Italienische Sardinen - mehr als nur Fische?

06. Dez 2019 | Blog

Vor rund einem Jahr war die Situation in Italien dramatisch vorgezeichnet: EU-kritische Politik, kombiniert mit einer strengen Einwanderungspolitik und lascher Budgetdisziplin, war politisch in Mode. Das Staatsbudget lief aufgrund kurzfristiger und teurer politischer Versprechen aus dem Ruder und damit haben nicht mehr viele auf Italien gesetzt. Doch in einer unerwarteten und bemerkenswerten Entwicklung der Ereignisse wurden die damaligen Protagonisten der Macht durch eigene Fehleinschätzung und Überschätzung von der Bühne des Geschehens gespült - zumindest die rechtsgerichtete Lega sah sich ja davor schon als Alleinherrscher, bedingt durch ein mehrheitsfreundliches Wahlsystem und die Erzwingung eines Urnengangs schien das geeignetste Mittel der Wahl zur Erweiterung der eigenen Machtfülle.

 

Doch die politischen Gegner reagierten anders, geschickt und besonnen und schmiedeten eine unerwartete Allianz aus 5 Sterne-Bewegung und der linksgerichteten Demokratischen Partei Italiens, was zur parlamentarischen Mehrheit in beiden Kammern reichte. Doch die Lega wusste weiterhin die relative Mehrheit des Volkes hinter sich und es schien nur eine Frage der Zeit, bis die neugebildete Regierung in alter italienischer Tradition zerfallen sollte. Heftiges publikumswirksames Agieren des Parteichefs Salvini im Vorfeld wichtiger Regionalwahlen bis heute ist die Folge und im Zuge dessen geschieht plötzlich das Unerwartete und eigentlich Unfassbare.

 

In einer Spontanidee rief der zuvor völlig unbekannte Mattia Santori per sozialer Medien zu einem stillen Protest als Gegenpol zu den emotionalen Auftritten Salvinis auf, mit dem Ziel, in einer friedlich abgehaltenen Versammlung wie Sardinen Seite an Seite bekannte Stadtplätze mit mehr Teilnehmern zu füllen als bei den gleichzeitig in der Nähe stattfindenden Auftritten Salvinis anwesend sind.

 

Dieses Ziel wurde bisher spektakulär erreicht und damit ist in Italien mit den "Sardinen" praktisch über Nacht eine ernstzunehmende Bewegung entstanden, welche (vorerst) noch nicht politisch organisiert ist. Doch möglicherweise entsteht gerade eine Bewegung, die das Potenzial hat, die stimmenmäßig kollabierende 5 Sterne-Bewegung nahtlos zu ersetzen und damit für mehr Stabilität und Berechenbarkeit in der italienischen Parteienlandschaft zu sorgen.

 

Der Vollständigkeit halber soll erwähnt werden, dass sich seit dem Zerbrechen der alten Regierung und dem damit verbundenen Machtverlust Salvinis die Einstufung Italiens seitens der Finanzinvestoren dramatisch verbessert hat - die Renditen italienischer Staatsanleihen fielen von ursprünglich über 3% zeitweise sogar unter 1% und stabilisieren sich derzeit auf niedrigem Niveau. Selbst wenn noch keine nennenswerten wirtschaftspolitischen Glanztaten durch die derzeitige EU-freundliche Regierung sichtbar sind, so reicht es vorerst, dieses schöne Land an unserer Südseite zunächst einmal aus den Schlagzeilen zu bringen und die Polarisierung der Bevölkerung im Land zu reduzieren. Genau diesen Vorgang hat das Land verdient und die rasante Vermehrung der "Sardinen" stimmt mich optimistisch, dass Italien langsam zu Ruhe kommt.