Wem gehört der Aktienmarkt?

31. Mai 2019 | Blog

VON Alfred Kober

Investieren sie doch in heimische Unternehmen! In dynamischen Zeiten wie diesen soll dieser Appell definitiv nicht als politische Ansage verstanden werden. Viel mehr ist es meine persönliche Überzeugung, dass dies durchaus ein sehr vernünftiger Weg ist, um die wesentlichsten Teile der Wertschöpfung im eigenen Land zu halten. Ist dabei eine bedingungslose Umsetzung die zu präferierende Gangart? – Wohl eher nicht. In einer internationalisierten und vernetzten Welt endet der Wettbewerb nicht an der Staatsgrenze. Mit diesem Faktum ist sowohl die Real- als auch die Finanzwirtschaft konfrontiert. Hier setzt der Preismechanismus ein, der sich aus dem Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage definiert, und der durch regulatorische/gesetzliche Vorgaben verzerrt und gesteuert werden kann. Auf der Suche nach attraktiven Renditen erfolgt eine kontinuierliche globale Verschiebung immenser Kapitalströme. Die Bedeutung geographischer Grenzen ist dabei in den letzten Jahrzehnten sukzessive geschwunden.


Aktien repräsentieren das verbriefte Eigentums-/Anteilsrecht an einem Unternehmen und in Kombination mit der mittlerweile stark globalisierten und digitalisierten Welt der Kapitalströme finde ich es zutiefst interessant, die Frage in den Raum zu stellen, wer nun die Aktionäre, die rechtmäßigen Eigentümer unserer Industrie- und Finanzperlen sind? Wenn auch Steuern, Gehälter und Löhne weitestgehend im Land des Unternehmenssitzes bezahlt werden, fließt ein doch nicht unwesentlicher Anteil der Wertschöpfung an den Investor, d.h. an den Eigentümer bzw. an den Fremdkapitalgeber. Was ersteren betrifft, hat mich das Ergebnis einer Untersuchung der Neuen Züricher Zeitung (gemeinsam mit der UBS) dann doch überrascht und mich unmittelbar dazu veranlasst, auch für den österreichischen Markt eine ähnliche Analyse anzustellen.


Gegenstand der Analyse waren dabei die größten 30 börsennotierten Unternehmen und deren Aktionärsstruktur. Wenngleich ich ob der Größe und der Internationalität dieser Unternehmen von einer breiten Aktionärsstreuung ausgegangen bin, setzte mich die geringe Quote von weniger als 18% der Aktien, die sich in „Schweizer Händen/Institutionen“ befinden, in Erstaunen. Von einem der wesentlichsten Komponenten der Wertschöpfung, nämlich vom Anteil der Eigenkapitalgeberseite, wird ein Großteil ans Ausland abgeliefert. Effizient und genau – wie ein Schweizer Uhrwerk – sehr brav.  Mit rd. 43% fließt dabei der größte Teil an US-Investoren, gefolgt von den knapp 18% Schweizer Aktionären. 8,5% geht an Luxemburg (vermutlich vorwiegend Investmentfonds), 6,5% an UK und rd. 6% an Norwegen. Im Falle Norwegen wirkt sicherlich das Engagement des Norwegischen Pensionsfonds, der mit einer Aktienquote von gegenwärtig knapp 70% weltweit zu den größten Aktieninvestoren zählt. Auch wir Österreicher arbeiten fleißig daran, um den Wohlstand unserer Norwegischen Freunde zu erhöhen. Diese haben erkannt, dass sich für eine langfristige reale Steigerung des Geldwertes Unternehmensbeteiligungen/Aktien sehr gut eignen. Warum sonst investiert der norwegische Pensionsfonds knapp 70% seines Vermögens von 9 Billionen NOK in Aktien. Gefühlt ist diese Erkenntnis hierzulande noch nicht in jedem politischen Lager angekommen – Es lebe das Umlageverfahren – Unsere Kinder werden uns dafür danken.


Zurückkommend auf die Aktionärsstruktur in der Schweiz zeigt der Artikel, dass der größte Anteil (76%) der gemeldeten Aktien Anlagegesellschaften zuzuordnen ist und dabei die beiden Pharmagrößen Novartis und Roche sowie der Nahrungsmittelkonzern Nestlé international die am breitesten diversifizierte Struktur aufweisen. Wie so oft, sticht die Dominanz von Investmentgesellschaften aus den USA hervor.


Nun, wie sieht die Aktionärsstruktur in Österreich aus? Steigt auch ihr Unbehagen? Bei der Beantwortung dieser Frage habe ich die verfügbaren Aktionärsdaten der Indexmitglieder im österreichischen Leitindex ATX herangezogen. Die verfügbaren Daten stammen dabei aus der Datenbank von Bloomberg per Ende Q1 2019 (Abbildung 1).


Abbildung 1: Aktionärsstruktur – Austrian Traded Index


Quelle: Bloomberg, Eigene Berechnung


Geographisch stellt sich die Aktionärsverteilung nicht ganz so globalisiert dar, wie bei den Schweizer Eidgenossen. Rund 42% der Aktien liegen in „Österreichischen Händen“, gefolgt von 22% an US-Investoren und jeweils 5,3% bei Aktionären aus Luxemburg und den Emiraten. Darüber hinaus halten spanische Aktionäre (vorwiegend über die Beteiligung an der Erste Group) sowie Investoren aus Norwegen einen erwähnenswerten Anteil am Gesamtmarkt. Der Rest ist eher breit und global gestreut.


Hinsichtlich einer Gruppierung nach der „Gattung“ des Investors zeigt sich definitiv eine ausgewogenere Struktur (Abbildung 2). Über ein Drittel der Unternehmensanteile im Index werden direkt von strategischen Investoren gehalten (13% Banken, 2% Versicherungen und 20% Unternehmensstrukturen). 4% liegen auf Stiftungsdepots und knapp 8% bei staatsnahen Pensionsfonds, während klassische Pensionsfonds 1% halten. 1,8% sind für Aktien-Beteiligungsprogramme reserviert. Privatinvestoren zeigen sich lediglich für 0,7% der Aktien verantwortlich. Deckungsgleich mit der Schweiz zeigt sich auch in Österreich die Gruppe der institutionellen Finanzinvestoren (z.B. Fondsgesellschaften) als die dominante Aktionärsgruppe.


Abbildung 2: Aktionärsstruktur nach Investorengattung


Quelle: Bloomberg, Eigene Berechnung


Mit diesem Blog wollte ich den Bogen vom Schweizer Beispiel nach Österreich spannen. Zudem soll der Inhalt veranschaulichen, wie weit die Globalisierung in unserer Wirtschaft, insbesondere am Kapitalmarkt, bereits fortgeschritten ist. Hinter den institutionellen Finanzinvestoren stehen ganz am Ende der Kette vielfach eben auch wieder Privatinvestoren, die ihr Vermögen investieren oder für die Pension ansparen.


So wie sich internationale Investoren am österreichischen Aktienmarkt engagieren, so sehr nutzen auch wir für unsere Investoren – vom privaten Fondsansparplan bis hin zur institutionellen Finanzmittelveranlagung – attraktive Möglichkeiten an den internationalen Börsen. Jegliche Art an Einschränkungen und auferlegten Hürden wären dabei dem Veranlagungserfolg wohl nicht dienlich.

Hier können Sie den Verfasser gerne kontaktieren: alfred.kober@securitykag.at