Under Construction - Sommerzeit ist Baustellenzeit!

23. Jul 2019 | Blog

VON Stefan Donnerer

Kaum jemand dürfte derzeit nicht von einer Baustelle in irgendeiner Form betroffen sein, denn alleine in Graz gibt es aktuell rund 530 Sommerbaustellen. Von A wie Alte Poststraße bis Z wie Zweiglgasse leiden derzeit vor allem die Autofahrer unter zähem Verkehr und Umleitungen beim täglichen Weg zur Arbeit. Allerdings sind auch die Öffi-Fahrer zur Zeit stark betroffen, da am Grazer Hauptplatz aktuell die Straßenbahngleise erneuert werden. Das hat zur Folge, dass für mehr als 1.400 Straßenbahn-Fahrten, die täglich 300.000 Fahrgäste transportieren, ein Ersatzverkehr eingerichtet werden muss. Das Land Steiermark investiert in diesem Jahr ca. 10,4 Mio. EUR in die Erneuerung der Straßen in Graz und Graz-Umgebung.

 

Blickt man allerdings ein wenig über den geografischen Tellerrand, so stellen diese 10 Mio. EUR gar nicht mal eine Nachkommastelle dar. Anbei eine kleine Auswahl aktuell laufender Großbauprojekte in Europa:

 

London Crossrail Project (London, England)
Kosten: Ca. 20,5 Mrd. EUR
Geplante Fertigstellung: 2019/20 bzw. ungewiss

 

In London wird derzeit an einem der größten Eisenbahnprojekte Europas gearbeitet – der neuen Elizabeth-Linie. Das Herzstück dieses Bauvorhaben ist, welches zukünftig den Flughafen London-Heathrow mit dem Bankenviertel Canary Wharf verbinden soll, der ca. 21,6 km lange Tunnel, der das Stadtzentrum von West nach Ost durchquert. Dadurch werden 40 neue Stationen dem bereits umfangreichen Londoner U-Bahn-Netz hinzugefügt.

 

Ziel ist es, die Fahrtzeit von Paddington nach Canary-Wharf von 25 auf 17 Minuten zu reduzieren. Zudem ist geplant, die jährliche Anzahl der Passagiere um 10 Prozent zu erhöhen, was einer Anzahl von insgesamt 200 Mio. transportierten Fahrgästen entspricht. Die Stadt London erhofft sich durch dieses gigantische Projekt eine Steigerung der Wirtschaftsleistung um 42 Mrd. Pfund (ca. 46,75 Mrd. EUR). Die Fertigstellung des Projektes, das im Jahre 2009 startete, erfolgt in zwei Phasen, wovon die erste Phase voraussichtlich 2019/20 abgeschlossen wird.


Europa City (Paris, Frankreich)
Kosten: Ca. 3 Mrd. EUR
Geplante Fertigstellung: 2024

 

20 km nördlich von Paris entsteht derzeit auf knapp 80 Hektar ein riesiges Einkaufs- und Freizeitzentrum. Es ist ein Gemeinschaftsprojekt der französischen Immobiliengesellschaft Immochan und der chinesischen Investmentgesellschaft Dalian Wanda und ist somit das größte französische privat finanzierte Bauprojekt seit Disneyland, welches vor ca. 27 Jahren fertiggestellt und auch nicht für seinen wirtschaftlichen Erfolg berühmt wurde.

 

Geplant sind in der Europa City die Eröffnung von mehr als 500 Geschäften, mehreren tausend Hotelzimmer, Konzertsäle, ein Erlebnisbad und sogar eine Skihalle. Durch eine neue U-Bahn-Anbindung erhoffen sich die Investoren jährliche Besucherzahlen von über 30 Millionen Gästen. Das ambitionierte Projekt hat schon eine Vielzahl von Kritikern hervorgerufen, die an dieser kleinen „Retorten-Stadt“ keinen Gefallen gefunden haben. Es wird vor allem der Umstand bemängelt, dass dieses Bauvorhaben auf Ackerland umgesetzt wird, welches somit nicht mehr landwirtschaftlich genutzt werden kann. Dennoch lassen sich die Verantwortlichen von diesem Projekt nicht abbringen, welches bis zu 17.500 Arbeitsplätze in der von Arbeitslosigkeit geplagten Region bringen könnte.


