Was kostet ein Menschenleben?

15. Mai 2020 | Blog

VON Martin Seitinger

Dieser zugegebenermaßen etwas reißerisch anmutende Titel meines heutigen Blogs führt auf drastische Weise vor Augen, welche Fragen und Probleme die Corona-Pandemie aufgeworfen und akut gemacht hat. Ohne Anspruch darauf, diese zu beantworten, möchte ich einige davon im Folgenden andiskutieren.

 

Von Versicherungen und Gerichtsurteilen kennen wir, dass dem menschlichen Leben ein bestimmter monetärer Wert beigemessen wird. Indirekt wurde dies nun auch von der Regierung gemacht, indem Maßnahmen und Erlässe verordnet wurden, die überfüllte Spitäler und damit einhergehende Triage und ein Massensterben in Einrichtung für alte Menschen vermeiden und somit Leben retten sollten. Mit drohenden (und wie sich herausgestellt hat, völlig unplausiblen und überzogenen) Zahlen – von 100.000 Toten war gar die Rede – wurde Angst geschürt, ebenso wie mit der Aussicht, dass jeder jemanden kennen würde, der an COVID-19 verstorben sein würde. Die Krisenkommunikation der Regierung soll an anderer Stelle diskutiert werden, hier möchte ich mich mit einem in der Philosophie altbekannten Dilemma beschäftigen, nämlich dem Wert menschlichen Lebens.


Inspiriert durch einen Standard-Artikel vom März dieses Jahres habe ich mich mit verschiedenen Theorien und Thesen beschäftigt, die ich Ihnen hier kurz präsentieren will. Mir geht es dabei keineswegs darum, diese zu bewerten oder aufgeworfene Fragen zu beantworten, sondern darum, einen kleinen Denkanstoß zu geben. John Rawls hat 1971 in seinem Werk „A Theory of Justice“ das Gedankenspiel des „Schleier des Nichtwissens“ präsentiert: Man stelle sich vor, man wisse weder wie alt, gesund, welchen Geschlechts man sei, in welchem Land man lebe, welche Charaktereigenschaften man besäße usw. – welche Gesellschaftsform würde man unter solchen Umständen wählen bzw. herstellen? Nach Rawls eine Form, in der möglichst alle Menschen gleiche Rechte haben. Werden Entscheidungen unter Unsicherheit (wozu der Schleier des Nichtwissens gehört) gefällt, kommt bei ihm die Maximin-Regel zur Anwendung: Es wird also die Alternative gewählt, deren schlechtmögliches Ergebnis besser ist als das jeder anderen. Dies kombiniert Rawls mit der Pareto-Optimalität, wonach ein Zustand nur dann optimal ist, wenn man ihn nicht so abändern kann, dass mindestens ein Mensch besser dasteht, ohne dass irgendjemand schlechter dasteht. Vor diesen Überlegungen lassen sich die strikten Maßnahmen der Regierung gewissermaßen rechtfertigen.


Bezeichnend ist, dass in Artikel 1 der UN-Menschenrechtskonvention sowie in Artikel 1 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland dezidiert auf die Würde des Menschen verwiesen wird. Schon Immanuel Kant hat darauf verwiesen, dass Menschen nie als Mittel zum Zweck behandelt werden dürfen, weshalb es im Umkehrschluss auch nicht zulässig sei, die verletzlichsten Mitglieder unserer Gesellschaft zu „opfern“, nur damit die Jungen und Gesunden weiterhin ungetrübt ihren Freizeitinteressen nachgehen können und die Wirtschaft prosperiert. Jedoch ist die Würde des Menschen ebenso angetastet, wenn, so wie beispielsweise während des rezenten Lockdowns in Österreich, Menschen isoliert bzw. abgeschottet werden und in Krankenhäusern einsam sterben. Gerade in Seniorenwohnheimen gestaltet sich die Lage der Bewohner und Bewohnerinnen häufig als prekär. Um diese zu schützen, wurden zunächst Besuchsverbote erlassen, was insofern nachvollziehbar war, als ältere Menschen (oft mit Vorerkrankung) besonders gefährdet sind. Dass die Menschen teilweise aber tatsächlich eingesperrt wurden, also vor verschlossenen Abteilungs- und Ausgangstüren standen oder nach Arztbesuchen unter Quarantäne gestellt wurden, grenzt an eine Menschenrechtsverletzung. Im Ö1-Morgenjournal vom 14. Mai sowie im Falter (19/20) wurde über solche Praxen berichtet, auch ich habe eine Bewohnerin eines Seniorenwohnheims im Bekanntenkreis, die an Demenz leidet, sieben Wochen komplett abgeschottet wurde und nicht verstehen konnte, was mit ihr passierte. Erwiesenermaßen führt Vereinsamung und Isolation zu einer Verschlechterung der psychischen Gesundheit, die sich wiederum auf die Physis auswirken kann, dies ist gerade bei Demenzerkrankten besonders dramatisch. Um die Menschen vor COVID-19 zu schützen, wird deren sozialer Tod in Kauf genommen. Teil der Erklärung für die Handhabe der Situation ist wie immer der Personalmangel im Pflegebereich, der mit Blick auf demographische Daten ja keineswegs überraschend über uns gekommen ist.


