Quo vadis, AUSTRIA?

15. Nov 2019 | Blog

VON Stefan Winkler

Das Fußball Nationalteam hat sich aus der Minikrise befreit und die Frührente von Marcel Hirscher scheint durch das spektakuläre Form-Hoch von Dominik Thiem bestens kompensiert zu werden. Koalitionsverhandlungen stehen auch noch an - einem unterhaltsamen Jahresausklang steht also nichts mehr im Wege. Was mir trotzdem fehlt ist das, was in anderen Ländern eine Selbstverständlichkeit zu sein scheint. Der Blick über die nächsten Jahre hinaus.

 

Was ich meine? Norwegen etwa hat hohe Klimaziel - für ein Erdöl exportierendes Land eine spannende Entscheidung. Noch dazu wird dieses Land vermutlich gar nicht so viele Probleme im Falle weiterer Temperaturanstiege aufweisen. Finnland ist auch auf den Zug aufgesprungen, mit äußerst ambitionierten Ideen. Beeindruckender finde ich aber den finnischen Ansatz im Bildungswesen, ich berichtete bereits darüber. Ganz allgemein fällt auf, dass nicht nur große Länder oder Gesellschaften ihre Zukunft nach eigener Façon zu gestalten im Stande sind. Und wir?

 

Technologieführer werden wir wohl nicht mehr werden, zumindest nicht außerhalb von Nischen. Die QS World University Rankings 2019, bei der wie im Vorjahr die US-amerikanischen Universitäten MIT (Massachusetts Institute of Technology), Stanford University und Harvard University die Spitzenpositionen einnehmen, bescheinigen deutschsprachigen und insbesondere österreichischen Universitäten nur durchschnittliche Qualität. In den Top 20 finden sich sechszehn Unis aus den Vereinigten Staaten oder aus Großbritannien, drei aus dem asiatischen Bereich (Singapur und China) und eine – die ETH Zürich – aus Kontinentaleuropa. Diese Schwäche lässt sich in Einzelfällen kompensieren, einige österreichische Unternehmen zeigen Weltmarktführerschaft. Doch allzu oft ist das darauf zurückzuführen, dass diese bewusst die Ausbildung der Mitarbeiter in die eigene Hand genommen haben. Das klappt im kleineren Rahmen, beginnend beim an die Hand nehmen vom Lehrling in der Werkstätte, bis zu leistungsstarken Kooperationen mit universitären Infrastrukturen. Leoben mit seiner Montanuniversität ist nur ein Beispiel.

 

Anders, deutlich besser, sieht es aus, wenn wir Österreich als Urlaubsdestination betrachten. Die teils spektakuläre Landschaft, gute Infrastruktur und ein guter Ruf bilden vielerorts solide wirtschaftliche Basen. Manch abgelegene Gemeinde, deren Tourismus boomt, würde ohne mutige strategische Entscheidungen und Investments in der Vergangenheit heute von Abwanderung und Tristesse bedroht sein. Doch auch hier kommen entscheidende Impulse meist aus kleineren regionalen Strukturen.

 

Böte aktuell nicht zum Beispiel die Klimadebatte ideale Möglichkeiten, auf hohen umwelttechnischen und ethischen Standards basierende Wettbewerbsnachteile in Österreich abzubauen? Maßnahmen wären nun denkbar, die im In- oder Ausland nur schwer kritisierbar wären. Oder erinnern Sie sich noch an Europas Dilemma im Zusammenhang mit dem zugedrehten Gashahn in der Ukraine? In Teilen der EU reichten die Gasreserven nicht mehr aus. Es zeigte, wie stark wir von dieser Ressource und von Russland abhängig sind. Mir fällt auf, mit welch vergleichbarer Sanftheit wir uns populären Thema widmen. Es wird sehr stark auf Freiwilligkeit, Meinungs- und Anreizbildung gesetzt. Das ist einerseits verständlich, weil es kaum aneckt und sich gut vermarkten lässt. Dass damit kaum etwas bewirkt wird, ist aber die andere Sache. Und dass damit möglicherweise die Gunst der Stunde verschenkt wird auch. Die Politik war nicht immer so zaghaft. Ich kann mich noch gut an das Problem des Ozonlochs zurückerinnern. Dem identifizierten Hauptverursacher FCKW wurde mit einer angemessenen Geduld, aber entschlossen der Kampf angesagt. Davor passierten für uns noch wichtigere Entscheidungen. Man denke etwa an die Etablierung der Sozialpartnerschaft, die seit der Nachkriegszeit bis heute einen in Summe respektvollen Umgang zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber sichert. Verfassung, allgemeines Wahlrecht – wären solche Veränderungen heute noch möglich? Was haben wir geschafft? Glühbirnen verboten? Das war zwar angesichts deren Beliebtheit auch mutig und strategisch, doch wird das reichen?

 

Wir, gemeinsam mit ganz Europa, haben den arabischen Frühling verschlafen. Wir verschlafen auch den Klimawandel. Zudem scheint uns der Gedanke nicht allzu stark zu quälen, dass Know-how-Führerschaft in vielen Bereichen bereits verloren gegangen ist bzw. droht, verloren zu gehen. Für die wichtigen Entscheidungen steht oft nur ein kurzes Zeitfenster offen. Und wir sollten nicht vergessen: Keine Entscheidung ist auch eine Entscheidung!

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