„BECOMING - Meine Geschichte“ - Die lesenswerte Autobiographie einer bemerkenswerten Frau

01. Okt 2019 | Blog

VON Christina Kirisits

Das Weihnachtsgeschenk eines guten Freundes war mit dessen begeisterten Empfehlungen verbunden und machte mich dementsprechend neugierig und erwartungsvoll: „Becoming – Meine Geschichte“, die Autobiographie von Michelle Obama. Dazu muss ich vorausschicken, dass ich Autobiographien grundsätzlich etwas skeptisch gegenüberstehe, weil sie sich tendenziell entweder durch unerträgliche Selbstbeweihräucherung oder durch genauso anstrengende, geheuchelte, schonungslose „Offenheit“ auszeichnen.

 

Das Buch ist in 3 Abschnitte unterteilt: Im ersten „Becoming Me“ beschreibt Michelle Obama ihre Kindheit und Jugend in South Shore im Süden von Chicago, die Geborgenheit in der Familie und im Wohnviertel, die sanfte Motivation  und Vorbildwirkung ihrer Eltern, das unkomplizierte warme Verhältnis zu ihrem Bruder und die perfektionistische, sture Tante, an deren Klavierunterricht sich die kleine, ebenso sture Michelle die Zähne ausbeißt. Es ist eine Umgebung des Pflichtbewusstseins und unermüdlichen Arbeitens, weil es sein muss bzw. weil man es nicht anders kennt. Das prägt Michelle ungemein. Dazu kommen noch ihre Zielstrebigkeit und ihr Wissensdurst. Das Streben nach Perfektionismus dominiert ihre gesamte Schul- und Studienzeit, verstärkt natürlich durch das Faktum, eine junge afroamerikanische Frau zu sein, der man bei der Studienberatung herablassend mitteilt, dass sie wahrscheinlich nicht zum „Material“ für Princeton zählen würde. Schlussendlich sind es Abschlüsse in Princeton und Harvard geworden und eine erste Anstellung bei einer renommierten Anwaltskanzlei in Chicago. Dort lernt sie Barack Obama kennen, den sie zuerst als Mentorin betreut und durch dessen Unbekümmertheit, die trotzdem nicht an Ernsthaftigkeit fehlen lässt, erstmals lernt, das sich selbst auferlegte Tempo zurückzunehmen.

 

Im 2. Teil „Becoming Us“ schildert Michelle Obama die Entwicklung ihrer Beziehung zu Barack und wie sie seine eigene Kombination aus Intellektualität und Charisma, Zielstrebigkeit und einer gewissen lässigen Zuversicht faszinierte und veränderte, so wie auch viele Amerikaner in weiterer Folge. Sein sozialer Einsatz veranlasste sie, ihre Tätigkeit in der Anwaltskanzlei zu überdenken, in die Stadtverwaltung Chicagos zu wechseln und verschiedene politische und soziale Projekte zu leiten. Das politische Engagement Barack Obamas im Laufe der folgenden Jahre im Senat von Illinois prägt immer mehr das Leben der inzwischen verheirateten Workaholics. Michelle beschreibt selbstkritisch die täglichen Herausforderungen für sie beide, v.a. dann auch als Eltern zweier Töchter, aber speziell für sie selbst, die durch den Präsidentschaftswahlkampf 2007 und die beiden folgenden Präsidentschaften noch getoppt werden sollten.

 

In „Becoming more“ nimmt die Autorin den Leser mit in alle Höhen und (Un-)Tiefen der Politik - im Allgemeinen und der amerikanischen im Speziellen - die sich wie so oft durch Extreme im Positiven wie im Negativen auszeichnet. Auch wenn Michelle Obama die Präsidentschaft ihres Mannes an manchen Stellen im Verhältnis zu der sonst dargestellten Ehrlichkeit (siehe Einleitung) aus meiner Sicht etwas zu unkritisch beschreibt (z.B. den Tötungsbefehl für Osama Bin Laden) und die Bilanz seiner Amtszeit etwas zu euphorisch, so sind doch insgesamt die Authentizität und die aufrichtigen Bemühungen zu spüren, die die Obamas auch während der Präsidentschaft vermittelt haben. Dazu liest sich auch der 24-Stunden-Balanceakt als First Lady sehr spannend, den sie zwischen Zurückhaltung und Engagement, Prinzipien und Pragmatismus bzw. manchmal Resignation, Öffentlichkeit und (de facto nicht vorhandener bzw. hart erkämpfter) Privatsphäre, Arbeit und Familie, mit dem ihr eigenen unerschütterlichen Optimismus meistert.

 

Abgesehen von Michelle Obamas per se schon interessantem Werdegang sind es vor allem auch ihre genauen Beschreibungen, die das Buch lesenswert machen: die Lebensumstände der afroamerikanischen Mittelschicht, die Entwicklung der verschiedenen Stadtviertel von Chicago, die für uns Europäer zum Teil recht sonderbar anmutende amerikanische Wahlkampfprozedur - die erste Vorwahl in Iowa liest sich wie ein Krimi. Dieses Buch hat für mich jedenfalls das Selbstverständnis der Politik von Barack Obama und seiner Frau sehr gut dargestellt. Sie haben das vertreten, wovon sie überzeugt waren. Außerdem lernt man, die aktuellen gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse in den USA mit all ihren Widersprüchen besser zu verstehen, warum aus amerikanischer Sicht die Zeit bis zu einem gewissen Grad reif für einen Donald Trump war, genauso wie davor für einen Barack Obama. Michelle Obama fasst es so zusammen: „Ich liebe mein Land für all die vielen Arten, auf die man seine Geschichte erzählen kann.“

 

Und last but not least ist es doch ein ziemlich aufrichtiges Bekenntnis einer berufstätigen Frau und Mutter, die versucht, nicht mehr alles perfekt, aber trotzdem so gut wie möglich zu schaffen, ohne sich selbst aufzugeben. Um noch einmal Michelle Obama zu zitieren: „Für mich geht es beim „Werden“ nicht darum, irgendwo anzukommen oder ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Ich sehe es vielmehr als Vorwärtsbewegung, als Mittel der Entfaltung, als Weg des ständigen Strebens nach einem besseren Ich. Diese Reise endet nicht.“

 

 

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