Indien

27. Jun 2019 | Blog

VON Günther Moosbauer

Es ist schon eine Weile her, aber einst löste sich Indien von der Kontinentalscholle der Antarktis und driftete in geologisch extrem kurzen 50 Millionen Jahren gegen die Eurasische Platte. Vermutlich um Columbus schon mal auf halbem Weg entgegen zu kommen. Das brachte bei Columbus aber nicht viel, er folgte seiner eigenen Interpretation der Kompassnadel. Ob es die indische Platte letztlich bereut hat den weiten Weg auf sich zu nehmen ist nicht überliefert.

 

Ging zunächst mit der Verbreitung des Buddhismus und Hinduismus ein wesentlicher kultureller Einfluss von Indien auf Zentral- und Ostasien aus, begann mit dem Mittelalter der Einzug der moslemischen Herrscher, deren Mogulreich weite Teile des heutigen Indiens umfasste. Mit Vasco da Gama begann die Okkupationswelle der Europäer, zunächst auf Handelsstützpunkte beschränkt, bis schließlich die Briten die alleinige Obermacht erlangten. Die Unabhängigkeitsbewegung mündete schließlich 1947 in eine Aufteilung in einen sekulären indischen Staat und der muslimischen Republik Pakistan, welche noch das heutige Bangladesch umfasste. Es folgten Vertreibungen von Millionen von Menschen auf beiden Seiten. Der Maharadscha von Kaschmir, der einer mehrheitlich muslimischen Bevölkerung vorstand, zögerte mit seiner Entscheidung und entschloss sich erst spät zum Beitritt zu Indien. Der Konflikt um Kaschmir schwelt bis heute.

 

Schätzungen zufolge wird Indien 2025 China als bevölkerungsreichsten Staat ablösen. Dieser Bevölkerungsanstieg resultiert aber nicht mehr auf einer besonders hohen Geburtenrate. Kamen 1971 auf eine Frau noch 5,2 Kinder, so waren es 2013 nur mehr 2,3 Kinder. Deutlich angestiegen ist in den letzten Jahrzehnten allerdings die Lebenserwartung, die aufgrund der verbesserten Gesundheitsversorgung die gesunkene Anzahl an Nachkommen überkompensiert.

 

Indiens Wirtschaftsform ist eine gelenkte Volkswirtschaft, die erst seit 1991 einen Deregulierungsprozess erfährt. Die Gründe hinter den nach wie vor schleppend verlaufenden Reformprogrammen sind auch darin zu sehen, dass es Indien in den vorliegenden Staatsgrenzen, in der es seit der Unabhängigkeit besteht, vorher nie gegeben hat und die indische Politik stets von einem drohenden Zerfall bestimmt war. Eine Identität zu einer gemeinsamen Staatszugehörigkeit hat sich erst langsam entwickelt. In Teilen der Wirtschaft hat das Wirtschaftswachstum zwar an westlichem Niveau angeschlossen, allen voran die IT-Branche, dies soll aber nicht darüber hinweg täuschen, dass der Industriesektor nur schwach entwickelt ist, bzw. noch von geschützten Staatsbetrieben dominiert wird.

 

Aktuell liegen das Wirtschaftswachstum bei etwa 7.3% und die Arbeitslosigkeit bei ca. 2.6%. Es gibt aber eine erhebliche Zahl an Arbeitslosen, die in keiner Statistik aufscheinen. Der informelle Sektor, also jener der nicht erfasst ist, nimmt in Indiens Wirtschaft einen hohen Teil ein. Ca. 30% der Bevölkerung leben von weniger als einem Dollar pro Tag. Unter den Frauen befindet sich jede vierte in einem Beschäftigungsverhältnis. Das Prokopfeinkommen liegt bei rund 2.000 Dollar. Im Vergleich dazu betragen jenes Österreichs 44.000 Dollar und das Chinas 8.600 Dollar. Das zukünftige Wirtschaftswachstum wird in einigen Studien ähnlich hoch vorhergesagt wie in China. Ein Grund dafür liegt auch in der Erwartung, dass eine gesellschaftliche Überalterung in Indien sehr viel später einsetzen wird. Für Mitte des Jahrhunderts wird Indien der Aufstieg zur drittgrößten Volkswirtschaft prognostiziert.

 

China spielt in Indiens Politik als regionaler Konkurrent eine große Rolle. Die indische Außenpolitik ist davon geprägt, denselben Rang wie China einzunehmen, als anerkannte Atommacht mit einem ständigen Sitz im Sicherheitsrat. Gegenwärtig plant Indien seine marinen Ressourcen im indischen Ozean auszubauen, um Handelswege mit den südostasiatischen Staaten zu stärken und der geplanten Seidenstraße und dem wachsenden Einfluss Chinas auf Indiens lokale Handelspartner etwas entgegenzuhalten.

 

Als wichtige wirtschaftliche Fortschritte für die Zukunft werden für Indien Investitionen in die vielfach veralteten Infrastrukturen gesehen, außerdem eine Fortsetzung seiner Liberalisierungsbestrebungen, die Reduzierung seines hohen Korruptionsniveaus, eine fortgesetzte Forcierung der Exportwirtschaft sowie eine Anhebung der Investitionen ausländischer Firmen.

 

Es gilt bei Experten als unwahrscheinlich, dass die Indische Platte wieder den Weg zurück in die Antarktis suchen wird. Bei rund 240.000 Toten im Straßenverkehr allein im Jahre 2013 denk ich aber, dass Indien vorher unbedingt seine Verkehrssicherheit noch besser in den Griff bringen sollte.

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