Produziere und die Handelsbedingungen bestimme ich! – Unglücklich trotz braunem Gold!

27. Aug 2019 | Blog

VON Sandrine Ngo Ngan

Das Wort „Schokolade“ lässt bei vielen das Wasser im Mund zusammenlaufen. Es ist Symbol für süßen Geschmack, ein Nervenberuhiger oder ein Präsent in der Liebe. Für die zwei größten Kakaoproduzenten der Welt, nämlich Côte d´Ivoire (Elfenbeinküste) und Ghana, hat Schokolade eine bittere Seite und wird mit Ausbeutung und Armut verknüpft. Die Elfenbeinküste und Ghana haben einen Anteil von über 60% der Gesamtkakao-Weltproduktion. Mit einem Anteil über 40% ist die Elfenbeinküste der größte Kakao-Produzent der Welt, wie auf der folgenden Tabelle ersichtlich ist.

 

Abbildung 1: Kakao-Weltproduktion

Quelle: ICCO International Cocoa Organization – Stand 02/2019

 

Kakao wird an den New Yorker und Londoner Börsen gehandelt. Am 12.06.2019 gaben die Elfenbeinküste und Ghana bekannt, einen Mindestpreis von 2600 USD/Tonne Kakao für den Absatz von 2020-2021 verlangen sowie den Absatz der Ernte bis zur Einigung mit den Abnehmern sperren zu wollen. Diese Maßnahmen wurden ergriffen, um die Armut der Kakaobauern zu bekämpfen und gleichzeitig eine Lösung für das Ende der Kinderarbeit auf Kakaoplantagen zu finden. Die USA setzen sich für den Kampf gegen die Kinderarbeit auf den Kakaoplantagen ein und üben seit 20 Jahren Druck auf die Elfenbeinküste aus. Der nächste denkbare Schritt wäre angeblich Kakaoprodukte sowie Schokoladeimporte aus der Elfbeinküste in die USA zu verbieten - laut einer Behauptung der Washington Post in einem Artikel vom 07.08.2019. Aber die Kinderarbeit als alleiniges dringendes Problem zu behandeln, wäre zu kurz gegriffen. Unfaire Praktiken wie Kinderarbeit sind nur eine Folge von prekären Lohn- und Arbeitsbedingungen der Bauern. Aufgrund der niedrigen Löhne der Kakaobauern in beiden Ländern sind einige kleine Bauern auf die Hilfe ihrer Kinder angewiesen und schaffen es kaum, ihre Kinder zur Schule zu schicken.

 

Der Kakaomarkt wird von der Nachfrage der internationalen Schokoladeindustrie gesteuert. Diese Industrie wächst schneller als die Kakaoproduktion und beklagt sich trotzdem über den harten Wettbewerb, der durch den Preisdruck von Discountern entstanden ist. Dies scheint auch als Grund für die miserablen Angebotspreise gegenüber den Kakaobauern angegeben zu werden. Fakt ist aber, dass die Marge der führenden Schokoladehersteller unabhängig von den Kakaopreisschwankungen weiterhin wächst. Zur Bewältigung der Kakaoplagen empfehlen einige Experten mehr Fair-Trade-Zertifikate, die jedoch mit Skepsis betrachtet werden. Viele kleine Bauern können sich kaum die Aufnahmegebühr für das Fair-Trade-Siegel leisten und Kontrollmechanismen gegen unfaire Praktiken im Wald sind oft unwirksam. Verschärfte Gesetze kämen auch als effiziente Lösung in Frage. Desweiteren müsste man die Verarbeitung von Kakao in diesen Ländern fördern und die internationalen Abnehmer zu einer anteilig signifikanten örtlichen Verarbeitung verpflichten, damit die Kakaoproduzenten von dem kaltblütigen Nachfragedruck nicht ausgepresst werden. Mangels geeigneter Infrastrukturen und Technologien wird der Kakao nach der Ernte zum Teil der internationalen Schokoladeindustrie überlassen. Im Falle der lokalen Verarbeitung wird der Großteil exportiert. Dies führt dazu, dass Schokolade oft ein Luxusgut für einheimische Bauern ist, die zur unteren Schicht der Bevölkerung der produzierenden Länder gehören. Wie die unabhängige Journalistin Amandine Réaux in einem Artikel vom 02.07.2018 „Côte d'Ivoire: au pays du cacao, on ne mange pas de chocolat“ (Im Land des Kakaos isst man keine Schokolade) schreibt: „Während ein Einwohner der Elfenbeinküste durchschnittlich 50 Gramm im Jahr konsumiert, liegt der jährliche durchschnittliche Schokoladenkonsum eines Belgiers bei 8 Kilogramm.“

 

Der am 12.06.2019 zwischen der Elfenbeinküste und Ghana gefasste Beschluss wurde leider am 16.07.2019 wieder aufgehoben. Beide Länder konnten die meisten ihrer Forderungen nicht durchsetzen, bekommen aber einen Verlustausgleich, falls der Kakaokurs unter 2600 USD/Tonne liegt. Um die Armut der Kakaobauern und die Kinderarbeit zu bekämpfen, braucht man mehr als einen Mindestpreis. Eine perfekte Lösung gibt es leider nicht, weil die Probleme zu komplex sind. Eine weltweite Kartellbildung aller Kakaoproduzenten ist denkbar, aber die Hürde ist, dass Kakaobohnen, abgesehen von den sensiblen Aufbewahrungsbedingungen bei nicht Verarbeitung, für die Produzenten keinen Nutzen für den Privatkonsum wie Mais oder Reis darstellen. Eine staatliche Subventionierung der Kakaobauern, die es bereits in einigen Ländern gibt, ist dauerhaft gefährlich für die Wirtschaft, weil Staatsausgaben zunehmen und diese Maßnahme sich auf die Steuerzahler später zurückschlägt.

 

Der kleine Beitrag, den Schokokonsumenten beitragen können, ist ihren Konsum bewusster, qualitativ und preislich anspruchsvoller zu gestalten. Ein Vorzug von Fair-Trade Kakaoprodukten wird trotz vermutlicher Kontrollmängel empfohlen. Einem Teil der Bauern würde schon damit geholfen sein. Schokolade und Kaffee sind zwei begehrte Genussmittel in Industrieländern; leider verbinden wenige Konsumenten auch ein Interesse daran, wie diese beiden Produkte auf den Tisch landen. In Industrieländern verbrauchen Menschen oft weit mehr als sie für ihre Bedürfnisse benötigen. Dieser Überkonsum hat einen Schneeballeffekt, der meistens in Gesellschaften mit Überfluss unterschätzt wird: Umwelt und natürliche Ressourcen werden zerstört. Aufgrund des Wettbewerbsdrucks und der Gewinnmaximierung werden zusätzlich Arbeits- und Menschenrechte bei der Herstellung von Gütern in manchen Ländern verletzt. Ganz auf Schokolade oder Kaffee zu verzichten ist utopisch und sogar irrsinnig, aber brauchen wir wirklich übermäßig viele Süßigkeiten oder 10 Tassen Kaffee am Tag?

Hier können Sie den Verfasser gerne kontaktieren: sandrine.ngan@securitykag.at