Hosting The Olympics – Katerstimmung vorprogrammiert

16. Jul 2021 | Blog

VON Benjamin Fauster

Kaum wurde der EM-Pokal von der italienischen Nationalmannschaft in die Höhe gestemmt, steht bereits das nächste sportliche Großereignis vor der Tür. In Tokio kämpfen in etwa 11.000 Athleten in 33 Sportarten um die begehrten Gold-, Silber- und Bronzemedaillen. Mit rund einem Jahr Verspätung steigt die große Eröffnungsfeier im neu errichteten Olympiastadion von Tokio. Aufgrund des von der japanischen Regierung ausgerufenen Notstandes wird die Eröffnungsfeier sowie der Großteil der Wettkämpfe jedoch vor leeren Rängen stattfinden. Und das, obwohl etliche Sportstätten extra für dieses Großereignis errichtet wurden. Das Megaprojekt Olympia droht für den Veranstalter und damit in weiterer Folge für die japanischen Steuerzahler endgültig zum Desaster zu werden. Die Gründe dafür sind nicht nur in der Pandemie und der damit einhergehenden Verschiebung zu finden.

 

Doch was bewegt eine Stadt bzw. eine Region überhaupt dazu, die Olympischen Spiele ausrichten zu wollen? Die größten Vorteile liegen auf der Hand. Neue Jobs werden direkt und indirekt geschaffen, Bauprojekte (Sportstätten, Transport & Verkehr, Wohnraum etc.) bringen einen wirtschaftlichen Boost und die Stadt bzw. das ganze Land kann von der neu geschaffenen Infrastruktur noch Jahrzehnte profitieren. Sofern nicht gerade eine Pandemie vorherrscht strömen neben tausenden Athleten, Medien- und Sponsorenvertretern natürlich auch zahlungskräftige Fans aus aller Welt in das Land. Zusätzlich generieren die in die Welt ausgestrahlten Fernsehbilder einen unbezahlbaren Werbewert, zumindest wird das von den Organisatoren gerne behauptet.

 

Natürlich spielen auch nicht monetäre Faktoren eine große Rolle. Als Shinzo Abe im Jahr 2012 Premierminister von Japan wurde, hat er die Bewerbung für die Olympischen Spiele 2020 als einer seiner ersten Aktionen direkt zur Chefsache erklärt. Tokio sollte sich im Rahmen der Olympischen Spiele nach Jahrzehnten der wirtschaftlichen Stagnation wiederbelebt und selbstbewusst der Welt präsentieren.

Klar ist auf der anderen Seite auch, ein Event dieser Größenordnung kostet Geld – und zwar richtig viel Geld. 2013, jenes Jahr in dem Tokio den Zuschlag für die Ausrichtung erhalten hat, bezifferten die Organisatoren die zu erwartenden Kosten auf $7,3 Milliarden. Fest steht heute bereits, dass die aktuellen Sommerspiele nach neuesten Expertenschätzungen mit über $26 Milliarden aller Wahrscheinlichkeit nach die teuersten aller Zeiten werden.

 

Flyvbjerg, Budzier und Lunn von der Saïd Business School der Universität Oxford haben in ihrer Studie aus dem Jahr 2020 gezeigt, dass Tokio als Veranstalter damit in guter Gesellschaft ist und gewissermaßen eine Tradition zur Überschreitung der initialen Kostenschätzung bei Olympischen Spielen fortführt. Seit 1960 hat tatsächlich kein Ausrichter das geplante Budget einhalten können. Im Schnitt wurde dieses sogar um 172 % überschritten.

 

 Quelle: Flyvbjerg et al., S 29.

 

Drei Beispiele aus der Vergangenheit stechen dabei besonders ins Auge. 

 

Montreal hat für seine Sommerspiele im Jahr 1976 das Budget um 720 % überschritten und musste aus diesem Grund noch 30 Jahre nach dem Erlöschen der olympischen Fackel die dadurch entstandenen Schulden für das Megaevent zurückzahlen. 

Die Spiele 2004 in Athen haben, trotz einer unterdurchschnittlichen Kostenüberschreitung von 49 %, wesentlich zur schlechten wirtschaftlichen Lage im Land beigetragen. Die nahezu katastrophalen Auswirkungen für Griechenland, aber teilweise auch für die EU sind bis heute und vermutlich noch lange zu spüren.

Der Zuschlag für Rio 2016 war zum Zeitpunkt der Vergabe für die Region und ganz Brasilien ein Glücksfall. Der brasilianischen Wirtschaft ging es gut, man freute sich auf die Spiele. Nachdem die Kosten explodierten musste der Gouverneur vom Bundesstaat Rio de Janeiro zwei Monate vor der Eröffnungszeremonie sogar den Notstand ausrufen, um die zusätzlich notwendigen Finanzmittel für das Weltereignis freizusetzen. Die brasilianische Volkswirtschaft war zu diesem Zeitpunkt bereits in einer schweren Rezession gefangen, die Auswirkungen sind ebenfalls bis heute sichtbar.

