Höflichkeit: Eine Frage der Familienerziehung oder der gesellschaftlichen Verantwortung?

02. Jan 2019 | Blog

VON Sandrine Ngo Ngan

Es gibt einen Spruch aus dem senegalesischen Märchenbuch „Les Contes d'Amadou Koumba“ des Autors Birago Diop, der besagt: „Alles, was aus dem Mund eines kleinen Mauren kommt, wurde unter dem Zelt gelernt“. Konkret ist das Benehmen eines Menschen das Erzeugnis seiner Familie. Entgegengesetzt fand der schweiz-französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau die Gesellschaft ausschließlich als verantwortlich für unser schlechtes Benehmen. Als Gesellschaft bezeichne ich die Kreise außerhalb der Familie (oder auch Pflegefamilien, Waisenhäuser, u.Ä.), die anhand von Fremdregelungen, Vorschriften und Gesetzen gesteuert werden. Laut Rousseau ist der Mensch von Natur aus gut und wird erst durch Kultur und Gesellschaft verdorben. Philosophieren ist aber nicht das Beitragsziel, sondern die Suche nach einem zuständigen Lehrer des Grundwertes „Höflichkeit“.


Reisende, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln und Flugzeug unterwegs sind, haben sicherlich bemerkt: häufig werden Leute darum gebeten, Rücksicht auf andere zu nehmen, beim Starten oder Landen angeschnallt zu bleiben, usw. Diese Regeln werden überall auf der Welt mittels Schildern, Plakaten oder über Durchsagen kenntlich gemacht. Leider gibt es immer Außenseiter, die damit nicht umgehen können.


Interessant ist z.B. am Flughafen zu beobachten, wie sich Passagiere vor Familien mit Kindern drängen; obwohl deutlich darauf hingewiesen wird, Rücksicht auf sie zu nehmen. Bei Landung wird nicht einmal auf die Stillstandposition der Maschine gewartet, aber schon das Handgepäckfach geöffnet.


Ist es nun wirklich so, wie Rousseau gemeint hat, dass diese Reisenden durch die Gesellschaft negativ beeinflusst wurden? Oder sind ihnen die Grundwerte vom Elternhaus nicht beigebracht worden, wie der senegalesische Spruch besagt?


Angesichts der Idee von Rousseau, der schlechte Gewohnheiten auf die kulturelle Ebene schiebt, stellt man sich die Frage, ob alle Passagiere, die sich daneben benehmen, im gleichen Kulturkreis aufgewachsen sind. Was überraschen würde.


Diese Beobachtungen führen dazu, dass man zur Familienerziehung als Quelle der angelernten Grundwerte wie z. B. Höflichkeit tendiert. Psychoanalytiker belegen, dass uns einige Dinge, die unsere Kindheit geprägt haben, lange verfolgen. Viele Verhaltensweisen spiegeln zum Großteil die kindliche Erziehung wider. Darauf bezieht sich das Zitat des englischen Dichters William Wordsworth: „Das Kind ist des Mannes Vater“, das von Sigmund Freud übernommen wurde. Freud meinte, dass der psychische Zustand eines kranken Menschen, auf seine Kindheit zurückzuführen ist. Abgeleitet, kann auch eine ausgewogene Psyche oder gute Manier das Ergebnis einer guten kindlichen Erziehung sein. Jedoch ist nicht abzustreiten, dass die Gesellschaft Menschenverhalten beeinflusst.


Primär ist und bleibt Höflichkeit aber ein Familiengut, das uns täglich begleitet und durch Einfluss der Gesellschaft (der gelebten Kultur, in der man sich bewegt, die nicht mit Abstammung zu verwechseln ist) aufgewertet oder abgewertet werden kann. Die gelebte Kultur wird geprägt von dem Land und der Stadt, wo man wohnt; der Umgebung der Schule oder Universität, die man besucht; der Branche, in der man arbeitet; dem Freundeskreis; Hobbies; Vereinen; Welttrends; usw. Anthropologen nennen es die „Adoptivkultur“, die jeden mit dem heutigen Gesellschaftswandel am meisten prägt.

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