Wandel des Wissens, Wandel der Gesellschaft

22. Feb 2019 | Blog

VON Stefan Winkler

Zum aktuellen Geburtstag von Hugo Portisch möchte ich mich einer Fertigkeit widmen, die dieser Mann für mich wie kaum ein anderer verkörpert. Die Gabe, Zusammenhänge zu verstehen und zu vermitteln. Neugier ist für ihn die wichtigste Triebfeder. Was wären wir auch ohne Neugier? Doch der Weg zum Wissen hat sich verändert. Er ist einfacher geworden und bequem wie nie zuvor. In meiner frühen Jugend waren Personen wie er die einzige Möglichkeit, die Mauer des Grundschulwissens zu durchbrechen. Zeiten ändern sich, manchmal auch zum Guten.

 

Wissen und Bildung sind nicht mehr an Ort und Zeit gebunden. So reizvoll Bibliotheken auch sind, Informationen können mittlerweile viel effizienter besorgt werden. Sie wollen eine Ausbildung machen? Gerne im Klassenzimmer, schneller geht es virtuell. In Österreich finden sich über 60 Hochschulen und Universitäten, die weitgehend flexible Abschlüsse anbieten. Doch auch wenn Sie nicht vorhaben, ihre Kenntnisse im Master-Studiengang aufzubessern, was können Sie mit ein paar wenigen Klicks im Netz in Erfahrung bringen? Lange ist es her, als man noch glaubte, Wikipedia könnte Brockhaus nicht das Wasser reichen. Zu oberflächlich? Ich muss gestehen, wenn ich ein gutes Buch haben möchte, beschaffe ich es mir in der Regel digital: in wenigen Minuten heruntergeladen, günstiger, stets griffbereit sowie papierschonend hergestellt. Und das, obwohl ich dem Reiz der Bücher kaum widerstehen kann.

 

Die digitale Welt öffnet die Tore bis tief hinein in das Wissen rund um diesen Planeten. Und zunehmend steht diese Welt allen Mitgliedern unserer Gesellschaft offen. Wenn meine Kinder heute Fragen stellen, können wir die Antwort gemeinsam anschaulich im WWW auf dem Tablet entdecken. In meiner Kindheit hing es davon ab, ob etwas im Lexikon zu finden war oder nicht.

 

Das verändert die Gesellschaft. Während diese bisher stark von einer hohen Dichte von Personen mit „vererbter“ Bildung geprägt war (damit meine ich das Phänomen, dass Kinder wohlsituierter gebildeter Eltern vermehrt selbst einen hohen Bildungsgrad aufweisen), drängt sich nun immer stärker die Schicht jener „Neugierigen“ in den Vordergrund, die das neue Informationsangebot zu nutzen weiß. Der hohe Informationsgehalt, die Möglichkeiten der Informationsdarbietung und die extrem kurzen Zugriffszeiten sprechen klar für die digitalen Möglichkeiten. Und ich meine noch etwas erkennen zu können. Wer es gewohnt ist, Wissen nicht nach vorgefertigten Lehrplänen zu erwerben, entwickelt zunehmend die Fertigkeit, Umwege im Lösen von Problemstellungen zu vermeiden. Die Lerngeschwindigkeit nimmt zu, Effizienzunterschiede im Arbeitsalltag nehmen zu. Das unterstützt das Auseinandergehen der Gehaltsschere und führt unweigerlich zur Frage, wie wir als Gesellschaft damit umgehen wollen. Dafür habe ich im Netz noch keine Antwort gefunden.

Hier können Sie den Verfasser gerne kontaktieren: stefan.winkler@securitykag.at