Wie stehts um den Diebstahl am kleinen Mann?

30. Jul 2021 | Blog

VON Alfred Kober

Wie stehts um den Diebstahl am kleinen Mann? Wieder einmal zanken sich Monetaristen und Anhänger des Keynesianismus darüber, wer wohl dieses Mal Recht behalten wird. Das Thema beherrscht die Medien und betrifft uns alle. Sie haben es bestimmt erraten, es dreht sich alles um die Entwicklung der Konsumentenpreise, die zuletzt sprunghaft angestiegen sind. Während Monetaristen den inflationären Trend als Ergebnis der Geldmenge (bzw. der Umlaufgeschwindigkeit) sehen, dienen für das andere Lager die Situation der Nachfrage und insbesondere die Lage am Arbeitsmarkt als Hauptgrößen für die Preisentwicklung. Dass das simple anmutende Thema hoch komplex ist, zeigt die Trefferquote der Ökonomen. Diese ist alles andere als gut und veranschaulicht, dass einfache Modelle wohl eher wenig geeignet sind, um der Komplexität Herr zu werden. Dass in diesem Zusammenhang Eins und Eins nicht immer unmittelbar Zwei ergibt und die Argumentationssuppe eher deftig als durchsichtig ist, wird nachstehend anhand einiger Gedanken im Schnelldurchlauf beleuchtet.

 

Gedanke 1: Der NASA Space-Launch der Geldmenge

Der globale starke Anstieg der Geldmenge ist alles andere als ein neues Phänomen und dient seit der Finanzkrise vor über 10 Jahren als Hauptargument der Monetaristen für höhere Preise. Oft unerwähnt bleibt dabei die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes, die in Kombination mit der Geldmenge zu sehen ist und als Produkt die erklärende Größe für BIP und Inflation darstellt. Parallel zum starken Anstieg der Geldmenge ist die Umschlagsintensität im vergangenen Jahrzehnt mit zunehmender Geschwindigkeit eingebrochen. Bis zuletzt zeigte sich die Preiskomponente trotz exponentiell gestiegener Geldmenge weitestgehend unbeeindruckt. Dies erklärt den negativen Trend der Umlaufgeschwindigkeit, die seit 25 Jahren und ganz nach dem Motto: „Drei mal Null ist auch Null“ – nicht wesentlich reagiert. Für Anhänger des Monetarismus hängt die aufgeblasene Geldmenge wie ein Damoklesschwert über dem Thema der künftigen Preise.

 

Gedanke 2: Der Arbeitsmarkt - BabyBoomer gehen in Rente

Der stetige Austritt geburtenstarker Jahrgänge aus dem Arbeitsmarkt wird von vielen Seiten arbeitsmarktverknappend und preistreibend im Sinne der Lohn- und Gehaltsentwicklung angesehen. Global beobachtbar ist allerdings, dass sich der Arbeitskräftemangel im Wesentlichen auf einzelne wenige Berufsgruppen beschränkt und die Partizipation am Arbeitsmarkt historische Tiefststände aufweist. Angesichts dieser Situation gäbe es ausreichend Kapazitäten. Ein zunehmender Grad an Automatisierung und Digitalisierung erhöht die Produktivität der Volkswirtschaften und wird auch künftig den Kostendruck seitens des Arbeitsmarktes abfedern können. Dass seit den 70iger Jahren auf globaler Ebene die Einflusskräfte von Gewerkschaften sinken, tut dabei sein Übriges. Eine zunehmende Überalterung und in Folge der Bevölkerungsrückgang dämpfen die strukturelle Nachfrage-/ und Wachstumsdynamik. Japan ist ein klassisches Beispiel und fällt seit Jahren durch sehr niedrige Inflationsdaten auf. Der Peak der Weltbevölkerung wird in rund 50 Jahren erwartet, wobei das Wachstum bis dahin nahezu ausschließlich aus den asiatischen und afrikanischen Ländern kommt. Die Population in Europa befindet sich bereits im Rückwärtsgang.

