Informationsglaubwürdigkeit

03. Jan 2020 | Blog

VON Sandrine Ngo Ngan

Ist eine gesellschaftliche SOX-Erweiterung in den USA bald erforderlich?

Laut dem deutschen Universal-Wörterbuch „Duden“ (8te Auflage) ist alles glaubwürdig was: „als wahr, richtig, zuverlässig erscheinend und so der Glauben daran rechtfertigend“ ist. Die Vernunft fordert einen vorsichtigen Umgang, wenn eine Information nicht bewiesen ist. Heutzutage scheint leider auch einiges als glaubwürdig angenommen zu werden, das ohne verlässlichen Beweis veröffentlicht oder gesagt wird. Informieren bedeutet in manchen Fällen nicht unbedingt die Wahrheit ans Licht bringen, Menschen versuchen für das eigene Interesse zu manipulieren. In einigen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens nimmt das Phänomen deutlich zu. In einigen Ländern mit hochqualitativen gewarteten statistischen Daten und wissenschaftlich fortgeschrittenem Know-how werden ab und zu Aussagen und Behauptungen wie nach einem Besuch beim Wahrsager gemacht, statt greifbare, glaubwürdige und nützliche Belege zu liefern. Zum Thema hatte sich schon der griechische Philosoph Sokrates (400 Jahre v. Chr.) mit der Frage der Informationsglaubwürdigkeit beschäftigt. Mit der Anekdote der drei Siebe hat er definiert, welche Eigenschaften eine Information enthalten soll: Wahrheit – Güte – Notwendigkeit. Diese drei Eigenschaften implizieren Transparenz, Schutz, Suche nach Wohlergehen und Vermeidung von Schadenszufügung durch böse Absichten.


Zahlenjongleure der USA, die diese drei Eigenschaften der Information vergessen haben, können beispielhaft die daraus folgenden Konsequenzen hautnah spüren. Das Anleger-/ Gläubigerschutzprinzip, das einen hohen Stellenwert in der Finanzwelt hat, könnte analog als „Sieb der Finanzdaten“ angenommen werden. Einige Menschen können sich noch an die erschütternden Finanzskandale von Enron mit der Verstrickung der Prüfungsgesellschaft Arthur Andersen, WorldCom, usw. in der USA in den Jahren 2000-2001 erinnert. Um die Verlässlichkeit von Finanzdaten zu garantieren und im Namen des Gläubigerschutzprinzips, wurde das historische Gesetz „The Sarbanes Oxley Act of 2002“ (SOX oder SOA) am 25. Juli 2002 vom Kongress verabschiedet und am 30. Juli 2002 von Präsident George W. Bush unterzeichnet. Dieses US-Bundesgesetz, das bis heute gültig ist, sollte einen Raum für mehr Transparenz schaffen, den Kampf gegen Wirtschaftskriminalität effizient steigern, eine deutliche Verbesserung des Sinns von Corporate Governance erweitern sowie die Unabhängigkeit der Prüfungsgesellschaften sichern. SOX gibt nicht nur die Möglichkeit, bei allen Unternehmen (inkl. ausländische Unternehmen), die den öffentlichen Kapitalmarkt der USA in Anspruch nehmen oder anstreben, Finanzverbrechen zu bekämpfen, sondern auch eine verschärfte Anwendung des existierenden Whistleblowingverfahrens zu nutzen sowie eine deutliche Schutzregelung für Whistleblower zu gewährleisten.


Der revolutionäre Fortschritt betrifft die Informationsveröffentlichung und dessen Haftung mit „Section 302“ (SOX 302). SOX 302 verlangt von Chief Executive Officer (Vorstand/Geschäftsführer) und des Chief Financial Officer (Leiter der Finanzabteilung), die Bestätigung über die wahrheitsgemäße Erfassung und Vollständigkeit von Financial Reports. Ein Verstoß gegen SOX 302 wird unter SOX 906 geregelt. Dieser Paragraph beinhaltet Sanktionen, wie Bußgeld bis zu 5 Mio. USD und/oder eine Freiheitsstrafe bis zu 20 Jahren. Mit der Verabschiedung von SOX und dessen sukzessiver Umsetzung ließ die Vollstreckung von SOX 906 aufgrund des Ausmaßes der überwältigenden Kriminalitätsfälle von Enron und WorldCom nicht auf sich warten. Enron Ex-Chef und Gründer Kenneth Lay, der eine lebenslange Haftstrafe riskierte, starb an Herzinfarkt vor Urteilsverkündung seiner Strafe und der ehemalige Vorstand Jeffrey Skilling wurde zu 24 Jahren Haft verurteilt (die Strafe wurde zu 14 Jahren im Jahr 2013 gekürzt). Bernard Ebbers, Ex-Vorstandschef von Worldcom, wurde zu 25 Jahren verurteilt.


SOX kam gerade als richtiges Kampfmittel gegen das Dschungelgesetz, das am amerikanischen Finanzmarkt herrschte. Skrupellos und in die eigene Tasche wirtschaften, schien das Motto zu sein. In der heutigen Zeit der Fake News, wo sich zwei Drittel der Amerikaner laut einer Kurzsendung von Arte „USA: FAKE NEWS zum Broterwerb“ von 2018 hauptsächlich von Informationen aus den sozialen Netzwerken, besonders Facebook, etc. zu ernähren scheinen, bezwecken auch dessen Herausgeber lukrative und nutzbringende Vorteile ohne schlechtes Gewissen. Auf Berufung des Grundrechtes der Meinungsfreiheit (durch das First Amendment der Verfassung der Vereinigten Staaten uneingeschränkt garantiert) scheinen Desinformation und Informationsmanipulation einen günstigen Nährboden in der amerikanischen Gesellschaft gefunden zu haben. Sich auf ein risikoreiches Abenteuer auf Kosten der Menschen zu begeben, scheint keine Meisteraufgabe zu sein, die Zahlenjongleure allein beherrschen.


Ich bin keine Befürworterin von freiheitsraubenden Maßnahmen, jedoch befürchte ich eine hoffnungslose Lage, die sich grenzüberschreitend rasant verbreitet, in der Menschen immer mehr durch falsche Informationen in die Irre geführt werden, wenn nichts unternommen wird. Konzepte, wie SOX auf einige Bereiche der amerikanischen Gesellschaft zu übertragen, wäre kein erfreuliches Ereignis, aber könnte sich langsam als notwendig erweisen. Der Grund ist einfach: das Wort „Gläubiger“, das sich nur auf Geldgeber, Investoren oder Anleger beschränkt, könnte sich meiner Meinung nach auf jeden Menschen, der eine gerechtfertigte Forderung gegenüber uns erwartet, erstrecken. Somit wären z.B. Schüler Gläubiger von Lehrern, Wähler von Politikern, Leser von Journalisten und Schriftstellern, Patienten von Ärzten, usw. Von einem Land, das vorbildlich keine Finanzdatenfälscher zu begnadigen scheinen mag, würde man einen signifikanten Rückgang von Zirkusszenarien im Bereich des öffentlichen Lebens, Lügen und Diffamierung zwecks Wählerstimmen sowie wissenschaftliche und journalistische Behauptungen ohne nachgewiesene Basis erwarten. Leider illusorisch, aber eine Diskrepanz, die vielleicht auch zu der Fassade des Landes aller Möglichkeiten gehört?

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