Weltwirtschaftskrise light?

16. Okt 2020 | Blog

VON Alfred Kober

Häufig ist es Unverständnis und Kopfschütteln, das dieser Tage Anlagegespräche prägt. Dass die Situation der globalen Realwirtschaft und die Entwicklungen an den Aktienmärkten nicht ständig einher gehen, ist nicht neu. Ganz im Gegenteil – über kürzere Zeiträume bedingt das eine nicht unmittelbar das andere, doch dieses Mal könnte die Divergenz gegenteiliger nicht sein. All die Umstände und verhängten Maßnahmen würgen am Halse der Weltkonjunktur. Volkswirtschaften, die sich dem Trend entziehen konnten, sind kaum ausfindig zu machen. Es ist ein Faktum – der Stecker wurde gezogen und der Preis dafür ist ein hoher. Einschätzungen zeigen, dass in diesem Jahr die Wirtschaftsleistung in mehr als 90% der Volkswirtschaften schrumpfen wird. Ein historischer Rekordwert (Abbildung 1) der in Anbetracht der letzten Entwicklungen auch recht sicher in dieser Härte eintreten wird.

Abbildung 1: Entwicklung - geschätzter Anteil an Volkswirtschaften mit negativem BIP-Wachstum

 

Quelle: TheStreet.com/MishTalk, 2020

Als Ausgleich und zur Aufrechterhaltung von Nachfrage und Angebotskapazitäten erleben wir ebenso massive fiskal- und geldpolitische Interventionen. Erst in dieser Woche präsentierte unser Finanzminister die teure Antwort auf die Krise (50.000.000.000,- Euro für dieses und das kommende Jahr oder mehr als stolze 5.500,- Euro pro StaatsbürgerIn). Angesichts des Umfangs wird eine nachhaltige Fortführung dieses „Ausgleichs“, so wohlwollend er aufgenommen wird, auch ein Ablaufdatum haben. Impfstoff hin oder her – das Virus grassiert, die Unsicherheit bleibt hoch und der Sparstrumpf ist vielen näher als der unbeschwerte Konsum.

Im Fahrwasser all dieser weniger erfreulichen Entwicklungen haben sich Teile der Arbeitswelt in der Zwischenzeit (wieder) ins Homeoffice verlagert. Mitunter aufgrund dieser abrupten Entwicklung erleben digitale Geschäftsmodelle und Kommunikationslösungen einen beispiellosen Boom. Damit kann nun der Bogen zu den Kapitalmärkten gespannt werden. Nicht erst seit 2020 erleben Aktien aus den Branchen IT und Kommunikation einen regelrechten Nachfrageboom. Auch dieses Thema wurde an dieser Stelle bereits des Öfteren behandelt. Die CoV-Thematik zündete bei vielen dieser Aktien den Kurs-Nachbrenner. Kontinuierlich hohes Umsatzwachstum zeichnet sich im gegenwärtigen Umfeld abseits der ressourcenintensiven und ausgetretenen Wirtschaftspfade ab. Digitale Kommunikation, Software, IT-Infrastruktur etc. zeigen seit Jahren erstaunliche Wachstumsraten und halten zunehmend Einzug in einzelnen Lebensbereichen.

Klar, auch Finanz- und Kapitalmärkte bleiben von dieser Entwicklung absolut nicht verschont. So verzeichneten Online-Broker in der Zeit des internationalen Lockdowns historisch hohe Depoteröffnungen. Dabei ist es vor allem die jüngere Generation, die mittlerweile über mobile Apps vermeintlich spesenfrei und in Kleinstbeträgen ihr Glück versuchen. Im Mittelpunkt der Investition bzw. des Handels stehen Aktien vertrauter Unternehmensmarken. Also e-Sport der etwas anderen Art mit ungewissem Ausgang. Trotz immenser technologischer Fortschritte bleibt alles beim Alten. Übertreibungen, in beide Richtungen, Euphorie und Frustration – alles feste Bestandteile des Börsengeschehens.

Die digitale Revolution findet seit Jahrzehnten statt und krempelt mit neuen Geschäftsmodellen in zunehmender Geschwindigkeit ganze Branchen um. Das Ausrollen neuer Geschäftsmodelle war noch nie so „einfach“ und schwierig zugleich. Etwa 5 Mrd. Smart-Phone Nutzer sind unmittelbar per App erreichbar – demgegenüber steht eine globale Konkurrenzsituation, die erdrückend ist. Es ist anzunehmen, dass Unternehmen mit mächtigen Marken künftig noch härter und gezielter um die Gunst des Kunden werben – ganz nach dem Motto: The Winner takes it all the loser is standing small.

Nicht neu sind ebenso die punktuell stolzen Börsenwerte einzelner Unternehmen und Sub-Branchen. Diese sind weniger durch aktuelle Geschäftsergebnisse erklärbar als durch exponentielles Wachstum in den Jahren, die vor uns liegen. Marktteilnehmer versuchen diese künftige Entwicklung einzupreisen. Positive wie auch negative Überraschungen werden uns auf diesem künftigen Weg begleiten.

Neben klassischen technologischen Weiterentwicklungen stellen disruptivere Innovationen komplette Branchen auf den Kopf. Neues wird entstehen und herkömmliche Ansätze verdrängen. Ganz nach Schumpeter lebt auch in diesen herausfordernden Zeiten die kreative Zerstörung mehr denn je. So schwierig und brutal diese Phasen der Neuordnung auch sind, sie stellen seit jeher die Grundlage für Entwicklung, Wachstum und höheren Wohlstand dar.

Quelle:

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