 

Gedanke 3: Oligopolisierung der Welt

Ein durchaus relevantes Thema, das meines Erachtens bisweilen viel zu wenig Beachtung findet, ist in den Wirtschaftsstrukturen zu finden. Einzelne Industriezweige weisen mittlerweile extrem konzentrierte Strukturen auf und verleihen den Branchengrößen Macht und Pricing-Power. Eines der plakativsten Beispiele ist wohl in der Herstellung von Flugzeugen zu finden, da im Wesentlichen zwei Hersteller die Welt beliefern. Die Energiebranche, Nahrungsmittel und mittlerweile sicherlich auch Auswüchse in der Branche der Informationstechnologien konterkarieren immer stärker den freien Wettbewerb und einen kompetitiveren Preisbildungsprozess. Dagegen gehalten werden kann das Argument der gnadenlosen Transparenz auf globalen digitalen Marktplätzen, die seit Jahren zweifelsohne preisdämpfend wirkt.

 

Gedanke 4: Die globale Staatsverschuldung geht durch die Decke
Aufgrund der Krisenvielfalt und der entsprechenden Überbrückungsmaßnahmen von staatlichen Seite sind die Verschuldungsniveaus global gestiegen. Für eine entsprechende Nachfrage haben die internationalen Notenbanken gesorgt, die immer weniger unabhängig agieren und zunehmend in Union mit der fiskalpolitischen Seite auftreten. Die als wachstumshemmend angesehenen Schwellen der Staatsverschuldung sind in vielen Volkswirtschaften bereits seit Jahren überschritten. Wie sehr Staatsschulden/Staatspapiere, die bei der eigenen Notenbank gebunkert sind, auch als „harte Schulden“ anzusehen sind, ist wohl eher eine Auslegungssache und hat sich bisweilen auf das Vertrauen seitens der Kapitalmarktteilnehmer nicht sonderlich ausgewirkt. Die Gratwanderung der internationalen Notenbanken zwischen bewusster Reflationierung des Systems und der eigenen Glaubwürdigkeit wird uns wohl noch Jahre erhalten bleiben. Hinzu kommen die weiter punktuell massiv negativen Staatsbudgets verbunden mit dem Unwillen einer Abkehr davon. Es besteht wenig Zweifel, dass angesichts dieser Situation wohl auch der Druck auf der steuerlichen Seite ansteigen wird. Sichtbar wird dies bereits mit der Arbeit an einer globalen Mindeststeuer für Großkonzern, zu der sich just vor kurzem 130 Länder/rd. 90% der globalen Wirtschaftsleistung kommittiert haben.

 

Gedanke 5: Inputpreise

Die angedeutete globale Verwässerung der Geldwerte wird sich langfristig wohl auf die Preise knapper und nachgefragter Rohmaterialien preissteigernd auswirken. Effizienzsteigerungen mögen dem Preisauftrieb entgegenhalten, allerdings sind es eben neben dem technologischen Fortschritt auch Verschiebungen der Nachfrage- und die Angebotsseite, die den Preisbildungsprozess mitbestimmen. Während etwa die globale Elektrifizierung den Hunger nach bestimmten Metallen immer weiter anheizt, steigt ebenso der Druck auf Unternehmen der fossilen Energiebranche, sich in Richtung Dekarbonisierung zu entwickeln. Dies bedingt mitunter auch langfristige Investitionen neu zu evaluieren und eventuell auf Eis zu legen. Entwickelt sich die Nachfrage nach fossilen Energieträgern im selben Tempo retour wie Investitionen in die Absicherung der künftigen Nachfrage oder steuern wir auf einen Miss-Match zu? Ein Klassiker ist auch das Beispiel des Kupferbedarfs eines E-Autos, der ein Vielfaches eines traditionellen Verbrenners betragen soll. Ist Kupfer als das neue Öl?

