Das Kräfteverhältnis hat sich weiter verschoben

29. Apr 2020 | Blog

VON Daniel Kupfner

Seit dem Beginn der Corona-Pandemie liest man des Öfteren, dass die Krise sichtbare Spuren in unserem Verhalten und Gewohnheiten mit sich bringen wird bzw. dies auch bereits getan hat. Es haben sich beispielsweise Begrüßungsrituale geändert, das Lernen wurde von der Schulbank in Richtung eigener Wohnung transferiert und auch Geschäftstermine finden nun in virtuellen Räumen statt. Einige dieser notgedrungenen Adaptierungen haben sicherlich das Potential, auch nach der Krise dauerhaft von Nutzen und Bestand zu sein. Aber welche Branchen und Sektoren sind hier die Nutznießer und für welche Geschäftsbereiche besteht die Gefahr, ins Hintertreffen zu geraten?


Die Börse wird häufig als Prädiktor und Vorlaufindikator für die Realwirtschaft verstanden, was in Zeiten der massiven Geldschwemme seitens der Notenbanken jedoch nur mehr bedingt zutreffend ist. Anhand der Zusammensetzung des MSCI World Index, welcher sich aus Aktien der über 1600 größten Unternehmen der Welt (Industriestaaten) zusammensetzt, kann man aber zumindest einige Trends ablesen. Da der Index kapitalgewichtet ist, gewinnen Aktien, welche in der Gunst der Anleger stehen, innerhalb des Index stärker an Gewicht. Somit lässt die sektorale Veränderung des Index über einen gewissen Zeitraum auch Rückschlüsse darüber zu, in welche Branchen seitens der Anleger verstärkt investiert wurde bzw. welche Bereiche zukünftig vom Markt als besonders attraktiv angesehen werden.


Dazu habe ich, wie in Abbildung 1 ersichtlich, die Sektorengewichtung des MSCI-World per 27.12.2018 mit den Daten per 27.04.2020 gegenübergestellt und verglichen. Zu den größten Gewinnern zählen hier die Sektoren IT und Gesundheitswesen, die größten Rückgange in der Indexgewichtung, mussten der Energie- und der Finanzsektor hinnehmen.


Abbildung 1: Vergleich der Sektorengewichtung des MSCI-Word


Quelle: Eigene Darstellung, Daten: Bloomberg


Dieser Trend wurde in den letzten Wochen durch die Coronakrise noch verstärkt. Gerade im IT-Bereich ist das nicht weiter verwunderlich, da diverse Anbieter von Streamingdiensten, Onlineservices, usw. mittlerweile von Rekord zu Rekord springen. Der Energiesektor ist unterdessen nicht erst seit dem massiven Ölpreisverfall stark unter Druck. Das Geschäftsmodell vieler Unternehmen aus diesem Sektor ist schlicht und einfach nicht zukunftstauglich und mit den immer höher werdenden Nachhaltigkeitsansprüchen vieler Investoren nicht mehr vereinbar.


Neben der sektoralen Verschiebung Richtung Tech-Unternehmen, ist auch eine regionale Veränderung der Marktkapitalisierung hin zu den USA zu bemerken. Während der kapitalgewichtete Anteil von US-Firmen am MSCI-World vor 10 Jahren noch bei ca. 50% lag, beträgt dieser mittlerweile satte 65%. Auch hier gibt es einen starken Bezug zu den Sektoren, da die größten IT-Firmen der Welt nun mal in den USA beheimatet sind. Während sich chinesische Firmen aus dem Technologie- und IT-Sektor ebenfalls bereits global breit machen und Marktanteile generieren, gerät Europa zunehmend ins Hintertreffen. Hier bedarf es seitens der EU und auch der jeweiligen nationalen Mitgliedsländer massiver Anstrengungen und Investitionen, um langfristig nicht gänzlich den Anschluss zu verlieren.

 

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