Es zeigt sich also rasch, wie komplex dieses Thema ist und wie viele Unwägbarkeiten damit verbunden sind. Kollektive, individuelle Bedürfnisse, Grundfreiheiten, Interessen von Wirtschaft und Medizin prallen aufeinander. Das alles unter einen Hut zu bringen, scheint schier unmöglich. Für eine kurze Zeit lässt sich die Wirtschaft staatlich stützen, wenn jedoch das gesamte System gegen die Wand gefahren wird, entsteht an anderer Stelle Gefahr für Menschenleben: Armut, Arbeitslosigkeit, Überschuldung, Einsamkeit, Ausweglosigkeit. Hier könnte man übrigens den Utilitarismus zu Rate ziehen: „The greatest happiness for the greatest number“ forderten schon in 19. Jahrhundert Jeremy Bentham und John Stuart Mill. Demnach wählte man Maßnahmen, die in Kauf nehmen würden, dass Einzelne, um das Wohlbefinden der Mehrheit zu fördern, auf der Strecke blieben. Dies hätte aktuell wohl die Folge, dass sich mehr Menschen mit dem Coronavirus infiziert hätten und folglich auch mehr durch COVID-19 verursachte Todesfälle zu verzeichnen gewesen wären. Zeitgleich würden sich wohl die wirtschaftliche Weiterentwicklung sowie die Zunahme an Wohlstand in keiner so großen Gefahr befinden. Ein gänzlich anderer Standpunkt wird beispielsweise im Libertarismus vertreten. Hier ist die Freiheit das höchste Gut, was in weiterer Folge heißt: Keine Steuern oder Maßnahmen, keinerlei Einschränkung durch die Regierung (allerdings auch keine Hilfspakete o. Ä.), also das absolute Maximum an Freiheit für die Bürger und Bürgerinnen. Dies wirft natürlich große Gräben innerhalb der Gesellschaft auf – die Kluft zwischen Arm und Reich wird so extrem, dass langfristig kein Mittelstand mehr besteht. Das geltende Prinzip ist „the winner takes it all“.


Fest steht, dass wir derzeit noch weit davon entfernt sind, die tatsächlichen Folgen des Lockdowns beurteilen zu können. Allerdings ist nur schwer vorstellbar, dass bei einem neuerlichen Anstieg der Infektionszahlen dieselben Maßnahmen neu in Kraft gesetzt werden können. Wenngleich es zweifelsohne nicht den einen „richtigen“ Weg im Umgang mit der Pandemie gibt, hätten die verschiedenen Regierungen dennoch besser managen können, dass sowohl die Spitäler entlastet und den Menschen keine solchen psychischen Belastungen aufgebürdet gewesen wären, als auch die nachhaltige Schädigung der Wirtschaft geringer gehalten worden wäre. So wäre nach der Krise nicht zuletzt auch eine langfristige, umweltfreundlichere Gesamtausrichtung leichter umsetzbar gewesen.

Hier können Sie den Verfasser gerne kontaktieren: martin.seitinger@securitykag.at