 

Gedanke 6: Globalisierte Supply Chains

Die Fragilität der grenzüberschreitenden und hochoptimierten Lieferketten ist durch die weltweite Pandemie offensichtlich zutage getreten. Produktionsunternehmen leiden darunter, überhaupt nicht oder zumindest nicht rechtzeitig mit Fertigungsprodukten beliefert zu werden. Der Prozess gigantischer On-Shore Investitionen zur Herstellung kritischer Produkte, wie etwa in der Halbleiterbranche, ist bereits in Gang gesetzt und wird längerfristig die Abhängigkeit zu entlegenen Zulieferern lindern. Erst vor wenigen Wochen erfolgte die weitestgehende/vorübergehende Schließung des 4. Größten Hafens in China, über den rd. 90% der Elektronik- und Spielzeugwaren verschifft werden. Trotz voranschreitender globaler Durchimpfung treibt das Virus sichtlich auch weiterhin seine Blüten. Dass nicht nur Fertigungserzeugnisse, sondern eben auch deren Transport zur Fertigungsstätte kritisch zu sehen ist, tritt unter anderem an den exponentiell angestiegenen Frachtraten zutage. Diese schlagen sich durch bis zu den Endverbraucherpreisen. Die Frachtraten von chinesischen Häfen zu den Hauptdestinationen in Europa und den USA befinden sich immer noch auf Rekordniveaus und Engpässe resultieren nicht nur aufgrund der höheren Nachfrage, sondern auch aus den gesunkenen Frachtkapazitäten (wir erinnern uns alle an das enorme Überangebot an Kapazitäten vor mittlerweile über 10 Jahren). Es ist wohl davon auszugehen, dass das gesamte Thema der Lieferkettenunterbrechungen als vorübergehendes preissteigerndes Phänomen anzusehen ist, das sich längerfristig wieder auf niedrigerem Niveau stabilisieren sollte.

 

Gedanke 7: Dekarbonisierung

Ganz im Gegenteil zur Lieferketten-Problematik wird die voranschreitende Dekarbonisierung zumindest in der ersten Phase wohl auch höhere Kosten mit sich bringen. Sei dies durch höhere Preise für die Nutzung derzeit verbreiterter fossiler Energiequellen oder auch für den partiellen Ausgleich von CO2-Emissionen durch den Ankauf von Zertifikaten. Die Kosten für letzteres sind transparent und verzeichnen enorme Preissteigerungen. Aufgrund des eingeschlagenen Weges zur Klimaneutralität erlaube ich mir die Behauptung, dass die Nachfrage nach Ausgleichszertifikaten wohl noch über Jahre hinweg anhalten wird.

 

Gedanke 8: Zombifizierung der Wirtschaft

Die niedrigen/negativen Kosten für Fremdkapital erlauben Unternehmen mit hohem Fremdkapitalanteil und niedrigsten Gewinnmargen zu operieren. Entsprechend hoch ist der Anteil überschuldeter und kaum profitabler Unternehmen (Zombi = Unternehmen mit EBIT < Zinslast). Einzelne Wirtschaftsbereiche verzeichnen Tiefststände der Gewinnmargen und unausgelastete Kapazitäten. Der von den Notenbanken beeinflusste niedrige Preis für Geld (Zinsen) zögert Bereinigungsprozesse seit Jahren hinaus. Die Situation hat sich vor allem auch in den Monaten der Pandemie weiter zugespitzt. Diese interventionsbedingte Schieflage ist seit Jahren nicht inflationstreibend.

 

Die beschriebenen Bereiche zum Inflationsthema lassen sich sicherlich viel weiter ausdehnen. Die Zusammenfassungen sollen lediglich einen kurzen Abriss der komplexen und fortführbaren Argumentationsvielfalt geben, die für den künftigen Weg der Konsumentenpreise (mit-)verantwortlich ist. Über den Preisanstieg, den wir momentan erleben, wird wohl auch noch länger hin- und her-diskutiert werden. Während die eigene intuitive Reaktion auf all die Interventionen der vergangenen Monate in Richtung höherer Konsumentenpreisen tendiert, reagieren die Kapitalmärkte gegenwärtig punktuell genau gegenteilig. Einfache lineare Antworten und Prognosen auf komplexe Situationen sind eben wie Märchen – in der Regel zu schön, um wahr zu sein.

 

 

Referenzen: RealDaily.com, [29.7.2021], Link: realdaily.com/10-zombie-stocks-to-avoid-if-interest-rates-go-up/ OurWorldInData.org, [29.7.2021], Link: ourworldindata.org/world-population-growth

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