 

Warum laufen die Kosten aber nun regelmäßig und teilweise massiv aus dem Ruder? Das Forscherteam aus Oxford beschreibt sechs kausale Faktoren, die für die ständige Budgetüberschreitung speziell bei Olympischen Spielen verantwortlich sind:

 

1. Ist die Entscheidung zugunsten eines Austragungsortes gefallen, kann diese (nahezu) nicht mehr umgekehrt werden.

2. Der Termin für die Eröffnungsfeier ist fixiert, ebenso wie der Zeitraum für die darauffolgenden Wettkämpfe. Im Gegensatz zu anderen Megaprojekten sind Olympische Spiele somit kaum verschiebbar, selbst wenn rational ein Aufschub die beste Entscheidung wäre. Als einzige Möglichkeit den Termin halten zu können, bleibt meist nur mehr und mehr Geld in die Hand zu nehmen.

3. Das Gastgeberland ist verpflichtet, Kostensteigerungen zu übernehmen („Blanko-Scheck-Syndrom“).

4. Ein enges Korsett bei den Vorgaben in puncto Größe, Struktur und Qualität der Spiele und damit wenig Spielraum, um Kosten gegebenenfalls reduzieren zu können.

5. Eine lange Planungs- und Umsetzungsphase führt zu einer hohen Auswirkung von zufällig auftretenden Risiken.

6. Nachdem die Olympischen Spiele jedes Mal an einem anderen Schauplatz stattfinden, sind die Organisatoren vor Ort für diese Art, Größe und Komplexität von Projekten unerfahren. Dieses Phänomen wird als „ewiges Anfängersyndrom“ (Eternal Beginner Syndrome) bezeichnet.

 

Das Forscherteam konnte zusätzlich aufzeigen, dass die erwähnten Faktoren zusammen betrachtet einer sogenannten Potenzgesetz-Verteilung (Power law distribution) folgen. Zusätzliche Kosten steigen demnach nicht linear, sondern exponentiell an. Das daraus resultierende hohe finanzielle Risiko liegt aufgrund des „Blanko-Schecks“ nahezu ausschließlich beim Veranstalter.

 

Im aktuellen Fall wurden die Olympischen Spiele nicht aufgrund von Fehlern im Projektmanagement, sondern aufgrund COVID-19 um ein Jahr verschoben und damit finden erstmals Sommerspiele außerhalb des üblichen 4-Jahres-Rhythmus statt. Experten schätzen die zusätzlichen Kosten für Tokio bzw. Japan aufgrund der Verschiebung auf rund $3 Milliarden. Damit verbleibt jedoch eine Kostenüberschreitung von rund $15 Milliarden, welche auf diverse andere Faktoren zurückzuführen ist. Leidtragende sind die japanischen Steuerzahler in der bereits höchst verschuldeten Industrienation der Welt. 

Bleibt die Frage, wer sich in Anbetracht dieser Aussichten zukünftig für eine Austragung von Olympischen Spielen bewirbt. Interessenten gibt es tatsächlich meist genug, immer öfter scheitert die Kandidatur schlussendlich an der Zustimmung der Bevölkerung. Die Vergabe der Winterspiele 2026 unterstreicht diesen Trend, viele Interessenten sind im Laufe des Bewerbungsprozesses aus diesem Grund abgesprungen:

 

Region Graubünden (Schweiz) – Die Bevölkerung spricht sich gegen die Finanzierung des Bewerbungsverfahrens aus. Es wird keine Bewerbung eingereicht.

Innsbruck – Volksbefragung in Tirol mit einem Nein-Anteil von 53 % (in Innsbruck waren sogar zwei Drittel gegen die Bewerbung). Es wird keine Bewerbung eingereicht.

Graz/Schladming – Mangelnde Unterstützung durch die steirische Landesregierung wird als offizieller Grund angegeben jedoch weitgehend geringe Unterstützung der steirischen Bevölkerung (Volksbefragung war bereits angesetzt). Es wird keine Bewerbung eingereicht.

Calgary (Kanada) – Volksbefragung mit einem Nein-Anteil von 56 %, die Bewerbung wurde zurückgezogen.

Sitten (Schweiz) –Volksabstimmung mit einem Nein-Anteil von 53 %, die Bewerbung wurde zurückgezogen.

 

Nachdem das türkische Erzurum vom Internationalen Olympischen Komitee als Bewerber nicht zugelassen wurde, verblieben zwei Kandidaturen – jene von Mailand/Cortina d’Ampezzo und Stockholm/Åre. Die höhere Zustimmung innerhalb der italienischen Bevölkerung sowie umfassende staatliche Finanzgarantien (Stichwort Blanko-Scheck) soll, Beobachtern zufolge, den Zuschlag für Mailand/Cortina d‘Ampezzo gesichert haben.

 

Aktuell haben somit Peking (2022), Paris (2024), Mailand/Cortina d’Ampezzo (2026) und Los Angeles (2028) eine neue Chance, die geplanten Kosten erstmals einzuhalten und die jeweiligen Finanzhaushalte nicht zusätzlich zu belasten. Diese werden aufgrund der derzeitigen Pandemie ohnehin außerordentlich beansprucht. Ob das gelingt bleibt abzuwarten, die Wahrscheinlichkeit ist historisch betrachtet jedenfalls gering.

 

Quellen:

Flyvbjerg, Bent and Budzier, Alexander and Lunn, Daniel, Regression to the Tail: Why the Olympics Blow Up (September 1, 2020). Flyvbjerg, Bent, Alexander Budzier, and Daniel Lunn, forthcoming, "Regression to the Tail: Why the Olympics Blow Up," accepted for publication, Environment and Planning A: Economy and Space. 

 

Hier können Sie den Verfasser gerne kontaktieren: benjamin.fauster@securitykag.at