Zweckoptimismus ist keine Veranlagungsstrategie!

17. Apr 2020 | Blog

VON Stefan Kogler

Diejenigen unter uns, die das Glück hatten, keinen Krieg miterleben zu müssen (glücklicherweise zähle ich auch dazu), werden die vergangenen Wochen wohl als die befremdlichsten ihres bisherigen Lebens empfinden. Mir geht es jedenfalls so. Das „normale“ Leben wurde innerhalb kürzester Zeit auf den Kopf gestellt, Home-Office und Homeschooling, Ausgangsbeschränkungen und der Verzicht auf soziale Kontakte gehören zur Tagesordnung. All jenen, die in den vergangenen Wochen trotz aller Einschränkungen ihre Arbeitsstätten in Graz aufsuchen konnten, mussten am Weg zur Arbeit das Gefühl gehabt haben, sich in einer Geisterstadt zu befinden.


Wir alle haben miterleben müssen, wie kräftig die Corona-Krise den Kapitalmärkten zugesetzt hat. Europäische Aktienindizes haben seit Jahresanfang 25% oder mehr an Wert verloren, der ATX gar nahezu 40%, der amerikanische Aktienmarkt rund 15%, die Risikoaufschläge im Zinsbereich haben sich deutlich erhöht, Financial Senior Bonds von rund 50 Basispunkten auf rund 100 Basispunkte über dem risikolosen Zinssatz. Bei europäischen Corporate Bonds sieht das Bild nicht viel besser aus, das High Yield Segment dehnte sich von rund 200 Basispunkten auf zwischenzeitlich 700 Basispunkte aus, um sich bei etwas unter 500 Basispunkten zurzeit einzupendeln. Die Volatilitäten sind von ca. 15% auf über 80% angestiegen und befinden sich derzeit mit 40% auf hohem Niveau.


Kurz nach Ende der steirischen Semesterferien, somit zu Beginn der Krise, habe ich mich mit zwei Kollegen auf einen Kaffee getroffen, wir haben uns unter anderem über die hohe Wahrscheinlichkeit einer drohenden Rezession aufgrund der Krise und über Zweckoptimismus, der von vielen Managern gebetsmühlenartig vorgetragen wird, unterhalten. Die Aktienmärkte waren zu diesem Zeitpunkt schon auf Talfahrt, das gesamte negative Ausmaß kennen wir.


In meinem Beitrag zu einem Jahrbuch der Security KAG habe ich 2016 über Asset Allokation, die Wichtigkeit der Kenntnis von Komponenten, wie dem Zusammenspiel von aktivem und passivem Cash-Flow, Risikoappetit oder Eigenkapitalhinterlegung geschrieben. Ich bin nach wie vor, um nicht zu sagen stärker denn je der Überzeugung, dass die beste Veranlagungsstrategie eine stabile strategische Asset Allokation ist, welche langfristig ausgelegt und an die Risikotragfähigkeit des Investors (institutionell oder privat) angepasst ist.


Auch wenn die derzeitigen Herausforderungen an die Gesellschaft sicherlich gewaltig sind, bin ich der Meinung, dass sich durch krisenhafte Szenarien auch Möglichkeiten für die Zukunft ergeben können (als Vermögensveranlager möchte ich an dieser Stelle den Cost Average Effekt in Erinnerung rufen). Zweckoptimismus ist sicherlich keine Veranlagungsstrategie, aber in der aktuellen Situation, in der wir immer wieder hören: „Wir schaffen das!“, gibt er dem einen oder anderen von uns vielleicht ein wenig Hoffnung oder zumindest ein positives Gefühl.


In diesem Sinn wünsche ich allen Zuversicht und viel Gesundheit für die kommenden Wochen und Monate!

Hier können Sie den Verfasser gerne kontaktieren: stefan.kogler@grawe.at