Northvolt Gigafactory (Skellefteå & Västerås, Schweden)
Kosten: Ca. 4,2 Mrd. EUR
Geplante Fertigstellung: 2024

 

Rund 800 km nördlich von Stockholm soll Europas größte Fabrik für Lithium-Ionen-Zellen und Elektroauto-Batteriepacks entstehen. Der Auftraggeber: Ein kleines schwedisches Start-Up namens Northvolt, welches von zwei ehemaligen Tesla-Führungskräften gegründet wurde. Als Partner für dieses Vorhaben haben sich bereits mitunter Volkswagen, Opel und Siemens gefunden. Ziel ist es, eine europäische Batterie-Allianz zu bilden, um den Branchenprimus Tesla den Kampf anzusagen.

 

Die Fabrik soll in Skellefteå entstehen, da dort ideale Rahmenbedingungen zur Herstellung leistungsfähiger Akkus herrschen. Zum einen gibt es in der Region billige, erneuerbare Energie und zum anderen können auch dort die notwendigen Ressourcen wie Nickel, Kobalt und Lithium gewonnen werden.

 

Der Plan ist, dass mit Ende 2023 die Kapazität der Fabrik rund 32 Gigawattstunden (GWh) betragen und somit gleich leistungsfähig wie die von Tesla geplante Gigafactory in Nevada sein soll. Diese Leistung würde genügen, um 650.000 Autos mit einer 50- Kilowattstunden-Batterie (Batterie mittlerer Größe) auszustatten. Derzeit stammt ein Großteil der in Autos verbauten Akkus von Firmen wie Panasonic, LG Chem und CATL aus China. Allerdings ist der Transport der rund 600 kg schweren Batterien ineffizient und teuer und so ist der Plan der Europäischen Union zukünftig durch Förderprogramme Batteriewerke in Europa zu attraktiveren, damit zukünftig jede dritte Auto-Batterie in EU-Ländern hergestellt wird.


Hinkley Point C (Bridgwater, England)
Kosten: Ca. 27,3 Mrd. EUR
Geplante Fertigstellung: 2025

 

Das teuerste Kraftwerk aller Zeiten wird derzeit im Südosten von England fertiggestellt. Dabei handelt es sich um die Erweiterung eines bereits bestehenden Atomkraftwerkes um zwei Reaktoren. Die Kosten bzw. Projektverantwortung tragen dabei der chinesische Staatskonzern China General Nuclear Power Group und der französische Konzern EDF (83% des Konzerns ist im Eigentum Frankreichs).

 

Da das Projekt an sich für die beiden Konzerne gar nicht rentabel war, musste der Bau von Großbritannien mit über 100 Mrd. EUR durch garantierte Stromabnahmepreise subventioniert werden. Die damalige Regierung rund um Cameron garantierte den Bauherren eine 35-jährige garantierte Einspeisevergütung plus jährliche Inflationsanpassung, was dazu führte, dass der Strom aus diesem Kraftwerk bereits im Jahr 2013 das Doppelte des durchschnittlichen englischen Strompreises kostete. 

 

Dieses Bauprojekt gilt auch gleichzeitig als Paradebeispiel, wie politische und wirtschaftliche Machtkämpfe ein Bauvorhaben sabotieren können. Dies führte dazu, dass das Vorhaben sowohl das Budget als auch den Zeitplan um das Dreifache überstieg. Selbst die österreichische Politik hat in diesem Baudrama eine Rolle gespielt. Werner Faymann hatte im Jahr 2015 eine Klage beim Europäischen Gerichtshof eingebracht, die verhindern sollte, dass der teure Kraftwerksausbau mitunter durch Steuermittel finanziert werden soll. Diese Klage wurde jedoch 2018 abgewiesen.

 

Laut aktuellem Stand ist noch immer nicht klar, wann dieses Bauprojekt fertiggestellt wird und ob jemals die zwei zusätzlichen Kernreaktoren überhaupt einsatzfähig sein werden. Welche Auswirkungen der Brexit auf das Projekt haben wird ist ebenfalls ungewiss.

 

Auch wenn diese irrwitzigen Zahlen einem die eigene Wartezeit bei der täglichen Baustelle nicht verringern werden, so hoffe ich doch, dass diese Bauvorhaben sinnvoll sind und den eigenen Weg in die Arbeit zukünftig verbessern.

Hier können Sie den Verfasser gerne kontaktieren: stefan.donnerer@securitykag.at