulturen, andere Sitten!“, nehmen andere die Umsetzung der Chancengleichheit kritisch unter die Lupe. Dies tut z.B. die OECD auf seine Art in einer umfassenden Studie über die Chancengleichheit in Bezug auf Bildung unter Einfluss sozio-ökonomischer Merkmale: „Equity in Education: Breaking down barriers to social mobility“ (OECD 2018). Die OECD empfiehlt teilnehmenden Ländern ernsthafte Maßnahmen für eine bessere Umsetzung der Chancengleichheit aufgrund der gravierenden Ergebnisunterschiede umzusetzen. Nach der OECD sollten aufsteigende Bildungs-, Berufs- und gesellschaftliche Perspektiven für alle Menschen (insbesondere Benachteiligte) unabhängig von sozio-ökonomischen Gegebenheiten gefördert werden. Stichwort: „Upward Social Mobility“.


Aufgrund dieser Beobachtungen stelle ich mir die Frage, was der Begriff Chancengleichheit im humanistischen Sinne (und nicht im rechtlichen) wirklich bedeutet. Ist es nur das Recht auf Bildung und freie Berufswahl oder viel mehr der Respekt der Bildungs- und Berufswahl einschließlich Würdigung der unterschiedlichen Menschenfähigkeiten? Es kann sich definitiv nicht um das Gleiche handeln, sonst würde man in unserer Gesellschaft nicht mehr den akademischen gegenüber dem berufsausbildenden Werdegang als hochgradig und menschenwürdiger schätzen, Eliteschulen als Quelle des besten Wissens einstufen oder letztendlich einen Titel den Fähigkeiten vorziehen.


Die Security KAG versucht, ihre Unternehmenskultur so zu gestalten, dass jeder Mitarbeiter seine Fähigkeiten optimal einsetzen kann und für diesen Einsatz auch entsprechende Wertschätzung und Anerkennung bekommt. Ein Beispiel dafür ist die Aufnahme von Stefan Winkler ins Vorstandsteam, der nach eigenen Erzählungen vor einigen Jahren eigentlich als Angestellter für leichte Aufgaben eingestellt worden war. Als weiteres Beispiel zählt die Leitung einiger Kernbereiche der Security KAG durch qualifizierte Mitarbeiter mit erworbenen Kompetenzen und Schlüsselqualifikationen, die sie allerdings nicht in einem akademischen Studium, sondern durch berufsausbildende Abschlüssen erworben haben. Solche Fälle sind zwar Ausnahmen, aber doch ein Zeichen der Veränderung und ein Hoffnungsträger für eine richtige, menschliche Chancengleichheit.

Hier können Sie den Verfasser gerne kontaktieren: sandrine.ngan@securitykag.at