Agiert die europäische Zentralbank EZB noch frei nach ihrem Auftrag oder nimmt der politische Einfluss überhand?

17. Jul 2019 | Blog

VON Dieter Rom

Der Geschäftsauftrag der Europäischen Zentralbank (EZB) lautet:

Werterhalt der Währung und Preisstabilität.

 

Wurde dieser Auftrag in der Vergangenheit durchgeführt?

  • Zum Thema Preisstabilität existiert ein Inflationsziel von 2%, welches nicht oder nur marginal überschritten werden soll.
  • Zum Thema Werterhalt sollte die Kaufkraft der Währung bei vertretbarem Risiko in der Veranlagung erhalten bleiben.

 

Quelle: Bloomberg

 

  • Preisstabilität: Die durchschnittliche Inflation der Eurozone betrug im Zeitraum 03/1999 bis 06/2019 im Schnitt 1,7%, aktuell 1,2%. Das Ziel Preisstabilität ist erreicht worden.
  • Werterhalt: Der Zinssatz für 1-jährige und 5-jährige „risikofreie“ Anleihen hat bis zur Finanzkrise die Inflation übertroffen. Die 1-jährige und 5-jährige Veranlagungsrendite („risikofrei“) liegt aber seit dem Jahr 2010 leicht unter der Inflationsrate. Die Kluft zwischen 1 Jahreszinssatz und Inflation im Euroraum liegt inzwischen bei 1,60% - zu Spitzenzeiten bei 2,6%. D.h. Kriterium Werterhalt ist seit 2010 nicht mehr erfüllt.

 

EZB Chef Mario Draghi hat im Juni die Möglichkeit weiterer Zinssenkungen und auch ein mögliches Wiederaufleben des Quantitative Easing in den Raum gestellt. Dieser Schritt sieht wie ein Kniefall vor der italienischen Regierung aus, die ihre Staatsanleihen aufgrund fehlender Strukturmaßnahmen nur mehr zu sehr hohen Risikoprämien gegenüber den anderen Euroländern platzieren konnten.

 

Dieser negative Realzins ermöglicht Italien und in geringerem Umfang auch Frankreich ohne strukturelle Reformen ihre Staatschulden zu refinanzieren und möglicherweise auch leicht zu reduzieren. Im restlichen Europa sinken dadurch die Staatsschulden im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung. Die einzige wesentliche Einsparung erfolgt durch die sinkende Zinslast.

 

Enteignet wird wahrscheinlich vom Mittelstand abwärts. Die großen Vermögen sind tendenziell in Immobilien und Aktien (Unternehmensbeteiligungen) investiert (auch mit Leverage). Daher wird aus dieser Ecke b.a.w. kein Widerstand kommen.

 

Die EZB scheint hier Ihren Auftrag langsam zu verlassen und immer stärker im Dienste der Politik zu stehen. Dasselbe gilt für die US-Notenbank, die trotz eines Anstieges der Kerninflationsrate auf 2,1% (Ziel 2%) einen Zinsschritt nach unten (auf Druck von Präsident Trump) angekündigt hat.

 

Das neue Ziel ist Wachstum um jeden Preis und die „Entlastung“ der Politik bei notwendigen strukturellen Maßnahmen.

Hier können Sie den Verfasser gerne kontaktieren: dieter.rom@securitykag.at