Ist die wirtschaftswissenschaftliche Praxis im Wandel?

11. Sep 2020 | Blog

VON Stefan Winkler

Ungeachtet der Entwicklung internationaler Aktien und Anleihen, die im groben Mittel wieder die Stände zu Jahresbeginn aufweisen, ist die Veränderung im globalen Finanzsystem nicht zu übersehen. Mit den nun dominierenden Akteuren Staat und Notenbank ist ein neues Regelwerk eingekehrt, das dem langjährig dominierenden freien Spiel der Kräfte einen neuen Stempel aufdrückt. Das Schreckgespenst des Neoliberalismus (in seiner gängigen Interpretation), scheint derzeit die Zügel in der Hand zu haben. Ob und in welchem Ausmaß die immensen öffentlichen Wirtschaftshilfen notwendige strukturelle Bereinigungen eindämmen, muss sich noch zeigen. Fix ist aber, wir befinden uns in einem groß angelegten Experiment.

 

In meinen rund 20 Berufsjahren und auch die Jahre zuvor war das aber kaum anders. Die treibenden Kräfte der globalen Wirtschaft haben sich geändert, nicht aber die Grundmuster der Wirtschaftspolitik. Immer wieder wurde versucht, aus dem eigenen, durch wissenschaftliche Paradigmen gestützte Verständnis, passende Maßnahmen für die Stabilisierung und Prosperität der Wirtschaftsentwicklung abzuleiten. Doch auf welcher Basis? Gibt es diese Episteme, diese grundlegende Einsicht überhaupt? Darüber waren sich schon vor über 2.500 Jahren Platon und Aristoteles uneins, als moderner Mensch sollte man das aber wohl eher bezweifeln.

 

Das Muster scheint sich aber zu verändern. Kaum mehr Grundsatzdiskussionen, keine öffentlichkeitswirksamen Richtungsstreits. Ich bin gespannt, ob und wann im wissenschaftlichen Diskurs die fiskalpolitischen Maßnahmen der letzten Jahre als eine neue Form der Wirtschaftspolitik erkannt werden. Derzeit spricht man von Sondersituationen, die immer wieder aufzutreten scheinen. Das Agieren von Notenbanken ist wenig dogmatisch, orientiert sich kaum an Grundprinzipien, sondern vielmehr am aktuellen Marktgeschehen. Notenbanken agieren als eine Art Attraktor und Staaten werfen Regeln über Bord (Maastricht-Verträge). Derzeit läuft alles noch. So etwa muss es sich damals für Meteorologen angefühlt haben, die den Bauernkalender noch in der Hand hielten, während sich moderne Prognosemodelle entwickelten.

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