Das größte globale Wirtschaftsexperiment: "Koste es, was es wolle ..."

19. Jun 2020 | Blog

VON Peter Ladreiter

... unter diesem Motto werden aktuell in den Hartwährungsländern des Westens keine Mittel gescheut, um den massiven wirtschaftlichen Einbrüchen entgegen zu wirken, die als Folge der COVID-19 Pandemie entstanden sind. Noch weiß niemand, wer für die Rückzahlung der beispiellos hohen Mittel sorgen wird und die Frage scheint sich derzeit auch kaum jemand zu stellen. Denn offensichtlich lässt es sich mit hohen (Staats-)Schulden sehr gut leben, wie viele Beispiele weltweit belegen. Selbst die USA haben sich in den letzten Jahren auch ohne Krisenanlass stetig verschuldet und die Staatschuldenlast wird dort zu Jahresende wohl weit über 100 % der Wirtschaftsleistung liegen. Italien, Griechenland und vor allem Japan liegen noch weit höher, ohne derzeit vom Markt dafür bestraft zu werden.

 

Woher kommt die neue Gelassenheit? Offensichtlich rechtfertigt die COVID-19 Krise den Einsatz jeglicher Mittel, wobei damit gleichzeitig auch Versäumnisse der Vergangenheit verdeckt werden. Europa hat mit dem jüngsten gemeinschaftlichen Beihilfenpaket zwar die Finanzmärkte beruhigt, jedoch auch eine Schuldenunion über die Hintertür gebilligt. Und damit sind in der Folge auch national in Europa die Hemmschwellen gesunken, um auch die eigene Bevölkerung am Geldsegen teilhaben zu lassen. Österreich lässt sich das bis zu 50 Milliarden € kosten, Deutschland entsprechend der Bevölkerungszahl deutlich mehr....

 

Warum reagieren die Märkte nicht mit hohen Risikoaufschlägen? Das liegt vorwiegend an den Aktivitäten der Notenbanken weltweit, welche die neu aufgenommenen Schulden (=emittierte Staatsanleihen) mit (gedrucktem) Geld aufkaufen. Dadurch wird eine gigantische künstliche Nachfrage erzeugt, welche die Anleihen zu den derzeitig hohen Kursen (=niedrigen Renditen) vom Markt nimmt.

 

Gibt es auch Nebenwirkungen dieser Geldflut? Volkswirtschaftlich müsste es schon seit langem eine erhöhte Inflation geben, denn der gedruckten Geldmenge stehen keine geschaffenen Wirtschaftsgüter gegenüber. Jedoch ist die Inflation bereits nach den Jahren 2008/2009, wo anlässlich der damaligen Krise auch die Geldschleusen geöffnet wurden, ausgeblieben, sodass man dies auch diesmal hofft. Derzeit ist von Geldentwertung keine Spur, der Wert liegt weit unter den angestrebten 2 % im komfortablen Bereich.

 

Es ist allzu verständlich, dass man in Anbetracht der scheinbar fehlenden Nachteile des Prinzips "Koste es, was es wolle" bis zum Letzten ausreizt und tatsächlich besteht bei einem Zinssatz nahe Null in den Hartwährungen keine Sorge, dass man in absehbarer Zeit unter der Schuldenlast zusammenbricht. Wir wissen aber nicht, welche langfristigen Auswirkungen sich ergeben und ob man das (Finanz-) Wirtschaftssystem damit in Zukunft nicht noch krisenanfälliger macht. Zudem begibt man sich vollends in die Abhängigkeit der Notenbanken und ist langfristig von deren Wirken abhängig. Gleichzeitig verbleibt die Verzinsung auf risikofreie Anlagen (inklusive Sparbücher) dauerhaft nahe Null, das ist vielleicht der größte Kollateralschaden für die breite Bevölkerung. Wir haben uns damit von einer Geld- und Fiskalpolitik leiten lassen, die man künftig kaum mehr rückgängig machen kann. Welche Chancen gibt es? Für Europa vor allem die Möglichkeit, strukturelle wettbewerbshemmende Schwächen zu beheben, die Effizienz der Verwaltung in den einzelnen Staaten zu verbessern und vor allem unsere Wirtschaft mehr auf Technologie und Digitalisierung auszurichten.

 

Letztendlich wird aber auch der weitere Verlauf der COVID-19 Pandemie und unser Umgang damit entscheidend sein, ob die eingesetzten Mittel verpuffen oder ob wir diesmal wirklich aktive und intelligente Wirtschafts- und Gesundheitspolitik betrieben haben und damit den Wohlstand auch für künftige Generationen sicherstellen. 

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